Chefsache

Staatsanzeiger (online), 25. Januar 2010

Universität macht Gleichstellungskonzept zur Chefsache

Die Universität ist mit ihrem neuen Genderkonzept erfolgreich: Gleich drei neue Professorinnen haben im Wintersemester ihre Arbeit an der Universität Stuttgart aufgenommen. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert die hochqualifizierten Wissenschaftlerinnen mit Geldern aus Bund und Ländern für jeweils fünf Jahre. Ein neu gegründeter Gender-Beirat soll die Situation in Stuttgart zusätzlich verbessern.

„Ich war die zwei Prozent Frauenanteil in meinem Studiengang“, sagt die Professorin Meike Tilebein, die in diesem Wintersemester den Lehrstuhl für Diversity Studies in den Ingenieurwissenschaften übernommen hat. Was sich im Studium bereits zeigt, setzt sich in der Promotion und Habilitation als Trend fort und ist zum regelrechten Problem deutscher Universitäten geworden: Der weibliche Nachwuchs fehlt – vor allem in den technischen und naturwissenschaftlichen Studiengängen. Bei den Professuren zählen Frauen mit 17 Prozent in Deutschland und 18 Prozent in Europa immer noch zur Minderheit.

Auch die Universität Stuttgart hat mit dieser Problematik zu kämpfen. Derzeit sind lediglich 6,1 Prozent der Professuren mit Frauen besetzt. Um mehr Frauen für die Wissenschaft zu gewinnen, hat die Universität im November 2009 ein Gender-Konzept verabschiedet. Das Ziel ist es, den Frauenanteil auf allen Ebenen und in allen Fakultäten zu erhöhen. So soll der Anteil der Studentinnen bis Ende 2010 von 33 auf 40 Prozent und der der Wissenschaftlerinnen im Akademischen Mittelbau von 24,6 auf 30 Prozent steigen. Besonderen Handlungsbedarf sieht die Gleichstellungsbeauftragte Gabriele Hardtmann bei den Professuren: „In diesem Bereich streben wir zehn Prozent an.“

Jetzt zeigen sich die ersten Erfolge: Die Universität war bei der Ausschreibung des Professorinnen-Programms des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) erfolgreich. Die drei neuen Professorinnen Meike Tilebein, Cristina Tarin und Nadja Schott, die in diesem Wintersemester ihre Arbeit aufgenommen haben, werden nun für jeweils fünf Jahre gefördert. Voraussetzung für die Förderung durch das BMBF ist ein überzeugendes Gleichstellungskonzept. Hier sammelte Stuttgart viele Pluspunkte. „Wir haben uns angestrengt und freuen uns, dass alle drei Anträge bewilligt wurden“, sagt dazu der Rektor der Universität, Wolfram Ressel. „In Baden-Württemberg stehen wir damit an der Spitze.“ Jede Universität kann Fördermittel für bis zu drei Professuren beantragen. Bundesweit ist es bisher nur sechs weiteren Universitäten gelungen, diese Höchstförderung zu erreichen.

Von Wickeltischen bis zu Teilzeitprofessuren
„Für uns als technisch orientierte Universität ist der Gewinn von Frauen immer ein Erfolg“, freut sich Ressel. „Wir sind stolz darauf, dass wir zwei Frauen für ingenieurwissenschaftliche Bereiche gewinnen konnten. Insbesondere mit der neuen Professur von Meike Tilebein hoffen wir, neue Wege zu finden, um mehr junge Frauen für Technik und Wissenschaft zu begeistern.“

Auf dem Gebiet der Frauenförderung ist die Universität Stuttgart seit den 90er Jahren aktiv. Fungierten bisher jedoch hauptsächlich die Gleichstellungsbeauftragten als Motor, hat sich Ressel die Genderproblematik nun persönlich zur Aufgabe gemacht und treibt die Vorhaben gezielt voran. Diese umfassen unter anderem die Begleitung von Studentinnen, Unterstützung von Nachwuchswissenschaftlerinnen, Gewinnung von hochqualifizierten Professorinnen sowie Pläne zur Vereinbarkeit von Wissenschaft und Familie. Mit Kindergartenplätzen, Wickelräumen oder einer Notfallbetreuung will die Universität den Frauen den Weg in die Wissenschaft ebnen. Laut Hardtmann seien darüber hinaus Teilzeitprofessuren sowie Teilzeitstudiengänge geplant. Die neuen Bachelor- und Masterstudiengänge eröffneten dabei neue Möglichkeiten. Die Steuerung der einzelnen Aktivitäten übernimmt der Gender-Beirat, der im Januar 2009 erstmalig zusammentrat.

Die neuen Professorinnen gehen vorbildlich voran: „Ich sehe mich als Rollenvorbild für Studentinnen und Doktorandinnen“, sagt Tilebein. Als Studentin hat sie selbst zwei Kinder bekommen und weiß daher um die Probleme junger Nachwuchswissenschaftlerinnen. Nadja Schott, Professorin für Sportpsychologie und Bewegungswissenschaften, hat sogleich eine wissenschaftliche Mitarbeiterin eingestellt – ein Beweis dafür, dass das Gleichstellungskonzept auch bei den Universitätsangehörigen ankommt.