FORSCHUNG LEBEN – das Magazin der Universität Stuttgart

Eine Frage des Vertrauens

Die Deutschen und ihre Akzeptanz intelligenter Systeme

Das Auto sucht eigenständig nach einem Parkplatz, ein Roboter kümmert sich ums tägliche Wohl der Großmutter: Technisch ist das bald möglich. Was aber halten die Menschen von den Versprechungen künstlicher Intelligenz (KI)? Forscherinnen und Forscher der Universität Stuttgart haben in einer Repräsentativbefragung ermittelt, wie die Deutschen den Einsatz intelligenter Systeme beim Autofahren und in der Pflege bewerten.

Einmal kurz nicht aufgepasst – und schon fährt man auf das bremsende Auto vor einem auf. Menschliches Fehlverhalten gilt gegenwärtig zu 90 Prozent als Grund für Verkehrsunfälle. Ein voll automatisertes Fahrzeug könnte diesen Unfall verhindern. Außerdem besteht die Hoffnung, dass intelligente Technik Staus vermeiden und das Parkraum-Management erleichtern kann. Für Menschen mit einer Behinderung oder Senioren könnte sie die Mobilität erhöhen.

Ob die Digitalisierung angesichts solcher technischer Möglichkeiten akzeptiert wird, dazu haben Prof. Cordula Kropp, Michael Zwick und Jürgen Hampel vom Institut für Sozialwissenschaften der Universität Stuttgart zusammen mit der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (acatech) und der Körber-Stiftung Befragungen durchgeführt. Publiziert haben sie ihre Ergebnisse im „TechnikRadar“*, der untersucht, was die Deutschen über Technik im Allgemeinen und speziell über voll autonomes Fahren, „Dr. Google“ oder Pflegerobotik denken.

Technikradar: Ergebnisse der Befragungen zum Autonomen Fahren. (c) acatech, München/Körber-Stiftung, Hamburg
TechnikRadar: Autonomes Fahren. Kaum ein Autofahrer möchte Verantwortung vollständig abgeben.

Kritisch stehen die Deutschen dem voll autonomen Fahren gegenüber, bei dem sich Fahrzeuge selbstständig auf Autobahn, Landstraße oder in der Stadt bewegen und sich fahrerlos einen Parkplatz suchen. Insgesamt sind nur rund 16 Prozent der deutschen Autofahrer bereit, die Verantwortung an ein voll automatisiertes Fahrzeug abzugeben. Knapp zwei Drittel lehnen dies (eher) ab. „Die Bevölkerung fühlt sich den intelligenten Systemen und den Entscheidungen der Politik stark ausgeliefert. Sie hat aber wenig Vertrauen in deren Glaubwürdigkeit und Lösungskompetenz”, sagt Kropp. Maßgeblich Schuld daran seien auch die Datenskandale und Angriffe aus dem Internet, wie zum Beispiel 2017 bei der Deutschen Bahn. Damals war das Unternehmen von dem weltweiten Trojanerangriff „WannaCry“ betroffen: Die Hacker forderten Lösegeld auf den Anzeigetafeln in Bahnhöfen.

Furcht vor Datenmissbrauch

Am meisten stört die Deutschen, dass die Fahrzeuge viele personenbezogene Daten sammeln. Sie sehen die Gefahr, dass diese Daten missbraucht und zum Beispiel an Versicherungen, Fahrzeughersteller oder die Werbebranche verkauft werden. „Die Bevölkerung hat Werbung satt“, sagt Zwick. Außerdem befürchten sie, dass Computerpannen ein Verkehrschaos verursachen könnten oder Angriffe aus dem Internet erfolgen. „Stellen Sie sich vor, Kriminelle erpressen einen Fahrer in seinem Auto: Wenn er nicht zahlt, wird sein Auto an den nächsten Brückenpfeiler gelenkt.“ Denkt man das Horrorszenarium weiter, könnten Städte mit der kompletten Stilllegung des Verkehrs erpresst werden. Davon wären auch sämtliche Hilfsdienste wie Polizei und Feuerwehr betroffen.

Nicht alle europäischen Länder sind beim voll automatiserten Fahren so skeptisch wie die Deutschen. Die skandinavische Bevölkerung steht den digitalen Technologien zum Beispiel positiver gegenüber. Das könnte, verglichen mit Deutschland, an einem größeren Vertrauen in Hersteller und Betreiber, vor allem aber in politische Akteure und Institutionen liegen, vermutet Zwick. In Schweden sind aufgrund der dünnen Besiedlung und der weiten Strecken die Verwaltungen schon lange vollkommen digitalisiert – und es funktioniert. „Deshalb sind die Schweden mit dem digitalen Fortschritt besser vertraut als die Deutschen. Sie gehen nicht davon aus, dass ihnen jemand etwas Böses will.“

Bei Pflegerobotern uneins

Ein weiterer Einsatzbereich für digitale Technik stellen die Pflegeberufe dar, die aufgrund des demografischen Wandels und des wachsenden Fachkräftemangels zunehmend unter Druck geraten. Als eine mögliche Lösung bringt die Industrie den Einsatz von Robotern ins Spiel. Was die Forschergruppe von Cordula Kropp dazu veranlasste, die Bundesbürgerinnen und -bürger zu fragen, wie sie den Einsatz von Robotern in der Pflege bewerten. Das Ergebnis: Die Meinungen gehen stark auseinander. 40 Prozent beurteilen Roboter in der Pflege positiv, 32 Prozent lehnen sie ab und rund 28 Prozent stehen dem Thema unentschlossen gegenüber.

Technikradar: Ergebnisse der Befragung zu Robotern in der Pflege. (c) acatech, München/Körber-Stiftung, Hamburg
TechnikRadar: Roboter in der Pflege. Menschliche Zuwendung als Luxus?

Genauer betrachtet befürchten aber 81 Prozent, dass die Pflege durch den Einsatz von Robotern weniger menschlich wird, und mehr als die Hälfte denkt, dass sich künftig nur noch Wohlhabende eine Pflege durch Menschen leisten könnten. „Zustimmung oder Ablehnung von Pflegrobotern hängen maßgeblich davon ab, ob sie Pflegekräfte entlasten oder diese ersetzen sollen“, so die Beobachtung Zwicks. Während Wirtschaft und Politik – getrieben vom globalen Wettbewerb – Fortschritt um jeden Preis fordern, akzeptieren die Deutschen die ungehemmte Digitalisierung nur bedingt. Das liege auch an der mangelnden Einbindung der Bevölkerung in politische Entscheidungen, so die Einschätzung des Forschungsteams. „Die Deutschen sollten sich dem technischen Fortschritt nicht fatalistisch ausgeliefert sehen, sondern an seiner Gestaltung beteiligt werden“, fordert Kropp. „Die Politik und die Betreiber der Technik müssen das Vertrauen der Verbraucher gewinnen. Bislang ist das nicht geschehen.“

Bettina Künzler

Dieses Bild zeigt Mayer-Grenu
 

Andrea Mayer-Grenu

Wissenschaftsreferentin, Forschungspublikationen

Zum Seitenanfang