Schlieben-Lange-Programm

Staatsanzeiger, 25 Januar 2010

Frauen soll der Weg in die Wissenschaft erleichtert werden

Die Landesregierung will junge Frauen mit Kind in der Wissenschaft fördern. Dazu wurde das Schlieben-Lange-Programm eingerichtet. Nun fand eine erste Netzwerkveranstaltung der Wissenschaftlerinnen an der Universität Stuttgart statt. Und es wurde schnell klar: Kinderbetreuung ist bloß ein Punkt. Für Frauen in der Wissenschaft gibt es zahlreiche Stolpersteine.

Knapp 100 Promotionen, Habilitationen und vergleichbare künstlerische Qualifikationen wurden seit dem Wintersemester 2007/08 über das Schlieben-Lange-Programm im Land gefördert. Pro Jahr hat das Land rund eine Million Euro dafür aufgewendet. Ein Ziel des Wissenschaftsministeriums ist es, den Anteil der Professorinnen an den Hochschulen im Land von 15 auf 30 Prozent zu erhöhen. Und dabei sollen sie nicht zwischen Familie und Wissenschaft entscheiden müssen, sagt Klaus Tappeser, Ministerialdirektor im Wissenschaftsministerium.

Obgleich es in Deutschland und auch in Baden-Württemberg gelang, den Anteil der Professorinnen in den vergangenen Jahren deutlich zu steigern, bleibt Deutschland im europaweiten Vergleich eines der Schlusslichter, wie Inken Lind vom Kompetenzzentrum Frauen in Wissenschaft und Forschung in Bonn ausführt. Auch wenn nach ihren Untersuchungen Frauen mit Kindern ihre akademische Perspektiven am schlechtesten einschätzen, ist sie bei ihren Analysen auf eine Reihe von Stolpersteinen für Frauen gestoßen. Einige davon liegen im Wissenschaftsbetrieb begründet. So wird Frauen beispielsweise eine Promotion seltener angeboten als Männern. Auch fühlen sie sich durch ihren Professor häufiger weniger unterstützt und gefördert. Hinzu kommt, dass es keinen formalisierten Zugang zur Promotion gibt, Promotionsstellen werden häufig informell vergeben.

Gerade für Frauen sei Anerkennung, Wertschätzung und Respekt besonders wichtig, so die Ergebnisse von Linds Untersuchungen. Erhalten sie das nicht, sei der Ausstieg aus der Wissenschaft viel wahrscheinlicher als bei Männern. Auch werde eine intensive Förderung von jungen Frauen als risikoreicher als bei Männern angesehen. Schließlich könnten sie durch Schwangerschaft und Kinder ausfallen. Dies führt auch zu Beginn der wissenschaftlichen Laufbahn schnell zu ungünstigen Bedingungen: etwa indem sie eher zeitlich befristete Stellen erhalten.

Bei der Bewerbung um eine Professur ist die Zahl der Publikationen wichtig

Auch publizieren Wissenschaftlerinnen häufig weniger als ihre männlichen Kollegen. Das kann wiederum ein K.O.-Kriterium sein, wenn es um die Bewerbung um eine Professur geht. Und Monika Sieverding, Professorin am Psychologischen Institut der Universität Heidelberg, ergänzt die Ergebnisse Linds um psychologische Komponeneten. So sei beispielsweise gerade bei Frauen in Westdeutschland die Identifikation mit der Mutter-Kind-Ideologie besonders groß. Dabei gebe es wissenschaftlich keinerlei Beleg dafür, dass ein Vorschulkind leide, wenn die Mutter berufstätig sei.

Doch gerade lange Unterbrechungen des Berufs- und Wissensschaftslebens wirken sich negativ auf Karriere und Verdienst aus. "Unterbrechen Sie so wenig wie möglich", sagt Sieverding deshalb an die Adresse der Stipendiatinnen. Sie hat untersucht, dass in Ländern, wo die Mutter-Kind-Ideologie weniger verbreitet sei und die Mütter nicht meinten, während der ersten drei bis sechs Lebensjahre ihres Kindes zu Hause bleiben zu müssen, die Frauen nicht allein prozentual mehr Geld verdienten als in Deutschland, sondern auch mehr Kinder bekämen. Ein weiterer Aspekt ist für sie auch die Frage des Selbstbildes. In Untersuchungen hat sie festgestellt, dass Frauen sich häufig schlechter einschätzten als ihre männlichen Kollegen.

Die Landesregierung engagiert sich derzeit nicht ohne Grund für die Frauenförderung in der Wissenschaft: Wenn nicht mehr Frauen eine Wissenschaftskarriere anstreben, wird es in einigen Jahren massive personelle Probleme an den Hochschulen geben, wie Tappeser deutlich machte. Und wenn man einerseits qualifizierte Nachwuchskräfte haben möchte, andererseits aber auch Familien mit Kindern, dann seien Programme wie das Schlieben-Lange-Programm notwendig. 

Auch die Hochschulen sind beim Thema Frauenförderung gefordert 

Doch nicht allein das Land sei bei der Frauenförderung gefragt. Auch die Hochschulen müssten ein Interesse haben, sich um wissenschaftlichen Nachwuchs zu kümmern. Jede Hochschule müsse sich deshalb Gedanken machen, wie sie an geeignete Führungskräfte kommen könne, und zwar an Männer und Frauen.

So hat beispielsweise die Universität Stuttgart einen Gleichstellungsplan erstellt und ein Genderkonzept verabschiedet, mit dem der Frauenanteil auf allen Ebenen erhöht werden soll. Neben der Gewinnung von mehr Studentinnen für die Natur- und Ingenieurwissenschaften gehört dazu auch der Aufbau eines Netzwerks, durch das Wohnungs- und Schulsuche sowie die Arbeitssuche für den Lebenspartner erleichtert werden soll. Der Hochschule sei es nun gelungen, drei neue Professorinnen zu gewinnen, sagt Kanzlerin Bettina Buhlmann. 

Und auch drei der Schlieben-Lange-Stipendiatinnen kommen von der Universität Stuttgart. Das Stipendium hat einer von ihnen den Wiedereinstieg in die Wissenschaft ermöglicht, einer die Habilitation erleichtert und im dritten Falll eine Unterbrechung der Wissenschaftskarriere verhindert. "Wir hoffen auf eine baldige Neuausschreibung des Programms", sagt Buhlmann. Und Ministerialdirektor Tappeser verspricht: "Es wird weitergehen." Noch ist allerdings nicht klar, wie, denn auch im Wissenschaftsministerium wird derzeit mit Haushaltskürzungen gekämpft.