FORSCHUNG LEBEN – das Magazin der Universität Stuttgart

Das Neue gestalten

In Baden-Württemberg entsteht ein einzigartiges Ökosystem für Künstliche Intelligenz

Künstliche Intelligenz (KI) ist der Treiber für durchgreifende Veränderungen. Ihr Potenzial ist groß, der Wettbewerb um die Kommerzialisierung innovativer Anwendungen hat begonnen. Neben finanzieller Förderung und gezielter Forschung sind ethische Fragen und das Einbeziehen der Gesellschaft von großer Wichtigkeit. Wie es gelingen kann, Baden-Württemberg als digitale Leitregion zu etablieren, erklärt Winfried Kretschmann, Ministerpräsident von Baden-Württemberg, in einem Gastbeitrag für FORSCHUNG LEBEN.

Winfried Kretschmann (c) Staatsministerium Baden-Württemberg
Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg Winfried Kretschmann

Manche Erfindungen prägen ganze Epochen: radikale Innovationen wie der Buchdruck, die Dampfmaschine oder die Elektrizität. Ökonomen sprechen in diesem Zusammenhang von Basistechnologien, die Schritt für Schritt alle Bereiche des Lebens durchdringen und die Entwicklungsrichtung von Wirtschaft, Gesellschaft und Politik grundlegend ändern. Die wichtigste Basistechnologie unserer Zeit ist die Künstliche Intelligenz (KI). Ihr Feld ist die Digitalisierung. Ihr Futter sind Daten.

Auch wenn die Grundlage der KI schon vor langer Zeit gelegt wurde, hat die Kindheit der KI gerade erst begonnen. Eine Kindheit, in der Maschinen sehen, sprechen und lesen lernen. Dabei müssen wir zwei Phasen unterscheiden: Einen ersten Wachstumsschub, als es mit Hilfe von immer leistungsfähigeren Chips und Speichern möglich wurde, riesige Datenmengen zu analysieren und auszuwerten („alte KI“). Und einen zweiten Wachstumsschub, in dem sich KI vom Daten-Fließbandarbeiter zum dynamischen Problemlöser entwickelt. Zu einem Problemlöser, der selbst experimentiert, Daten generiert und lernt („neue KI“).

Für unsere Zukunft kommt es entscheidend darauf an, voll auf neue KI zu setzen, auf maschinelles Lernen und tiefe neuronale Netze. Ihr Potenzial ist ungleich größer als das der alten KI. Ihre Effekte werden schon bald überall spürbar werden, gerade auch in den für Baden-Württemberg prägenden Branchen, den „drei M“: Mobilität, Maschinenbau, Medizin. Dabei geht es nicht nur um Produktivitätssteigerungen, sondern um eine neue Denkweise, neue Geschäftsmodelle und neu strukturierte Märkte. Wir in Baden-Württemberg wollen die Chancen dieser Entwicklung nutzen und ihre Risiken minimieren.

Auf dem Weg zur digitalen Leitregion

Um dieses Ziel zu erreichen, investiert die Landesregierung in dieser Legislaturperiode rund eine Milliarde Euro. Wir wollen digitale Leitregion werden, etwa um Krankheiten noch frühzeitiger zu erkennen und gezielter bekämpfen zu können, um eine ganz neue, intelligentere Form der Mobilität zu erfinden und unsere natürlichen Lebensgrundlagen effektiver zu schützen.

Dabei spielen die Hochschulen eine entscheidende Rolle: als Treiber, Nutzer und kritischer Begleiter von Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz. Und auch als Investor in die wichtigste Ressource unseres Landes: die Köpfe der Menschen.

Die Grundlagen der neuen KI wurden vor allem bei uns in Europa gelegt. Die Mustererkennung, der Allzweckrechner und „deep learning“ sind europäische Erfindungen. Dass wir bei dieser Entwicklung abgehängt sind, ist ein Marketing-Märchen. Richtig ist, dass wir in einem harten internationalen Wettbewerb stehen. Und dass insbesondere die USA und China erhebliche Mittel einsetzen, um bei der Kommerzialisierung innovativer Anwendungen voranzukommen. Nur wenn wir hier Schritt halten, können wir in Zukunft wirtschaftlich mitziehen. Nur wenn wir hier vorangehen, können wir über die ethischen Standards mitentscheiden, die in Zukunft gelten. Deshalb hat die Landesregierung eine ressortübergreifende Strategie für Künstliche Intelligenz erarbeitet. Wir wollen die baden-württembergischen Stärken nutzen: eine starke Wirtschaft, eine hervorragende Wissenschaft und eine gute Verdrahtung beider Bereiche. Auf dieser Grundlage wollen wir ein einzigartiges Ökosystem für Künstliche Intelligenz aufbauen.

Zentrales Anliegen ist dabei auch, die Bürgerinnen und Bürger in die Gestaltung des digitalen Wandels einzubeziehen und den digitalen Wandel ethisch zu reflektieren. Aus demselben Grund bringen wir die transdisziplinäre Kooperation der Geistes- und Sozialwissenschaften mit den Technikwissenschaften voran und haben im Juli 2018 den Forschungsverbund „Gesellschaft im digitalen Wandel“ ausgeschrieben. Hier geht es um ethisches Orientierungswissen, die Veränderungen der Arbeitswelt und Fragen der nachhaltigen Entwicklung. Es geht nicht nur um schneller, höher, weiter, sondern auch um den bewussten Umgang mit KI mit Blick auf ihre Folgen für Mensch und Natur.

