Prof. Ralf Kindervater, Geschäftsführer der BIOPRO Baden-Württemberg GmbH

Forschung Erleben

Spitze bleibt nur, wer die Zukunft mitgestaltet

Der Gesundheitsindustrie steht ein Wandel bevor. Für Wissenschaft und Forschung bedeutet das ein Umdenken.
[Foto: Biopro Baden-Württemberg GmbH]

Baden-Württembergs Gesundheitsindustrie steht bundesweit auf Platz 1. Doch Veränderungen wie Digitalisierung oder neue Zulassungsvorschriften stellen den Spitzenreiter vor Herausforderungen. Im Gastbeitrag erläutert der Geschäftsführer der Landesgesellschaft BIOPRO, Prof. Ralf Kindervater, in vier Thesen, was die Gesundheitsforschung tun sollte, damit Baden-Württemberg vorne bleibt.

„Gesundheit!“. Das hört man zurzeit wieder öfter, schließlich haben wir die Jahreszeiten, in denen wir häufiger von Erkältungen heimgesucht werden. Wir sind heute in der glücklichen Situation, dass wir sehr viel für unsere Gesundheit tun und Krankheiten behandeln können.

Der Wirtschaftssektor, der sich mit dem Thema Gesundheit befasst, ist die Gesundheitswirtschaft. Der produzierende Teil der Gesundheitswirtschaft ist die Gesundheitsindustrie mit den Branchen Biotechnologie, Pharmazeutische Industrie und Medizintechnik. Über 1.000 Firmen sind in der Gesundheitsindustrie Baden-Württembergs aktiv, sie produzieren, entwickeln, forschen. Apropos forschen – Forschung ist auch in der Gesundheitsindustrie die Basis für Fortschritt. Dieser zeigt sich in neuen Therapien, Diagnoseverfahren und technischen Geräten. Was wir heute über die funktionalen Zusammenhänge des Körpers wissen, über Krankheitsbilder und -ursachen, über Arzneien, Keime, Gene, Therapien, Diagnoseverfahren, über Umweltfaktoren wie Stress oder Ernährung sowie über Gesundheitsförderung verdanken wir der Forschung. Das Spektrum der Forschungsdisziplinen rund um Gesundheit ist groß: Biologie, Biotechnologie, Pharmazie, Medizintechnik, Informatik, Physik, aber auch Sport und Ernährungswissenschaften sind einige Beispiele.

Die Tatsache, dass Forschung unabdingbar ist für die Gesundheit, bedeutet gerade nicht, dass alles so bleibt, wie es ist. Es zeichnet sich ab, dass einige Veränderungen auf den akademischen Wissenschaftsbetrieb und die Forschung in Unternehmen zukommen werden. Anhand von vier Thesen will ich diese Veränderungen skizzieren.

These 1: Daten sind das neue Kapital

Diese These ist nicht neu. Google, Facebook, Apple, Amazon, IBM sind nur eine Handvoll Beispiele für die ökonomische Bedeutung von Daten. Es sind IT-Unternehmen, sie nutzen Codes, Content, Connections und CPUs, um Daten zu analysieren, aufzubereiten und anzuwenden. Alle Branchen arbeiten in irgendeiner Weise mit Daten, die Gesundheitsindustrie macht da keine Ausnahme. Was sich jedoch verändert, ist die Bedeutung von Daten in der Gesundheitsforschung. Bislang standen einem Arzt zur Behandlung von Krankheiten viele Diagnoseverfahren, Medizintechnikgeräte und pharmazeutische Wirkstoffe zur Verfügung. Verwendet man die englischen Bezeichnungen, landet man bei den drei Ds: diagnostic devices, medical devices, drugs.

Nun kommt ein viertes D hinzu: data. Für die Gesundheitsforschung bedeutet das einen grundlegenden Wandel. Bislang konzentrierten sich Forscher auf Verfahren, Geräte oder Wirkstoffe. Es gab wenig Vernetzung zwischen diesen Bereichen, denn der Arzt setzte die jeweiligen Hilfsmittel eher sukzessive im Sinne eines abgestuften Prozesses ein. Zuerst ein Bluttest (diagnostic device), dann der Ultraschall (medical device), danach war die Diagnose abgeschlossen und es erfolgte die Therapie mit einem Medikament (drug). Prof. Jochen Maas vom Pharmaunternehmen Sanofi zeigte kürzlich auf einer Veranstaltung der BIOPRO Baden-Württemberg Beispiele für die Verknüpfung von Diagnose, Gerät und Medikament. Dazu zählt eine Insulinpumpe, die automatisch die richtige Menge Insulin in den Körper des Patienten abgibt.

