Menschen sitzen während der GSaME-Tagung in einem Konferenzraum.

forschung leben – das Magazin der Universität Stuttgart (Ausgabe September 2021)

Talentschmiede GSaME für eine Industrie im Wandel

Sie bringt herausragende Promovierende und führende Unternehmen zusammen – mit vielen Vorteilen für beide Seiten: die Graduate School of Excellence advanced Manufacturing Engineering (GSaME) an der Universität Stuttgart.

An relevanten, praxisorientierten Promotionsthemen forschen, dabei wertvolle Zusatzqualifikationen erlangen und bereits Kontakte für die berufliche Zukunft knüpfen – das ist das Konzept der Graduate School of Excellence advanced Manufacturing Engineering (GSaME). Die Graduiertenschule wurde 2007 als multidisziplinäres Promotionsprogramm und erstes Projekt im Rahmen der Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder an der Universität Stuttgart etabliert, um Spitzenforschung auf dem Gebiet der Produktionstechnik mit den Herausforderungen einer Industrie im Wandel zu verknüpfen.

Interview mit Prof. Mitschang und Frau Dieterich

© Universität Stuttgart | Quelle: YouTube

Die industrielle Relevanz der Forschungsaktivitäten wird durch die Beteiligung von Partnern aus der Privatwirtschaft bestätigt. Etwa die Hälfte der Promovierenden bearbeiten ihr Projekt in Zusammenarbeit mit einem Unternehmen, über das sie an der Entwicklung neuer Verfahren und Produkte beteiligt sind. „Die Promotionen sollen uns neue Erkenntnisse liefern und am Ende anwendbar sein“, verdeutlicht Dr. Martin Lehmann den praxisbezogenen Ansatz der Verzahnung von Forschung und Entwicklung. Lehmann ist beim Ludwigsburger Filtrationsspezialisten Mann+Hummel für das Forschungsnetzwerk zuständig und hat die Zusammenarbeit mit der GSaME aus Sicht eines Partnerunternehmens schätzen gelernt.

Über die wissenschaftliche Thematik des eigenen Forschungsprojekts hinaus durchlaufen die Doktorand*innen der GSaME ein promotionsbegleitendes interdisziplinäres Qualifizierungsprogramm. Jedes Forschungsprojekt wird durch ein Thesis-Komitee betreut. Die Promovierenden treffen sich außerdem zu regelmäßigen Statusseminaren, in denen sie ihren Forschungsstand vortragen. Auch eine sogenannte Komplementärqualifizierung in einem Themenfeld, das bislang nicht zum jeweiligen Studium gehörte, ist Teil des Programms, ebenso wie Projekte mit interdisziplinären Fragestellungen, die die wissenschaftliche und fachübergreifende Zusammenarbeit fördern.

Führungsqualitäten entwickeln

Diese Breite der Qualifizierung hat auch Katharina Dieterich überzeugt. „Ich finde es toll, dass ich mich neben der Promotion noch weiterbilden kann, das ist für mich ein Gewinn“, sagt die Doktorandin, die zum Thema „Disruptive Innovationen – Voraussetzungen für Sprunginnovationen insbesondere Innovationskultur als Enabler für Produkt- und Prozessinnovationen in Produktionsnetzwerken“ promoviert. Die Möglichkeit, zusätzlich zur gründlichen Forschungsarbeit unter anderem auch noch Führungsqualitäten und Routine im Präsentieren zu gewinnen, ist aus Dieterichs Sicht eine große Chance, sich auf zukünftige Herausforderungen im Berufsleben vorzubereiten.

Dass die GSaME erfolgreich arbeitet, belegen die Zahlen: Im März 2021 konnte die 100. Promotion gefeiert werden. Vitali Hirsch promovierte in Kooperation mit der Daimler AG über „Datengetriebene Identifikation potenzieller Qualitätsprobleme in komplexen Montageprodukten“. Aus den im Rahmen der GSaME bearbeiteten Forschungsthemen entstanden seit 2007 bereits mehr als 550 wissenschaftliche Beiträge in Fachzeitschriften oder auf Konferenzen. Hinzu kommen 35 Patente und Patentfamilien sowie fünf Spin-offs mit Beteiligung von Absolvent*innen der GSaME. Da versteht es sich fast von selbst, dass das Programm nicht um Interessierte werben muss. 

