Diversity Studies

Unikurier Nr. 108, 2/2011

Mit Vielfalt am Markt bestehen

Diversity Studies in den Ingenieurwissenschaften

Viele Köche verderben den Brei, sagt der Volksmund – und irrt. In der modernen Arbeitswelt hat man längst herausgefunden, dass eine gewisse Vielfalt Unternehmen besonders erfolgreich macht. Doch wo liegt das rechte Maß an Vielfalt, wie kann sie gestaltet werden und mit welcher Wirkung? Diese Fragen stehen im Mittelpunkt des jungen Forschungsgebiets der Diversity Studies. Mit der Einrichtung des Instituts für Diversity Studies in den Ingenieurwissenschaften (IDS, Leitung Prof. Meike Tilebein) wurde es vor knapp zwei Jahren auch an der Uni Stuttgart etabliert. Eines der ersten Forschungsprojekte beschäftigt sich mit der Vielfalt in Wertschöpfungsnetzen, also dem gesamten Weg eines Produktes oder einer Dienstleistung vom Lieferanten über den Hersteller bis zum Endkunden.

Der Begriff Diversity wird meist mit Heterogenität oder Vielfalt übersetzt und ist in der öffentlichen Diskussion irgendwo zwischen Gleichstellungspolitik und Wettbewerbsorientierung angesiedelt. Tatsächlich greift das Konzept aber sehr viel weiter: Neben Unterschiedlichkeiten in sozialen Systemen umfasst es auch Diversität in soziotechnischen beziehungsweise technischen Systemen. So erstellt das IDS zum Beispiel Simulationsmodelle, die es ermöglichen, das Innovationspotential eines Teams in Abhängigkeit von der Unterschiedlichkeit der Teammitglieder (zum Beispiel aufgrund der kulturellen Herkunft oder des Arbeitsbereichs) zu untersuchen. Oder die Wissenschaftler erforschen die vielfältigen unternehmerischen Prozesse, die bei der Früherkennung von Trends in Wertschöpfungsnetzen zu koordinieren sind. Letztere sind ein Forschungsthema des IDS im Rahmen des Projekts „Vertumnus - Früherkennen, Messen, Bewerten und Gestalten von Wandel im Wertschöpfungsnetz“, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) für drei Jahre gefördert wird und an dem neben zahlreichen Wirtschaftspartnern auch das Institut für Industrielle Fertigung (IFF) der Uni, das Performance Research Institute (IPRI), und das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) beteiligt sind.

Kern eines Wertschöpfungsnetzes ist das Produktionssystem, und damit eng verbunden ist eine Vielzahl an Lieferanten, Abnehmern und anderen Partnern. Die Frage nach der optimalen Vielfalt in einem solchen System ist existentiell für die Zukunftsfähigkeit eines Unternehmens, entscheidet sie doch darüber, wie wandlungsfähig ein Unternehmen mit dem wachsenden Veränderungsdruck einer dynamischen und zunehmend komplexen Unternehmenswelt umgehen kann: Auf die Partner im Wertschöpfungsnetz abgestimmte Investitionen ermöglichen effiziente Prozesse – doch sind sie auch flexibel genug, wenn ein Markt wegbricht und das Unternehmen deshalb mit anderen Partnern neue Produkte herstellen muss? Anderes Beispiel: Die Konzentration auf wenige Lieferanten oder Abnehmer steigert die Effizienz, doch führt sie in eine existenzbedrohende Abhängigkeit, wenn ein Hauptlieferant oder Großkunde ausfällt.

Vor diesem Hintergrund gehen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des IDS im Rahmen von Vertumnus zwei Fragen nach: Sie entwerfen zum einen ein Früherkennungssystem für Wertschöpfungsnetze, das die so genannten Wandlungstreiber (also jene Faktoren aus der Netzwerkund Unternehmensumwelt, die eine Veränderung anstoßen) frühzeitig erkennen, messen und bewerten kann. Darauf aufbauend wollen sie zum anderen konkrete Gestaltungsprinzipien für Wertschöpfungssysteme in Unternehmensnetzwerken ableiten. „Unser Ziel ist es, mit Hilfe von Simulationsmodellen komplexe Abhängigkeiten von Unternehmen zu analysieren und mit den beteiligten Entscheidungsträgern in den Unternehmen eine Methode zu entwickeln, mit der sie Wandlungsfähigkeit und geeignete Unternehmensstrategien entwickeln können“, erklärt Hans-Christian Haag, wissenschaftlicher Mitarbeiter am IDS.

Um den Wechselwirkungen zwischen den Wandlungstreibern in einem dynamischen Unternehmensnetzwerk auf die Spur zu kommen, bedient sich Haag der Modellierung und Simulation sowie der Szenariotechnik. Mit Hilfe von System Dynamics, einem Ansatz zur Modellierung von komplexen soziotechnischen Systemen, soll zudem ein Modell entwickelt werden, mit dessen Hilfe die Partner künftige strategische Handlungsoptionen erarbeiten können – und zwar über ihre individuelle Perspektive hinaus. „Eine Produktmanagerin, ein Vertriebschef oder eine Einkaufsleiterin haben oft völlig unterschiedliche mentale Modelle, um zu erklären, wie und warum sich das Umfeld eines Unternehmens verändern wird“, gibt Haag zu bedenken. Daher ist es sehr gewinnbringend, in der Gruppe Modelle zu erarbeiten mit denen sich Unternehmensstrategien diskutieren lassen. Die am IDS entwickelte Methode soll die genannten Ansätze der Simulation und Szenariotechnik zur Entwicklung eines zukunftsfähigen Früherkennungssystems integrieren. Dieses soll es den beteiligten Unternehmen ermöglichen, Wandel in den Umfeldern der Unternehmensnetzwerke zu erkennen und frühzeitig zu antizipieren.