Datum: 28. Januar 2020, Nr. 006

Neue Einblicke zum Holocaust im deutsch besetzten Polen und zu den Krankenmorden der „Euthanasie“

Vorstellung der Niemann-Sammlung im Dokumentationszentrum Topographie des Terrors
[Bild: USHMM]

Im Rahmen einer Pressekonferenz und einer Veranstaltung im Dokumentationszentrum Topographie des Terrors haben am 28.01.2020 in Berlin Historiker der Forschungsstelle Ludwigsburg der Universität Stuttgart und des Bildungswerks Stanislaw Hantz e.V. die Niemann-Sammlung zu Holocaust und Nationalsozialismus mit dem Titel „Fotos aus Sobibor“ der Öffentlichkeit vorgestellt. Erst vor Kurzem wurden über 350 Fotos und schriftliche Quellen aus dem Besitz von Johann Niemann entdeckt, der stellvertretender Kommandant des Vernichtungslagers Sobibor war. Die privat gesammelten Bilder erlauben anhand der visuellen Überlieferung ganz neue Einblicke zum Holocaust im deutsch besetzten Polen und zu den Krankenmorden der Euthanasie.

Das Wissen zu der als „Aktion Reinhard“ bezeichneten Ermordung von etwa 1,8 Millionen Jüdinnen und Juden insbesondere in den Todeslagern Sobibor, Belzec und Treblinka wird durch die Niemann-Sammlung um wertvolle Erkenntnisse erweitert. Der wissenschaftliche Leiter der Forschungsstelle Ludwigsburg, Dr. Martin Cüppers, sagte in einer historischen Einordung der Quellen: „Die kürzlich entdeckte Fotosammlung stellt einen Quantensprung in der visuellen Überlieferung zum Holocaust im besetzten Polen dar. Die Sammlung liefert bedeutende historische Erkenntnisse zur Entwicklung von Zuständigkeiten bei der Umsetzung des Massenmords und zur Verantwortung für die nationalsozialistischen Menschheitsverbrechen.“ 

„Waren zu dem Todeslager Sobibor bisher gerade einmal zwei Fotos bekannt, die während der Existenz des Vernichtungslagers entstanden sind, vervielfachen nun 49 Fotos der Niemann-Sammlung eine visuelle Überlieferung und das Wissen um Sobibor“, unterstrich Steffen Hänschen, Historiker im Bildungswerk Stanislaw Hantz.

Die neuen Erkenntnisse aus der Niemann-Sammlung erhellen auch einen weiteren Zusammenhang: Zu Beginn der Massenverbrechen betraten die Nationalsozialisten Neuland, denn solche Zivilisationsbrüche waren nie zuvor realisiert worden. Dabei kamen Akteuren unterer Hierarchieebenen eine besondere Bedeutung zu. „Initiativfreudige NS-Täter wie Niemann im Belzec wurden mit erstaunlichen Handlungsspielräumen ausgestattet, womit sie dann neue Mordmethoden entwickeln und erproben konnten. Bewährten diese sich in der Praxis, war eine neue Eskalationsstufe erreicht. Die bisher eher dominierende Logik von Befehl und Gehorsam hatte dabei nur eine nachgeordnete Bedeutung“, so Cüppers.

Die Niemann-Sammlung wurde inzwischen an das Archiv des United States Holocaust Memorial Museum (USHMM) in Washington übergeben.

Zur Forschungsstelle Ludwigsburg der Universität Stuttgart

Im Jahr 2001 gegründet, analysiert die zur Abteilung Neuere Geschichte der Universität Stuttgart gehörende Forschungsstelle die nationalsozialistischen Massenverbrechen und insbesondere den Holocaust und trägt Ergebnisse solcher wissenschaftlichen Studien regelmäßig über Buchpublikationen in die Öffentlichkeit. Neben einem dezidierten Fokus auf verantwortliche Akteure und Akteurinnen der NS-Massenverbrechen zählen auch die gesellschaftspolitischen Verarbeitungs- sowie justizielle Ahndungsversuche der Nachkriegszeit zu den Leitperspektiven der wissenschaftlichen Tätigkeit.  Informationen zur Forschungsstelle

Zum Bildungswerk Stanisław Hantz e. V.

Das Bildungswerk arbeitet seit 1995 mit einem Fokus auf Erinnerungsarbeit und Bildungsreisen zu unterschiedlichen Tatorten des Holocaust in Ost-Mitteleuropa. Benannt nach einem Überlebenden des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau, ist der Verein einerseits besonders diesem Ort verpflichtet. Andererseits versucht das Bildungswerk aber auch, den Blick auf die „vergessenen“ und „unbekannten“ Orte zu lenken, und organisiert Projekte in Polen, Litauen und der Ukraine. Informationen zum Bildungswerk Stanislaw Hantz e.V.

Dr. Martin Cüppers, Wissenschaftlicher Leiter der Forschungsstelle Ludwigsburg der Universität Stuttgart, Mail

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