Der Blutzuckerspiegel wird über einen Sensor im Körper des Patienten erfasst, bei Bedarf wird die Insulinpumpe aktiviert. Diagnostik, Medizintechnik und pharmazeutischer Wirkstoff agieren im Takt. Es gibt jedoch im Pharmaumfeld kaum Unternehmen, die diesen Dreiklang beherrschen. Wenn nun große Datenmengen Einzug halten in die Gesundheitsforschung, wird es für etablierte Unternehmen der Gesundheitswirtschaft nicht gerade einfacher, das eigene Portfolio weiterzuentwickeln. Datenaffine Unternehmen wie Google oder Apple arbeiten an selbstfahrenden Autos – man kann dies als Beleg dafür sehen, dass diese Unternehmen kaum Berührungsängste kennen mit anderen Branchen. Sie agieren in einer großen Abstraktionshöhe, sie erkennen Datenpools, denken über deren Nutzung nach und entwickeln neue Anwendungen. Die Gesundheitsforschung muss also über bisherige Analyse- und Diagnoseparameter hinausblicken. IT-Themen wie künstliche Intelligenz, Internet of Things, Virtual und Augmented Reality müssen auch für Anwendungen in der Gesundheitswirtschaft gedacht werden. Und für das Gesundheitsbild gilt es, weitere Daten zu berücksichtigen und zu verarbeiten. Welche das sind, wie sie genutzt und wie sie geschützt werden sollen, ist ein Auftrag an die Forschung.

Die Hochschulforschung muss die Kapazitäten am Campus in neuer Weise einsetzen. Bislang wurden Höchstleistungsrechner vor allem von Ingenieurwissenschaften genutzt. Die Begehrlichkeiten nach Rechenleistung wachsen nun aber auch in den Lebens- und Gesundheitswissenschaften, denn die Verknüpfung von Biowissenschaften, Informatik und Mathematik ist unter dem Stichwort Systembiologie bereits in vollem Gange. Sie hat das Ziel, die komplexen Vorgänge in Zellen mithilfe von mathematischen Modellen und Simulationen abzubilden. Die Datenmengen, die bei der Simulation von Stoffwechselkaskaden oder von Signalwegen in Zellen anfallen, sind enorm. Aber sie bringen Ergebnisse, die in der Praxis genutzt werden können. In der Biotechnologie sind diese datenbasierten Verfahren schon angekommen. In der Gesundheitsforschung sollten wir nicht auf diese neuen Methoden verzichten.

These 2: Medizinische Forschung muss Regulierung von Beginn an mitdenken

Die Regulierungsvorgaben in Medizintechnik und pharmazeutischer Industrie sind anspruchsvoll. Der Fortschritt hat inzwischen sogar Situationen geschaffen, in denen beide Bereiche, also Pharma und Medizintechnik, ineinandergreifen. In diesen Fällen muss entschieden werden, ob ein Produkt mehr den Charakter eines Medikaments hat oder eher eine medizintechnische Anwendung ist. Hinzu kommt: Insbesondere die Zulassungsmodalitäten bei Medizinprodukten sind momentan stark im Umbruch.

Es kann also passieren, dass ein Produkt überraschend in einer medizintechnischen Hochrisikoklasse landet, obwohl das bei Start der Entwicklungsarbeit gar nicht beabsichtigt war. Damit muss es viel höhere Anforderungen bei der Zulassung erfüllen, der Aufwand steigt und die Wirtschaftlichkeit wird fraglich. Über die feinen Differenzierungen der Regulation und ihre Folgen müssen Forscher informiert sein. Es sollten deshalb Anlaufstellen geschaffen werden, wo Fragen zur Zulassung schon in frühen Stadien der Forschungsarbeit geklärt werden können. Für Wissenschaftler, die in der medizinischen Forschung aktiv sind, verändert sich damit auch die Leitfrage: Sie lautet nicht mehr: „Ist das machbar?“, sondern: „Wie kann man das durch die Zulassung bringen?“ Letztlich markieren nämlich die Zulassungskriterien den Rahmen für die Machbarkeit – nicht die technische Finesse. Mehr Unterstützung in Regulierungsfragen bereits von Beginn an würde die Forschung insbesondere in der Medizintechnik effizienter und schneller machen.

These 3: Wissen über Gründung gehört in die Hochschulausbildung

Es gibt in jedem Studienjahr ein immenses Potenzial an Gründern, die mit ihren Ideen Technologien und Märkte verändern können. Einige werden ihr Leistungsvermögen entfalten, doch die meisten werden ihre Ideen verwerfen und ihre berufliche Zukunft abseits der Gründerzentren und Innovation- Highways suchen. Für die Gesundheitswirtschaft und die Patienten sind das große Verluste, die dazu führen können, dass bestimmte Diagnoseverfahren oder Therapien erst später kommen oder anderswo entwickelt werden. Zwischen Januar 2015 und Juni 2018 wurden in Baden-Württembergs Gesundheitsindustrie 50 Unternehmen gegründet, etwa die Hälfte sind Biotechnologieunternehmen, die neue Therapeutika entwickeln. Das ist ermutigend – sowohl für potenzielle künftige Therapieerfolge als auch für den Standort. Aber es dürften aus meiner Sicht gerne einige mehr sein.