Winfried Kretschmann und Dr. Alexander Van der Bellen mit Roboter Apollo, einer Entwicklung des Max-Planck-Instituts für Intelligente Systeme (c) Staatsministerium Baden-Württemberg
Besuch im Cyber Valley: Ministerpräsident Winfried Kretschmann und der österreichische Bundespräsident Dr. Alexander Van der Bellen (r.) mit Roboter Apollo, einer Entwicklung des Max-Planck-Instituts für Intelligente Systeme

Cyber Valley als Magnet für Wissenschaftsnachwuchs

Gleichzeitig sind wir dabei, eine baden-württembergische KI-Forschung auf höchstem Niveau zu etablieren und Top-Talenten aus der ganzen Welt bei uns eine Heimat zu bieten. Nur ein solcher Standort ist attraktiv genug, um Forschende und Wirtschaftsunternehmen zu inspirieren und langfristig zu binden. Deshalb haben wir zusammen mit der Max-Planck-Gesellschaft, den Universitäten Stuttgart und Tübingen und starken Unternehmen im Jahr 2016 das „Cyber Valley“ gegründet.

Schon heute ist es ein Leuchtturm der Wissenschaftslandschaft unseres Landes und gehört weltweit zu den Top 10 beim maschinellen Lernen. Schon heute ist es ein Magnet für führende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, für junge Leute aus aller Welt, die hier forschen, oder sich als kreative Gründerinnen und Gründer versuchen wollen.

Weitere Aktivitäten sind hinzugetreten, beispielsweise die Einrichtung von Stiftungsprofessuren und große Drittmittelvorhaben wie die Exzellenzcluster „Datenintegrierte Simulationswissenschaften“ und „Maschinelles Lernen – Neue Perspektiven für die Wissenschaft“ an den Universitäten Stuttgart und Tübingen oder das Kompetenzzentrum „Maschinelles Lernen“ der Universität Tübingen und des Max-Planck-Instituts für Intelligente Systeme Tübingen/Stuttgart. Das Kompetenzzentrum soll nach den Planungen des Bundes ein Baustein des deutschen KI-Netzwerks werden – und damit wohl auch Teil eines deutsch-französischen KI-Verbunds.

Europäische Forschung vernetzen

Die ersten Schritte haben wir getan, und unsere Investitionen tragen erste Früchte. Dennoch liegt noch viel Arbeit vor uns. Bund und Länder müssen eine gemeinsame Strategie entwickeln und europäisch abstimmen, um ihre Kräfte zu bündeln. Länder wie Kanada mit seinen drei KI-Zentren (u. a. dem Vector-Institut) zeigen: Wenn alle an einem Strang ziehen, kann uns in kürzester Zeit viel gelingen! Die Landesregierung leistet hierzu einen wichtigen Beitrag und unterstützt diese Entwicklung mit erheblichen Mitteln. Wir wollen, dass das Cyber Valley rasch weiterwächst, an Struktur gewinnt und sich mit der hochkarätigen KI-Forschung – die es ja auch an weiteren Orten im Land wie zum Beispiel in Karlsruhe oder Freiburg gibt – verbindet. Und wir wollen das Cyber Valley zu einem wichtigen Element einer vernetzten europäischen KI-Forschung machen. Nur wenn wir unsere Kräfte in Europa konzentrieren, können wir ein Gegengewicht zu den USA und China bilden.

Deshalb begrüßen wir die KI-Strategie der Europäischen Union und unterstützen die ELLIS-Initiative von europäischen KI-Spitzenforschenden zur Etablierung eines europäischen KI-Instituts nach dem Vorbild des European Molecular Biology Laboratory (EMBL). Wir brauchen ein gemeinsames Vorgehen und den Mut, größer zu denken! Wir begrüßen auch die Idee der Bundesregierung, Anwendungshubs aufzubauen. Im Land gibt es viele starke Einrichtungen, die für die Anwendung nachhaltige Impulse mit neuem Wissen setzen können, zum Beispiel im Bereich der Medizin und der Cybersicherheit.

Öffentliches Geld kann allerdings nicht alles richten. Wir brauchen auch ein Umdenken in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik. Wir dürfen uns nicht darauf ausruhen, dass wir die zu Ende gehende industrielle Epoche entscheidend mitgeprägt haben. Unser Ziel muss es vielmehr sein, die gerade beginnende digitale Ära entscheidend mitzugestalten, neue Visionen für die Welt der Daten zu entwickeln. Eine Hochschule wie die Universität Stuttgart ist dafür ein hervorragender Partner.

Ihr
Winfried Kretschmann
Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg

Winfried Kretschmann studierte Biologie und Chemie auf Lehramt in Hohenheim und unterrichtete unter anderem in Stuttgart. Seit dem Studium politisch aktiv, hat er die Partei „Die Grünen“ in Baden-Württemberg mitgegründet. Angefangen als Grundsatzreferent im grünen Umweltministerium, war Kretschmann von 2002 bis 2011 Fraktionsvorsitzender seiner Partei. Seit dem 12. Mai 2011 ist er Ministerpräsident von Baden-Württemberg.

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Andrea Mayer-Grenu

Wissenschaftsreferentin, Forschungspublikationen

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