Bild einer japanischen Schale.

Japanische Reparaturtechnik soll größeres Bewusstsein für Klimaschutz schaffen

forschung leben – das Magazin der Universität Stuttgart (März 2022)

Das Projekt „Greenesto – advance your mindset“ will unter anderem mit der japanischen Reparaturtechnik Kintsugi Schüler*innen für den Klimawandel sensibilisieren und nach Lösungen suchen.
[Foto: Shutterstock]

Ein lauter Knall, dann das Geräusch von zerbrechender Keramik – überall liegen Scherben eines Bechers. Was sich zunächst wie das Ende des Lieblingsbechers von Scarlett Spiegeler Castañeda anhört, ist tatsächlich der Anfang der sogenannten Circularmug-Methode, die eine zentrale Rolle in den Workshops des Projekts „Greenesto – advance your mindset“ spielt. Der zerbrochene Becher, so beschreibt Scarlett Spiegeler Castañeda, dient dabei als Metapher, mit der neue Denk- und Lernprozesse angestoßen werden sollen. 

Arena 2036/Design Factory und Heimat von Greenesto

Die Ingenieurin Spiegeler Castañeda leitet die Design Factory Stuttgart und geht mit innovativen Techniken wie der Circular-mug-Methode bei dem Projekt Greenesto neue Wege, um Bürger*innen für den Klimawandel und Nachhaltigkeit zu sensibilisieren – und sie dabei zu unterstützen, jeweils ganz individuelle Lösungen zu finden.

Seit Frühjahr 2022 finden die Workshops statt, die sich zunächst an Schüler*innen in Stuttgart richten. Greenesto ist ein Kooperationsprojekt der Arena2036-Designfactory, des Instituts für Entrepreneurship und Innovationsforschung (eni) sowie des Green Office der Universität Stuttgart. Es wird vom Klima-Innovationsfonds der Landeshauptstadt Stuttgart gefördert, um nachhaltiges Umdenken und Klimabewusstsein in der Bevölkerung zu entwickeln.

„Um dem Klimawandel nachhaltig Einhalt zu gebieten, reichen technologische Entwicklungen und politische Leitlinien nicht aus“, erklären die Organisatoren von Greenesto. „Es braucht das Nachhaltigkeitsbewusstsein der Gemeinschaft, die sensibilisiert ist und sich für die Zukunft ihrer Stadt verantwortlich fühlt.“ Kern des Konzepts sind Workshops. Mit einem E-Van wird das Team von Greenesto vor allem an Schulen unterwegs sein. Immer mit dabei ist auch das gleichnamige Maskottchen und Symbol von Greenesto: eine ein muskulöses Gehirn darstellende Figur, die eine blau grüne Weltkugel behütend in den Händen hält. Den Kindern und Jugendlichen soll durch das Projekt zum einen ein Bewusstsein für das Thema Nachhaltigkeit vermittelt werden. Zugleich sollen gemeinsam Ideen entwickelt werden, wie sie sich im Alltag klimafreundlicher verhalten können.

Eine Schlüsselrolle spielt dabei die erfahrungsorientierte Circular-mug-Methode, die die Designthinking-Expertin Spiegeler Castañeda gemeinsam mit ihrem Team für Greenesto auf unterschiedliche Zielgruppen angepasst hat. Grundlage dieser Methode, die dem Prozess den gleichen Wert beimisst wie dem Ergebnis, sind die japanische Reparaturtechnik Kintsugi und das sogenannte Mindset-Muscle-Training, das neue Denk- und Verhaltensweisen fördern soll. Kintsugi bedeutet übersetzt „Goldverbindung“. Dabei werden Keramikscherben mit Urushi-Lack zusammengeklebt und fehlende Teile durch Urushi-Kittmasse ersetzt, in die Goldpulver oder ein anderes Metall wie Silber und Platin eingestreut wird. Diese Goldverbindung hebt den Bruch deutlich hervor. „Durch Kintsugi entsteht in einem Prozess etwas Neues, das zwar den Zweck des Alten erfüllt, gleichzeitig aber völlig anders ist“, beschreibt Spiegeler Castañeda die Idee der Technik.

„Durch Kintsugi entsteht in einem Prozess etwas Neues, das zwar den Zweck des Alten erfüllt, gleichzeitig aber völlig anders ist.“

Scarlett Spiegeler Castañeda
Ingenieurin und Design-Thinking-Expertin Scarlett Spiegeler Castañeda
Ingenieurin und Design-Thinking-Expertin Scarlett Spiegeler Castañeda

In fünf Schritten Veränderungen anstoßen

1. Den Becher zerbrechen

Der Ausgangspunkt bei der fünf Schritte umfassenden Circular-mug-Methode ist das Zerbrechen des Bechers. „Der circular mug startet mit einer allgemein bekannten Situation, in die sich jeder hineinversetzen kann – wie das Herunterfallen des geliebten Bechers“ sagt Spiegeler Castañeda. „Diese unabsichtliche Handlung verursacht einen fühlbaren Schmerz. In Bezug auf Nachhaltigkeit kann dieser Schmerz viele Gesichter haben: die Müllberge im Park, Wasserverschwendung oder einfach den Ärger darüber, das Mensaessen nicht beeinflussen zu können“, führt sie weiter aus.