Wir haben bereits Strukturen und Programme, die Gründungen begleiten. Dennoch hat aus meiner Sicht die Startup-Kultur noch zu wenige Unterstützer auf Institutsebene. Gerade weil der Gesundheitssektor so stark reguliert ist und eher abschreckend auf junge Unternehmer wirkt, brauchen wir Begeisterung für Startups. Professorinnen und Professoren sollten aufmerksam sein für Gründungspotenziale, sie sollten ihre Studierenden für Chancen und Gelegenheiten sensibilisieren und motivieren. Noch besser wäre es, wenn das Thema Unternehmensgründung ein fester Bestandteil der akademischen Ausbildung würde. Dann würde es endlich zu dem werden, was es sein sollte: ein in den Hochschulen verankertes strategisches Instrument zur Wirtschaftsförderung am Hightech-Standort Deutschland.

These 4: Belohnt Kooperation und Netzwerken mit einem Impactfactor

Blickt man auf die Fragen, mit denen sich die Gesundheitsindustrie befasst, muss man zu dem Schluss kommen, dass die Lösungen heute nicht mehr auf der Ebene eines einzelnen Instituts oder Lehrstuhls erarbeitet werden können. Bei Krankheiten wie Krebs können wir kaum mehr von einem Krankheitsbild sprechen. Die zell- und molekularbiologischen Verflechtungen, die vielen Folgen für den Organismus lassen eher an eine Collage aus hunderten von Bildern denken, so vielschichtig sind die Einflussfaktoren. Dank der technologischen Weiterentwicklungen und des hohen Wissensstandes können wir heute unzählige Blickwinkel einnehmen. Und dennoch haben wir oft den Eindruck, nur einen Ausschnitt des Geschehens zu erkennen. Um die Gesundheitsforschung weiter voranbringen zu können, werden wir in Zukunft mehr denn je darauf angewiesen sein, dass wir langfristige Kooperation anbahnen, nutzen und immer wieder neu anschieben. Wir brauchen viele Akteure, damit wir die unterschiedlichen Perspektiven auf ein Krankheitsgeschehen einnehmen können. Wir brauchen mehr Verbünde und mehr Zusammenarbeit über Verbünde hinweg, weil mehr Fachdisziplinen teilhaben müssen.

Wir machen bei der BIOPRO Baden-Württemberg in unserer Rolle als Innovationsagentur immer wieder die Erfahrung, dass viele Akteure nichts voneinander wissen, aber inhaltlich sehr gut zusammenpassen würden. Das gilt im Bereich der Gesundheitswirtschaft besonders für die Vernetzung zwischen Akademie und Wirtschaft. Offenbar hat die alte Leier von der Notwendigkeit der Vernetzung noch immer nichts an Aktualität verloren. Was wir beim Netzwerken oft vergessen: Schnelle Erfolge sind selten. Das Engagement in einem Netzwerk verlangt nämlich zwei Dinge: viele Besuche und die Bereitschaft, sich einzubringen.

Die Wissenschaft führt als Qualitätsmerkmal gerne den Journal Impact Factor an, also den Rang, den eine Fachzeitschrift einnimmt, in der man seine Ergebnisse publiziert. Man kann zu dieser Praxis stehen, wie man will. Aber: Wenn Gesundheitsforschung ihre Wirkung dort entfalten soll, wo die Wirkung dringend gebraucht wird, nämlich beim Menschen, dann ist Vernetzung wichtiger als der Rang eines Fachmagazins. Wir sollten zuerst unseren Network Impact Factor steigern, danach können wir uns mit den Journalranglisten beschäftigen. Die Gesundheitsindustrie in Baden-Württemberg steht in Deutschland auf Platz 1 bei den Erwerbstätigen, der Bruttowertschöpfung und beim Exportvolumen. 88.026 Beschäftigte erarbeiten 2017 eine Bruttowertschöpfung von 16,5 Milliarden Euro. Es gibt also nichts zu meckern. Damit ist aber, ganz schwäbisch, schon genug gelobt. Und auf Lob soll man sich bekanntlich nicht ausruhen.

Prof. Dr. Ralf Kindervater

Prof. Dr. Ralf Kindervater promovierte als Diplom-Chemiker der Fachrichtungen Biochemie und Biotechnologie an der Technischen Universität Braunschweig über eine Arbeit im Bereich Enzymtechnologie der Gesellschaft für Biotechnologische Forschung mbH in Braunschweig. Nach Stationen an der Eberhardt-Karls-Universität Tübingen und dem Fraunhofer-Institut für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik in Stuttgart war Kindervater in Interimsvorstands- und Geschäftsführungspositionen in mehreren Biotech-Unternehmen tätig. Seit 2003 ist er Geschäftsführer von BIOPRO Baden-Württemberg GmbH in Stuttgart für die Bereiche Gesundheitsindustrie und Bioökonomie. Als Honorarprofessor ist Kindervater seit November 2014 am Karlsruher Institut für Technologie in der Fakultät für Chemieingenieurwesen und Verfahrenstechnik tätig.

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Andrea Mayer-Grenu

Wissenschaftsreferentin; Forschungspublikationen