Menschen sitzen in einem Saal und sehen eine Präsentation.
Jahrestagung der GSaME

„Wir wollen nicht nur exzellente Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ausbilden, sondern auch die Entscheiderinnen und Entscheider von morgen“, sagt Dr. Thomas Ackermann, einst Teilnehmer der GSaME und heute deren wissenschaftlicher Koordinator. Um dies zu erreichen, will man innerhalb der Graduiertenschule in Zukunft noch stärker Sozial-, Führungs- und Methodenkompetenz vermitteln als ohnehin.

Zahlreiche Firmen haben bereits den Reiz einer Zusammenarbeit mit der GSaME erkannt. Darunter sind etliche Unternehmen aus der Automobilbranche, aber auch aus dem Anlagen- und Sondermaschinenbau sowie der Halbleitertechnik. Martin Lehmann von Mann+Hummel sieht die duale Qualifizierung in Fach- und Führungswissen als großen Vorteil der GSaME – auch für sein Unternehmen. Da sie in den Unternehmen in Projektteams mitarbeiten, könnten die Doktorandinnen und Doktoranden mit ihrem wissenschaftlichen Blick viele bereichernde Themen beisteuern. „Die Teilnehmenden bringen oft ganz neue Blickwinkel mit.“

„Die GSaME ermöglicht den Unternehmen eine frühe Sichtung möglicher neuer Mitarbeiter*innen“, sagt Prof. Bernhard Mitschang, Sprecher der GSaME. Zugleich sei durch das Graduiertenprogramm ein tragfähiges Netzwerk zwischen den fünf beteiligten Fakultäten der Universität Stuttgart und den Partnerunternehmen entstanden. Auch unter den Promovierenden bilden sich vielfach dauerhafte Kontakte: Der GSaME-Alumniverein hat derzeit mehr als 100 Mitglieder. 

Die Teilnahme an der GSaME ist für einen Großteil der Doktorandinnen und Doktoranden auch der Start in die berufliche Laufbahn. „In der Regel werden die Absolventinnen und Absolventen aus den Kooperationsprojekten übernommen“, sagt Dr. Gabriele Erhardt, Geschäftsführerin der Graduiertenschule. Seit Beginn der Corona-Pandemie sei die Quote zwar leicht gesunken, die Industrie unterstütze das Programm jedoch unvermindert weiter. In anderer Hinsicht habe die Pandemie sogar Positives bewirkt, so Erhardt: „Wir haben derzeit die höchste Publikationsrate pro Doktorand*in seit Bestehen der GSaME. Ebenso sind viele neue Patente hinzugekommen.“ 

Auch Mann+Hummel sieht die im Unternehmen eingesetzten Teilnehmenden der 
GSaME als Talente für die Zukunft, sagt Martin Lehmann. Fünf Promovierende der Graduiertenschule waren in den vergangenen Jahren bei dem Ludwigsburger Unternehmen beschäftigt. „Darunter waren Menschen, deren spezielle fachliche Qualifikationen wir in unserem Unternehmen ansonsten noch nicht haben“, nennt Lehmann einen weiteren Vorteil. Mehrere Absolventinnen und Absolventen hätten im Anschluss eine Stelle im Unternehmen gefunden, auch wenn es dafür keine Garantie gebe. „Wenn es passt, freuen wir uns – wenn nicht, sind diese Leute perfekt ausgebildet.“ 

Text: Jens Eber

GSaME in Zahlen

An der GSaME sind mehr als 30 Professor*innen der Fakultäten Konstruktions-, Produktions- und Fahrzeugtechnik, Energie-, Verfahrens- und Biotechnik, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Informatik, Elektrotechnik und Informationstechnik sowie Luft- und Raumfahrttechnik und Geodäsie beteiligt. Die Graduiertenschule ist in sechs Forschungsclustern organisiert, die die klassischen Themen der Produktion mit IT, Management oder Nachhaltigkeit verbinden. Die sechs Clusterdirektoren bilden den Vorstand der GSaME. Das in der GSaME verwirklichte Prinzip einer dualen Promotion war bei seiner Entwicklung so wegweisend, dass die Graduiertenschule im Zuge der Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder 2007 und 2012 gefördert wurde. Nach zwölfjähriger Finanzierung wird das Programm seit 2019 vom Land Baden-Württemberg getragen. 

Prof. Dr. Bernhard Mitschang, E-Mail, Tel.: +49 711 685 88449

Dr. Gabriele Erhardt, E-Mail, Tel.: +49 711 685 61801

Kontakt

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Andrea Mayer-Grenu

 

Wissenschaftsreferentin, Forschungspublikationen

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