Aus den Weiten des Alls

Stuttgarter Nachrichten, 20.01.2009

Aus den Weiten des Alls in die Zelle

Nicole Radde ist die erste Professorin an der Fakultät Maschinenbau.

In der 179-jährigen Geschichte der Uni Stuttgart gab es bei den Maschinenbauern noch nie eine Professorin. Diesen Bann hat jetzt Nicole Radde gebrochen. Damit beginnt sich auch in dieser Fakultät das Schwungrad der Emanzipation langsam zu drehen.

Nein, einen Blaumann streift Nicole Radde nie über. Lieber trägt die zierliche Frau mit den schulterlangen Haaren Jeans und T-Shirt, bei offiziellen Anlässen auch mal Kostüm. Einen schweren Schraubenschlüssel kann man sich in ihren Händen ebenfalls nicht vorstellen. Lieber lässt die 31-Jährige ihre Finger über die Tastatur fliegen, um im Großrechner eine mathematische Modellierung von biologischen Systemen zu starten.

So wenig wie auf den ersten Blick Maschinenbau und biologische Systeme zusammenpassen, so wenig hat am Anfang der Karriere von Nicole Radde darauf hingedeutet, dass sie irgendwann und noch dazu in jungen Jahren eine Juniorprofessur am Institut für Systemtheorie und Regelungstechnik der Uni Stuttgart bekleiden würde.

Bisher zählte die Fakultät eine halbe Hundertschaft Professoren. "Ich glaube, viele von ihnen sind froh, dass jetzt eine Frau dabei ist, sagt die Juniorprofessorin und lächelt zurückhaltend. Wenn sie ihre Rolle in der Fakultät einordnet, wenn sie das Thema ihrer Forschungsarbeit beschreibt, immer wählt Radde wohlbedachte Worte, immer den leisen, aber bestimmten Ton einer Frau, die in einer Männerwelt groß geworden ist und in ihr bestehen will. 

Eigentlich wollte Radde Gymnasiallehrerin für Mathematik und Physik werden und unterrichtete das sogar studienbegleitend drei Jahre lang an einer Privatschule. Doch nach dem ersten Staatsexamen an der TU Darmstadt kamen Zweifel. "Die Ausbildung wurde sehr didaktisch, ich aber wollte in die Tiefen der theoretischen Physik eintauchen." Von dort war es für sie nur ein kleiner Schritt in die unendlichen Weiten des Weltraums. In ihrer Diplomarbeit beschäftigte sie sich mit Quantenmechanik, konkret mit Kernreaktionen beim Entstehen von Neutronensternen. Doch dabei musste sie feststellen, "dass in der Astrophysik Experimente und Theorie momentan noch sehr auseinander liegen". Die Diplomarbeit zog Konsequenzen. Statt in die Sterne zu gucken, richtete sie ihren Blick auf kleine Dinge: auf Zellen.

In Köln promovierte Nicole Radde am Institut für Angewandte Informatik über nichtlineare Phänomene in biologischen Netzwerken, also über das Zusammenspiel von Genen und Proteinen bei zellulären Regulationsprozessen. Nach einem Jahr als Postdoktorandin im Bereich Bioinformatik an der Uni Leipzig bewarb sich die Wissenschaftlerin "in einer spontanen Aktion" auf eine Juniorprofessur in Stuttgart.

An der Uni Stuttgart wird mit 35 Millionen Euro sechs Jahre lang ein Forschungsverbund Simulations Technology (Simtech) gefördert. An diesem sogenannten Exzellenzcluster beteiligen sich neun Fakultäten und 20 Uni-Institute aus so unterschiedlichen Bereichen wie Metallkunde, Theoretische Chemie, Technische Optik, Höchstleistungsrechnen, Wasserbau, Baudynamik, aber auch Philosophie. Es geht um die Entwicklung neuer Modellierungs- und Simulationstechnologien. Experimente aus der realen Welt sollen schon bald am Rechner schneller, besser und sicherer werden.

Bei einem viertägigen Bewerbermarathon mit über 50 eingeladenen Kandidaten für 13 Juniorprofessuren konnte sich Nicole Radde die Stelle für Systemtheorie in der Systembiologie sichern. "Wahrscheinlich gab das, was ich bisher gemacht habe, und die Tatsache, dass ich einige Kooperationen mit Biologen vorweisen konnte, den Ausschlag." Diese Zusammenarbeit will sie in den kommenden sechs Jahren pflegen und ausbauen. Denn ihre eigene Forschungsarbeit "die Regulationsmechanismen auf molekularer Ebene zu verstehen", soll irgendwann auch praktischen Nutzen haben, beispielsweise bei der industriellen Herstellung von Antikörpern und Aminosäuren.

Doch bis es soweit ist, muss Nicole Radde vor allem mit dem Alltag eines deutschen Professors fertig werden. "25 Prozent meiner Arbeitszeit ist Verwaltung, 60 Prozent sind Lehre." Und den kleinen Rest, der für die Forschung bleibt, muss die Juniorprofessorin so nutzen, dass sie nach Ablauf des Vertrags eine von vier festen Professuren ergattert. "Die Chancen stehen etwa eins zu drei - also nicht schlecht."

Inzwischen kommen auf die Juniorprofessorin bereits neue, ganz spezifische Anforderungen zu. In der Fakultät bekleidet den Posten der Frauenbeauftragte bisher eine Sekretärin. "Nun richten sich bei diesem Thema alle Blicke auf mich", sagt Radde.

"Männer sind eher Einzelkämpfer, Frauen dagegen meist kooperativ", beschreibt Radde den Geschlechterunterschied bei der Bearbeitung wissenschaftlicher Fragen. "Dass soll aber nicht heißen, dass ich nicht auch einmal auf den Tisch hauen kann." Doch noch bevor man sich solch zarte Hände bei einer Brachialaktion ausmalen kann, lächelt Nicole schon wieder. Zurückhaltend, nicht schüchterm.