Verleihung des Prima!-Preises

Nora Kräutle - vor 100 Jahren erste Diplomandin

Jubiläumsfeier und erstmalige Verleihung des Prima!-Preises

campUS_intern, 05.02.2014

Es war alles andere als üblich, was Nora Kräutle Anfang des 19. Jahrhunderts tat –sie hat studiert! Am 28. Januar 1914 erhielt Nora Kräutle an der damaligen Königlichen Technischen Hochschule Stuttgart als erste Absolventin ihr Diplom in Chemie. Sie war damit zugleich auch eine der ersten Hochschulabsolventinnen an einer Technischen Hochschule in Deutschland.

Zur Feier des 100-jährigen Jubiläums lud die Universität Stuttgart am 30. Januar zu einer Festveranstaltung ein und verlieh erstmals den Prima!-Preis. Der mit 1.000 Euro dotierte Preis wird nun jährlich an Master-Absolventinnen mit einer herausragenden wissenschaftlichen Arbeit vergeben. Wie Dr. Gabriele Hardtmann, die Gleichstellungsbeauftragte, betonte, soll er dazu beitragen, jüngere Wissenschaftlerinnen sichtbar zu machen, und Frauen zu einer wissenschaftlichen Karriere ermuntern. Die erste Prima!-Preisträgerin Sinja Manck bestand ihren Masterabschluss 2013 am Institut für Physikalische Chemie der Uni Stuttgart mit Auszeichnung und arbeitet nun an der Freien Universität Berlin an ihrer Dissertation.

Dass sich die 1891 in Stuttgart geborene Nora Kräutle zum Wintersemester 1910/11 an der Königlichen Technischen Hochschule Stuttgart für Chemie einschreiben konnte, war keine Selbstverständlichkeit. Erst Ende des 19. Jahrhunderts hatten sich Frauenrechtlerinnen dafür stark gemacht, dass Mädchen das Abitur machen und studieren durften. In Württemberg gab es 1893 das erste Mädchengymnasium, und 1904 öffneten sich hier erstmals die Hörsaaltüren für Frauen – vorausgesetzt, der Professor hatte nichts dagegen, wie Nicola Hille vom Gleichstellungsreferat der Uni in ihrem Festvortrag „Nora Kräutle: Erste Diplomandin der Technischen Hochschule zu Stuttgart 1914“ berichtete.
 

Inspiration und Mentoren
Anlässlich des Jubiläums gab Sabine Laschat, die 2002 als erste Chemieprofessorin an die Uni Stuttgart berufen worden war, einen persönlichen Einblick in ihren Lebensweg. Sie habe viel Inspiration durch die Eltern erfahren und sei auf Mut machende Lehrerinnen und gute Mentoren getroffen. Karriere bedeute für sie, sagte Sabine Laschat, Verantwortung zu übernehmen und die Zukunft zu gestalten. Obwohl heute rund 40 Prozent der Erstsemester in der Chemie Frauen sind, liege der Anteil der Professorinnen nur bei 10 bis 13 Prozent, berichtete Barbara Albert. Die Professorin für Festkörperforschung an der Uni Darmstadt und Vizepräsidentin der Gesellschaft Deutscher Chemiker machte in ihrer Festrede auf einen Punkt aufmerksam, der Frauen eine Karriere in der Chemie erschwert: nach 35 Berufsjahren liegen die Jahreseinkommen von Frauen im oberen Management – vornehmlich der von Müttern – 30 Prozent unter denen der männlichen Kollegen.

Und wie ging der Lebensweg von Nora Kräutle weiter? Bereits ein Jahr nach ihrem Diplom promovierte sie am 29. Juli 1915 mit Auszeichnung. Im Rahmen ihrer Dissertation beschäftigte sie sich mit der kolloidchemischen Untersuchung von Salepschleim, einem Extrakt aus den Wurzeln einer Orchideenart. Anschließend arbeitete sie zunächst in einem Privatlabor, danach wechselte sie in die Industrie. Ihr Arbeitgeber war die spätere Hoechst AG, hier lernte sie auch ihren Mann kennen. Nach der Hochzeit legte das Unternehmen ihr nahe – wie damals üblich – aus der Firma auszuscheiden. Nora Kräutle verließ ihre berufliche Stellung und bekam zwei Kinder.

In der Jubiläumsschrift „Die Anfänge des Frauenstudiums in Württemberg: Erste Absolventinnen der TH Stuttgart“ (Franz Steiner Verlag Stuttgart) porträtieren Nicola Hille und Dr. Gabriele Hardtmann weitere Absolventinnen der damaligen Zeit. Zudem geben die Autorinnen einen spannenden Einblick in die Anfänge der Frauenbewegung in Württemberg.