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Institut für Sozialwissenschaften

Profil Abteilung für Organisations- und Innovationssoziologie

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Die Abteilung für Organisations- und Innovationssoziologie hat im Oktober 2009 ihre Arbeit aufgenommen. Den Kern der Forschung werden theoretisch-konzeptionelle Arbeiten und empirische Fallstudien zu den mit der Entwicklung und Diffusion neuer Technologien einhergehenden organisationalen und institutionellen Veränderungsprozessen bilden.

 

Thematischer Fokus

Technik ist in ihren verschiedenen Ausprägungen ohne Zweifel ein konstitutiver und allgegenwärtiger Bestandteil moderner Gesellschaften. Das Auto beispielsweise prägt nicht nur Verkehrsinfrastrukturen, Mobilitätsmuster und Lebensstile, sondern auch die städtische und ländliche Raumordnung. Erst die Nutzung avancierter Informations- und Kommunikationstechniken macht globalisierte Finanzmärkte möglich. Ohne funktionierende Energieversorgungssysteme wären ökonomische und soziale Zusammenhänge welcher Art auch immer auf archaische Grundformen zurückgeworfen.

Moderne Gesellschaften werden allerdings nicht nur durch bereits bestehende und funktionierende Technologien wesentlich mitgeprägt. Neue Technologien sind zudem ein wichtiger Einflussfaktor ihres sozioökonomischen und institutionellen Wandels. So haben neue Informationstechnologien soziale Kommunikationszusammenhänge der unterschiedlichsten Art ebenso wie industrielle Produktions- und Vernetzungsstrukturen, die Organisation der staatlichen Verwaltung, die Überwachung und Kontrolle des öffentlichen Lebens oder die Formen der Kriegführung in den vergangenen dreißig Jahren nachhaltig verändert. Informations- und Kommunikationstechnologien, das Internet, die Biotechnologie oder die Nanotechnologie, aber auch technologische Umbrüche im Bereich bestehender Energie-, Versorgungs- und Vernetzungstechnologien haben zum Teil beträchtliche sozioökonomische und institutionelle Effekte. Sie tragen beispielsweise zum Wandel von Industrie- und Infrastrukturen bei, verändern Kooperations- und Konkurrenzverhältnisse, eröffnen neue Marktpotenziale, verschieben das Verhältnis von Wirtschaft und Wissenschaft, konstituieren als intelligente oder interaktive Techniken neuartige Beziehungsmuster zwischen Mensch und Technik, beeinflussen Lebensweisen und Konsummuster und erfordern zum Teil neuartige rechtlich-regulative Rahmensetzungen.

Im Zentrum der in dieser Abteilung betriebenen Forschung steht nun die Frage, wie sich solche durch neue Technologien angestoßenen Prozesse gesellschaftlichen Wandels vollziehen. Wann und in welchem Maße werden bestehende Organisationen, Institutionen und sozioökonomische Felder (wie Wirtschaftssektoren oder regionale Cluster) unter dem Eindruck neuer Technologien instabil? Auf welche Weisen reagieren etablierte Akteure und Institutionen auf den dadurch ausgelösten Anpassungsdruck? Wie beeinflussen neue Akteure solche Prozesse soziotechnischen Wandels? Schließlich: Welche Muster und Verlaufsformen sozialen und ökonomischen Wandels durch Technik lassen sich identifizieren und voneinander unterscheiden?