2. Scherben ermöglichen einen Perspektivwechsel

Im Design Thinking sind Empathie, visuelle Sprache und Metaphern Kernelemente; so ist auch das Sichten und Aufräumen der Scherben im zweiten Schritt ein Sinnbild für das Einsammeln und Recherchieren von Informationen. Da kann es dann zum Beispiel um ganz praktische Fragen der Schüler*innen gehen: Wie kommt es zu den Müllbergen im Park? Warum dreht niemand den Wasserhahn auf der Schultoilette ab? Dieser Schritt soll einen Perspektivwechsel ermöglichen und spielt auch eine wichtige Rolle für die Teamdynamik innerhalb der Gruppe. „Es ist besonders wichtig, dass wir durch das Format den Austausch fördern; dass die Schüler*innen sich gegenseitig zuhören und andere Sichtweisen stehen lassen können“, sagt Spiegeler Castañeda. „Der Aufbau von Empathie für die Schmerzpunkte und Probleme der anderen Schüler*innen ist entscheidend.“

„Da ist der japanische Gedanke wirklich sehr schön; ich brauche es nicht zu verstecken, wenn ich etwas anders mache als gewöhnlich.“

Scarlett Spiegeler Castañeda

3. Neues entstehen lassen

Beim Zusammensetzen der Scherben im dritten Schritt stehen die verschiedenen Möglichkeiten im Mittelpunkt, mit denen jede und jeder einzeln ganz praktisch etwas in seiner Umwelt verändern kann – und dabei sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt. „Um Verhaltensweisen ändern zu wollen und kreativ neue Möglichkeiten für Veränderungen zu finden, muss man sich sicher fühlen“, erläutert Spiegeler Castañeda. „Daher ist es wichtig, den Schülerinnen und Schülern zu zeigen, dass es kein Richtig und kein Falsch gibt und alle akzeptiert sind. Es soll sich niemand unwohl fühlen. Auch gerade dann, wenn jemand seinen persönlichen Schmerzpunkt nicht teilen möchte.“

GREENESTO führt mit einem eSprinter mobile Workshops in den Stuttgarter Stadtbezirken durch, um Bürger*innen für den Klimawandel zu sensibilisieren und gemeinsam Lösungen zu entwickeln.

Greenesto-Logo

4. Persönliche Entscheidungen treffen

Die anschließende individuelle Kombination der Bruchstücke mithilfe von kreativen Techniken aus dem Design Thinking stellt den vierten Schritt dar – und zugleich eine Entscheidung. Alle Teilnehmer*innen benennen für sich, was sie zukünftig anders machen wollen. Das kann vom Wassersparen bis zum persönlichen Engagement in der örtlichen Umweltgruppe reichen. Dass sich etwas ändert – am Becher und im realen Leben –, zeigt bei der Übung vor allem das glänzende Gold am Becher: „Wir wollen zeigen, dass wir etwas verändern“, erklärt Spiegeler Castañeda. „Denn wenn wir uns um unsere Umwelt kümmern, entsteht daraus etwas Wertvolles.“

5. Blaupause für den Nachhaltigkeitsdialog

Schließlich wird der neue Becher im fünften und letzten Schritt genutzt. „Da ist der japanische Gedanke wirklich sehr schön“, meint die Ingenieurin. „Ich brauche es nicht zu verstecken, wenn ich etwas anders mache als gewöhnlich oder, wenn ich beispielsweise gerne Secondhand trage.“ Durch die Teamarbeit entsteht zudem das Gefühl, gemeinsam stärker zu sein und etwas beeinflussen zu können. Im Frühjahr 2022 startet das Team von „Greenesto – advance your mindset“ mit den Workshops rund um die Circular-mug-Methode. Parallel sollen auch ein Konzeptbuch für Coaches und ein Workbook für Schüler*innen entstehen. Langfristig möchte das Projekt eine Blaupause für einen Nachhaltigkeitsdialog entwickeln; denn im Kampf gegen den Klimawandel braucht es neben technologischen Lösungen und politischen Leitlinien vor allem ein Umdenken in der Bevölkerung.

Text: Claudia Zöller -Fuß

Scarlett Spiegeler Castañeda ARENA2036 e.V.

Scarlett Spiegeler Castañeda ist Ingenieurin und leidenschaftliche Design Thinking Expertin. Sie leitet die Design Factory und sorgt dafür, dass das Mindset auch in der ARENA2036 verankert wird.

 

Kontakt

Dieses Bild zeigt Andrea Mayer-Grenu

Andrea Mayer-Grenu

 

Wissenschaftsreferentin, Forschungspublikationen

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