Gute Zeiten für Frauen

Staatsanzeiger, 22. Januar 2010

„Die Zeiten waren für Frauen nie besser als jetzt“

Gleich drei neue Professorinnen haben im Wintersemester an der Universität Stuttgart ihre Arbeit aufgenommen. Der Frauenanteil steigt damit gehörig, denn Frauen auf dem Professorenstuhl zählen weiter zur Minderheit. Abhilfe soll nun das Professorinnen-Programm des Bundesministeriums für Bildung und Forschung schaffen.

STUTTGART. Richtig angekommen sind Nadja Schott und Meike Tilebein noch nicht in Stuttgart. In den Büros der beiden Professorinnen stapeln sich die Umzugskartons, die Wände sind kahl, Pappbecher ersetzen das Kaffegeschirr und neue Mitarbeiter müssen teilweise noch eingestellt werden. „Mir fehlen die helfenden Hände, um alle Bücher und Unterlagen einzuräumen“, entschuldigt sich Tilebein. In wenigen Wochen wird der erste wissenschaftliche Assistent sie an dem neu eingerichteten Lehrstuhl für Diversity Studies in den Ingenieurwissenschaften unterstützen. Sie freut sich darauf, einen Lehrstuhl komplett neu aufzubauen.

Ziel: Frauenanteil bis 2013 auf zehn Prozent erhöhen
Genau wie sie werden auch Nadja Schott, Professorin für Sportpsychologie und Bewegungswissenschaften und Cristina Tarin, zuständig für die Prozessleittechnik im Maschinenbau am Institut für Systemdynamik, im Rahmen des Professorinnen-Programms des Bundesministeriums für Bildung und Forschung gefördert. Fünf Jahre lang werden Bund und Land ihre Arbeit finanzieren. Damit will die Universität ihrer Zielvorgabe, bis 2013 den Frauenanteil auf zehn Prozent zu erhöhen, einen großen Schritt näher kommen. Derzeit stehen lediglich 21 W3-Professorinnen, inklusive Juniorprofessur, 223 W3-Professoren gegenüber.

Das Förderprogramm setzt Akzente, wenngleich es einmal mehr zeigt, dass Frauen in der Alma Mater weiter nicht selbstverständlich sind. In aller Regel schneiden Studentinnen im Studium und bei der Promotion besser ab als ihre männlichen Kommilitonen. Dennoch gibt es bloß wenige Frauen an der Spitze der Universitäten. Was hindert sie an der wissenschaftlichen Laufbahn? „Frauen stehen in Deutschland immer noch vor der Frage: Kinder oder Karriere. Für mich ist das der Hauptgrund, warum es so wenige Professorinnen gibt“, sagt Nadja Schott, die sich selbst gegen Kinder entschieden hat. Tilebein dagegen ist Mutter zweier Kinder, die sie noch während des Studiums bekommen hat. Dadurch verzögerten sich Studium und Promotionsphase. „Mein Gehalt habe ich eins zu eins in die Kinderbetreuung gesteckt“, erzählt sie. Tarin hat ebenfalls Kinder und Karriere vereinen können – dank der Unterstützung ihrer Familie.

Kurz gesagt: Es fehlen die nötigen Rahmenbedingungen. Gäbe es mehr Betreuungsplätze für Kinder oder attraktive Modelle wie ein Dual-Carrier-System nach amerikanischem Vorbild, würden sich mehr Frauen in die Wissenschaft wagen, davon sind die Neu-Professorinnen überzeugt. „Denn wenn es hart auf hart kommt“, so Tarin, sei es doch immer noch die Frau, die sich um die Kinder kümmert. Das bestätigt auch Tilebein: „Wer sich abends um die Kinder kümmern muss, kann keine Publikationen schreiben. Manchmal habe ich mir daher eine Umrechnungstabelle für Berufungskommissionen gewünscht, die angibt, wie viele Artikel ein Kind wert sind.

Motivation, Querdenkertum und Hartnäckigkeit – diese Eigenschaften zeichnen nach Meinung der drei Professorinnen Frauen aus. Und damit lasse sich in der Wissenschaft viel erreichen: „Ich hatte mehr Durchhaltevermögen als andere“, sagt Tarin über sich selbst. „Ich habe sehr hart gearbeitet, viel geforscht und viele Veröffentlichungen geschrieben. Manch andere hätte wahrscheinlich schon früher aufgegeben.“

Die Vitamin-B-Gesellschaft Wissenschaft
Andere Wege gehen oder mal um die Ecke denken, hält Schott für essenziell. Neben Sport hat sie auch Jura studiert, in der Physiotherapie und beim Radio gearbeitet und ist ins Ausland gegangen. „Ich habe viel ausprobiert und neue Arbeitsweisen kennengelernt“, sagt sie. Neue Wege beschritt auch Tilebein. Nach dem Studium der Technischen Kybernetik schrieb sie ihre Diplomarbeit am Stuttgarter Institut für Betriebswirtschaftslehre und bewegt sich mit ihrer Doppelqualifikation in zwei Welten, die ihr nun zugutekommen.

„Die Zeiten waren für Frauen nie besser als jetzt“, meint Tilebein. Denn das Thema Gleichstellung erhält momentan viel Aufmerksamkeit. Durch Initiativen wie dem Professorinnen-Programm oder den Girl’s Day ließen sich die Wege für Frauen in die „Vitamin-B-Gesellschaft“ Wissenschaft ebnen. „Da wir Frauen immer mehr werden, haben auch wir unsere Netzwerke.“ Sportprofessorin Schott hat dieses Vorhaben bereits umgesetzt: Eine junge Kollegin, die sie letztes Jahr auf einer Tagung kennenlernte, hat sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin mit ins Boot geholt.