Das sind wesentliche Fragestellungen, die unseren Forschungen zu den wechselseitigen Beeinflussungen von technologischem, organisationalem und institutionellem Wandel zugrunde liegen. Im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen dabei

  • mikropolitische Restrukturierungsprozesse und Anpassungsprobleme in bestehenden Organisationen, die mit neuen, quer zu ihren etablierten Organisationsmustern stehenden technologischen Möglichkeiten konfrontiert werden;
  • Spielräume und Konstitutionsbedingungen neuer Organisationen, die sich in der Regel durch eine hohe Adaptionsfähigkeit gegenüber neuen Technologien auszeichnen und oft zu den wesentlichen Treibern von Innovationsprozessen werden;
  • die Bedeutung und Rolle nicht-organisierter kollektiver Akteure in Technisierungsprozessen – technikkritische Bürger, eigenwillige Konsumenten, technisch versierte Subcommunities –, die ohne stabilen Organisationshintergrund zum Teil gravierenden Einfluss auf Innovationsdynamiken und Prozesse soziotechnischen Wandels nehmen können;
  • die mit veränderten technologischen Konstellationen einhergehenden Neujustierungen interorganisationaler Kooperationsbeziehungen, insbesondere die Untersuchung der Schwierigkeiten und Probleme beim Aufbau stabiler und erfolgreich operierender Innovationsnetzwerke;
  • der durch neue Technologien angestoßene Wandel sozioökonomischer Felder, insbesondere die Untersuchung typischer Varianten und Verlaufsmuster der Transformation von Wirtschaftssektoren und regionalen Clustern.

Die Forschung der Abteilung ist problemorientiert und folgt einer empirisch begründeten Theoriebildung. Die empirische Basis bilden komparativ angelegte und kausal rekonstruierende Fallstudien, auf deren Basis theoretisch-konzeptionelle Verdichtungen und die Herausarbeitung verallgemeinerbarer Muster und Mechanismen sozialen und ökonomischen Wandels durch Technik erfolgen. Dazu wird nicht nur auf organisations-, sondern auch auf technik- und wirtschaftssoziologische Arbeiten und Ansätze zurückgegriffen. Konkret wird sich die Forschung der Abteilung in den kommenden Jahren auf drei thematische Schwerpunkte konzentrieren.

 

Schwerpunkt 1

Sektoraler Wandel durch Technik. Der Einfluss neuer Technologien auf die Transformation von Wirtschaftssektoren

Im ersten Schwerpunkt wird der Einfluss neuer Technologien auf den organisationalen und institutionellen Wandel von Wirtschaftssektoren untersucht. Die Gentechnik beispielsweise hat die technologischen Grundlagen, die Akteurkonstellationen und die Strukturen des Pharmasektors signifikant verändert. Das Internet hat in zahlreichen Sektoren zum Teil radikale Restrukturierungsprozesse angestoßen. So stehen etwa die Medienindustrien – Musik, Film, Buchhandel, Zeitschriften und Zeitungen – unter einem massiven Anpassungs- und Restrukturierungsdruck, der maßgeblich durch das Internet und die mit ihm verbundenen neuen Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten ausgelöst worden ist.

Der kann freilich sehr unterschiedlich sein: Neue Technologien üben in aller Regel einen spezifischen Veränderungsdruck auf die bestehenden Organisationen, Institutionen und Strukturen eines Sektors aus. Die Auswirkungen des Internet sind in der Musikindustrie beispielsweise wesentlich einschneidender als in der Automobilindustrie. Der durch neue Technologien angestoßene Restrukturierungsdruck kann zudem in unterschiedlicher Weise wahrgenommen und verarbeitet werden. Sektoren und ihre Organisationen können prinzipiell adaptionsfähig und offen für neue technologische Möglichkeiten sein. Sie können sich aber auch, wie etwa das Beispiel Musikindustrie und Internet zeigt, durch starke Beharrungskräfte auszeichnen – mit der Konsequenz, dass neue Technologien erst spät wahrgenommen werden und der sektorale Wandel sich über zögerliche, zum Teil krisenhafte Anpassungsprozesse Bahn bricht, die dann oft von neuen Akteuren vorangebracht werden. Die weitere Forschung zu diesem Themenbereich, die bereits über eine Reihe von Publikationen ausgewiesen ist, sieht erstens die Fertigstellung einer Monographie vor, in der ein theoretisch-konzeptioneller Ansatz zur Erklärung sektoralen Wandels durch Technik vorgestellt wird. Zweitens sollen nach bereits publizierten Fallstudien zu den Wirkungen des Internet auf die Musikindustrie und der Gentechnik auf den Pharmasektor weitere vergleichende empirische Untersuchungen zum sektoralen Wandel durch Technik auf den Weg gebracht werden – zu den Wirkungen des Internet auf andere Mediensektoren und zu erneuerbaren Energien und der Transformation der Energiewirtschaft.

