Immer einen Tick besser sein

Stuttgarter Zeitung, 21.10.2009

Immer einen Tick besser sein

Frauen sind in der Minderheit - eine Studentin, eine Doktorandin und eine Professorin erzählen.

An den Berufsaussichten kann es nicht liegen, dass Frauen einen Bogen um Ingenieurwissenschaften machen. Die sind auch in der Krise gut: "Wir haben auf dem Arbeitsmarkt eine Ingenieurlücke von 27 000 Stellen", sagt Sven Renkel vom Verein Deutscher Ingenieure, der keinen Zweifel daran lässt, dass mehr weibliche Ingenieure gebraucht würden.

Da würde die Uni Stuttgart gerne einen Beitrag leisten. Aber auch hier sind Frauen in den Ingenieurwissenschaften klar in der Minderheit. Ihr Anteil lag im Wintersemester 08/09 (ohne Architektur und Stadtplanung) zusammengerechnet bei 15,8 Prozent. Wie ist es, sich in einer Männerdomäne zu behaupten, und was fasziniert sie an ihrem Fach? Wir berichten über Erfahrungen der Studentin Marielle Friedrich (Maschinenbau), der Doktorandin Sabine Sanzenbacher (Maschinenbau) und der Professorin Ulrike Kuhlmann (Bauingenieurwesen). 

Die Studentin: Während des Abiturs war Marielle Friedrich überzeugt, sie werde Grafikdesign studieren. Weil sie die Bewerbungsmappe nicht fertigbekam, fing sie doch mit Betriebswirtschaftslehre an, um nach einem Jahr bei Maschinenbau zu landen. "Ich habe gemerkt, dass ich etwas Nützliches und Angewandtes machen will, das auch gebraucht wird", sagt die 22-Jährige; inzwischen studiert sie im vierten Semester, Ihre Entscheidung hat sie nicht bereut, auch wenn sie sich bei einem Frauenanteil von unter zehn Prozent im Hörsaal umgucken muss, wenn sie Lust auf weibliche Gesprächspartner hat. "Die Jungs sind echt unkompliziert, aber ein paar Mädels mehr würden doch guttun", meint Marielle Friedrich. Dann könnte sie mit Freundinnen in der Pause Kaffee trinken, wenn ihre Kommilitonen mal wieder die Laptops aufklappen, um eine Runde Autorennen zu spielen. Im Studium findet Marielle Friedrich bis jetzt vor allem die Konstruktionslehre spannend, aber auch im Alltag zahlt sich schon aus, den Respekt vor Maschinen abgelegt zu haben: Kürzlich hat sie sich Omas Fernsehsessel vorgenommen, dessen Motor nicht mehr wollte, wie er sollte. "Man traut sich immer mehr zu."

Die Doktorandin: Als Kind hat sie mit Lego-Technik gespielt - heute haben es Sabine Sanzenbacher echte Fahrzeuggetriebe angetan. "Ich finde es spannend, mit Hilfe mathematischer Modelle Voraussagungen zu treffen, die die Realität widerspiegeln", sagt die 27-jährige Doktorandin. Sait Januar promoviert sie am Institut für Maschinenelemente, ihre Diplomarbeit hat sie zuvor (vereinfacht ausgedrückt) darüber geschrieben, wie laut ein Getriebe aufgrund der Verzahnung ist, ein Thema, mit dem man bei Autofirmen, aber nicht auf Partys punkten kann: "Jemand, der kein Wissen darüber hat, versteht das vielleicht nur schwer", räumt die Tochter eines Ingenieurehepaares ein. Ihre Mutter hatte ihr ursprünglich vom Ingenieurberuf abgeraten. "Sie hatte schlechte Erfahrungen gemacht mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf." Noch ist das für sie kein Thema, und wenn es mal eines werden sollte, werde sich schon eine Lösung finden. Sabine Sanzenbacher empfindet den geringen Frauenanteil unter den Maschinenbauern persönlich nicht als Nachteil. "Als Frau bekommt man immer Hilfe, wenn man sie braucht." Die Zusammenarbeit mit Männern sei sehr angenehm. Nur der Satz, dass Frauen besser sein müssen als Männer, um weiterzukommen, gelte tatsächlich. "Das sehe ich als Herausforderung."

Die Professorin: Vorbereitet auf die Männerwelt war Ulrike Kuhlmann ursprünglich nicht gerade - die gebürtige Dortmunderin machte ihr Abitur an einem Mädchengymnasium. Im ersten Semester Bauingenieurwesen 1976 an der Ruhruniversität war sie plötzlich von Männern umgeben: von 240 Anfängern waren nur 15 weiblich (heute liegt der Anteil in Stuttgart bei einem Drittel). "Zuerst habe ich schon gestaunt über diese ganzen Weltmeister", erinnert sich Ulrike Kuhlmann - dass hinter dem Gehabe nicht immer viel steckt, hat sie dann aber schnell gemerkt. Auf der Karriereleiter kam es immer wieder vor, dass sie die erste Frau in einer Position war. Nicht jedem Mann hat das gefallen. "Als Frau muss man sich häufiger beweisen, gerät leichter in Kontroversen als Männer", sagt Kuhlmann. Seit Juli 1995 ist sie Professorin an der Uni Stuttgart und lange etabliert. Die Leiterin des Instituts für Konstruktion und Entwurf wird sogar aus Kiel kontaktiert, weil ihr Expertenrat im Stahl- und Verbundbau gefragt ist.

"Als Frau muss man immer einen Tick besser sein", dieser Satz habe in ihrem Fall gegolten, sagt die verheiratete Professorin und Trägerin des Bundesverdienstkreuzes. Was ihre Studentinnen angeht, hofft sie, dass sie es leichter haben, weil der höhere Frauenanteil von einem Drittel Normalität gebracht hat; dass auch mittelmäßige Studentinnen Karriere machen werden. Tatsächlich sei ihr Fach sehr ansprechend für Frauen zum Bespiel mit Architekturinteresse: "Man kann als Ingenieur sehr stark gestalten."

Programme und Netzwerke

Nachwuchs Schülerinnenprogramme sollen den Frauenanteil in den Natur- und Ingenieurwissenschaften erhöhen, wie der Girls' Day sowie "Probiert die Uni aus" für Schülerinnen der Oberstufe. Das Gleichstellungsreferat macht die Programme mitverantwortlich für einen steigenden Studentinnenanteil in einer Reihe an Fächern. Beispiel Maschinenwesen: dort lag der Studentinnenanteil 1997/98 bei unter fünf Prozent, 2007/08 bei 9,3 Prozent.

Im Studium Das Mentoring-Programm (www.uni-stuttgart.de/mentoring) und das Femtec-Network (www.femtec.org), in dem die Uni Mitglied ist, haben beide das Ziel, den weiblichen Führungsnachwuchs zu unterstützen. Femtec richtet sich speziell an Studentinnen aus den Natur- und Ingenieurwissenschaften. 40 Frauen aus Stuttgart sind seit 2005 aufgenommen worden.