Datum: 14. November 2016, Nr. 90

Studie des BWI der Universität Stuttgart untersucht Kohlenstoffrisiken für Finanzplatz Frankfurt

Klimawandel sorgt auch an der Börse für Sturm

Die Ziele des Weltklimagipfels, um deren Umsetzung derzeit in Marrakesch gerungen wird, fordern nicht nur von Industrie und Politik ein Umdenken, sondern auch von Kapitalanlegern. Sie müssen künftig den indirekten Beitrag ihrer Anlagen auf das Weltklima einkalkulieren. Eine aktuelle Studie*) der Universität Stuttgart zeigt jetzt erstmals auf, welch erhebliche Folgen sich daraus für den zentralen deutschen Finanzplatz in Frankfurt am Main ergeben können. Studienleiter Prof. Henry Schäfer wird die Ergebnisse am 15. November 2016 um 9.30 Uhr im Rahmen des 2nd GREEN FINANCE FORUMs des Landes Hessen und der World Bank Group im Congress Center Messe Frankfurt vorstellen.**)

Die der Frankfurter Börse notierten deutschen Aktien und Aktienfonds waren im Jahr 2015 pro investierter Million Euro Anlagekapital mitverantwortlich für den Ausstoß von 807,8 Tonnen Kohlenstoffdioxid oder äquivalenter Treibhausgase (sog. CO2e). Dieser Wert liegt deutlich über dem Vergleichswert für weltweite Aktien, den der führenden Wertpapierindexanbieter MSCI für 2015 mit 228,1 Tonnen CO2e beziffert. Die damit finanzierten Treibhausgasemissionen (so genannte Financed Emissions) des Frankfurter Finanzplatzes durch börsennotierte Aktien und Aktieninvestmentfonds unterstützen umgerechnet eine globale Erwärmung um vier bis sechs Grad Celsius. Dies widerspricht gravierend den Pariser Klimabeschlüssen vom Dezember 2015, die Zielwerte von 1,5 bis 2 Grad Celsius vorsehen.

Wenn die Pläne zur Umsetzung des Weltklimaschutzabkommens Wirklichkeit werden, droht Anlegern ein bisher kaum wahrgenommenes potentielles Risiko: Denn wenn Aktiengesellschaften im europäischen Emissionshandelssystem für das Recht, Treibhausgas auszustoßen (sog. Emissionszertifikate), zukünftig mehr bezahlen müssen, kann dies - je nach Preisentwicklung - zusätzliche Kostenbelastungen, geschmälerte Gewinne und sinkende Aktienkurse nach sich ziehen.

Deutliche Renditeverluste
Was dies für Aktienanleger am Finanzplatz Frankfurt bedeutet, wo 2015 Aktien in einem Wert von 760 Mrd. Euro gehandelt wurden, berechneten die Autoren auf der Grundlage von drei möglichen Preisszenarien für eine Tonne Emissionszertifikate CO2e. Schon im Fall des am niedrigsten erachteten Preises für Emissionszertifikate ist mit einer Wertvernichtung in Höhe von 3,07 Milliarden Euro zu rechnen. In einem Mittelpreis-Szenario würde der finanzielle Verlust 15,96 Milliarden. Euro und im Hochpreis-Szenario sogar 66,3 Milliarden Euro betragen. Dementsprechend würde im Mittelpreis-Szenario die durchschnittliche Jahresrendite der Aktien des Finanzplatzes Frankfurt gegenüber mehr als 11 Prozent im Jahr 2015 auf neun Prozent sinken. Im Hochpreis-Szenario würde die Jahresrendite sogar nur noch zwei Prozent betragen. Die größten Renditeeinbußen würden Anleger bei Unternehmen der Versorgungsbranche, anderer treibhausgasintensiver Branchen wie Verkehr sowie des produzierenden Gewerbes erleiden.

Ergänzend wurden auch die vergleichbaren Konsequenzen auf der Grundlage von Aktieninvestmentfonds des Finanzplatzes Frankfurt analysiert. Hier erwiesen sich das Kohlenstoffrisiko und die damit verbundenen finanziellen Gefahren für die Anleger als geringer, aber absolut immer noch hoch. So wäre die im Jahr 2015 erzielte Rendite von Aktieninvestmentfonds in Höhe von drei Prozent um die Hälfte niedriger ausgefallen, wenn Kohlenstoffrisiken eingepreist worden wären. Bezogen auf den Fondsmarkt in Deutschland bedeutet dies im schlimmsten Fall eine finanzielle Belastung von 5,7 Milliarden Euro.

Die Ergebnisse der Studie verdeutlichen, dass die klimapolitischen Beschlüsse nicht an den Finanzmärkten vorbei gehen, sondern die Werthaltigkeit der dort notierten Aktien und Aktieninvestmentfonds hochgradig belasten können. „Gerade für Großanleger wie Versicherungsgesellschaften, Stiftungen, Altersvorsorgeeinrichtungen und Fondsgesellschaften liefern die Ergebnisse Indizien, dass sie sich mit Kohlenstoffrisiken aktiv auseinandersetzen sollten“, so Studienleiter Prof. Henry Schäfer.

Andererseits zeigt die Studie auch, dass Anlegern eine Mitverantwortung für den Treibhausgasausstoß und damit das Weltklima zukommt, der sie sich stellen sollten. Ein erster Schritt hierzu ist die Herstellung von Transparenz, worin die Studie auch ihren Hauptbeitrag sieht. Zudem versteht sie sich als Impulsgeber für weitere Forschung. So sollen Kohlenstoffrisiken, die aufgrund mangelnder Datenverfügbarkeit bisher noch nicht berücksichtigt sind, im Zuge weiterer Arbeiten am Lehrstuhl ebenfalls erfasst werden. Hierzu gehören unter anderem die Treibhausgaswirkungen von Staatspapieren oder Bankenkrediten.

Kontakt:
Prof. Dr. Henry Schäfer, Universität Stuttgart, Betriebswirtschaftliches Institut, Abt. III (Allgemeine BWL und Finanzwirtschaft), Tel.: 0711 685 86000, E-Mail: h.schaefer (at) bwi.uni-stuttgart.de.

Andrea Mayer-Grenu, Universität Stuttgart, Hochschulkommunikation, Tel. 0711/685-82176, E-Mail: andrea.mayer-grenu (at) hkom.uni-stuttgart.de

*)Originalpublikation: "Stoltenfeldt, B., Schäfer, H., CO2-Emissionen und ihre Wirkungen auf den Finanzplatz Frankfurt am Main, Forschungsbericht 02/2016, Universität Stuttgart", abrufbar unter https://www.bwi.uni-stuttgart.de/abt3/files/forschung/Forschungsbericht_CO2Risiko_FFM_2016.pdf
**)Programmdetails unter http://www.eurofinanceweek.com/