Literaturhinweise:

  • Dolata, Ulrich, 2009: Technological Innovations and Sectoral Change. Transformative Capacity, Adaptability, Patterns of Change: An Analytical Framework. In: Research Policy 38(6), 1066-1076.
  • Dolata, Ulrich, 2008: Das Internet und die Transformation der Musikindustrie. Rekonstruktion und Erklärung eines unkontrollierten sektoralen Wandels. In: Berliner Journal für Soziologie (18)3, 344-369.
  • Dolata, Ulrich, 2008: Technologische Innovationen und sektoraler Wandel. Eingriffstiefe, Adaptionsfähigkeit, Transformationsmuster: Ein analytischer Ansatz. In: Zeitschrift für Soziologie (37)1, 42-59.
  • Dolata, Ulrich/Raymund Werle, 2007: Bringing technology back in. Technik als Einflussfaktor sozioökonomischen und institutionellen Wandels, in: Dolata, Ulrich/Raymund Werle (Hrsg.), Gesellschaft und die Macht der Technik. Sozioökonomischer und institutioneller Wandel durch Technisierung. Frankfurt/ New York: campus, 15-43.
  • Fuchs, Gerhard/Sandra Wassermann, 2008: Picking a Winner? Innovation in Photovoltaics and the Political Creation of Niche Markets. In: Science, Technology & Innovation Studies (4)2, 93-113.


Schwerpunkt 2

Beyond Organizations. Die Rolle nicht-organisierter kollektiver Akteure in Technisierungsprozessen

Moderne Gesellschaften werden vor allem von Organisationen und deren Beziehungen zueinander geprägt. Das ist auch das zentrale Thema der Organisationssoziologie. In vielen Technisierungsprozessen spielt heute allerdings ein Typ von Akteuren in zum Teil Akzent setzender Weise mit, der mit klassischen Organisationsvorstellungen nicht zu beschreiben ist. Diese Handelnden lassen sich als nicht bzw. nur informell organisierte kollektive Akteure bezeichnen. Sie sind als Individuen bedeutungslos und als Organisationen nicht oder nur schwer fassbar. Sie bleiben allerdings dann, wenn sie als Massenphänomen auftretende gemeinsame Problemperzeptionen oder Nutzungspräferenzen ausbilden, nicht mehr bloß passive Adressaten neuer technischer Angebote, sondern können zu aktiven Einflussfaktoren des Innovationsprozesses und des soziotechnischen Wandels werden.

Konkret können das technikskeptische Bürger sein, die neue Technologien mehrheitlich und stabil nicht (oder nur eingeschränkt) akzeptieren (wie z.B. die grüne Gentechnik). Das können auch eigenwillige und selektierende Konsumenten neuer technischer Angebote sein, die sich diese anders als erwartet aneignen (z.B. bei neuen informations- und kommunikationstechnischen Produkten). Und das können schließlich unkonventionelle Technikentwickler und -nutzer sein, die massenhaft, ohne kommerzielle Absichten und außerhalb bestehender Marktstrukturen mit neuen technologischen Möglichkeiten zu spielen beginnen – und damit nicht selten zur De-Kommodifizierung von Produkten und zur Erosion bestehender Märkte beitragen (wie z.B. Software-Communities und File Sharer von digitaler Musik oder von Filmen).

Die Untersuchung dieses neuen Akteurtyps wirft eine Reihe interessanter und innovativer Forschungsfragen auf. Welche Varianten nicht-organisierter kollektiver Akteure gibt es und welche Rollen können sie in Prozessen technologischen, organisationalen und institutionellen Wandels spielen? Wie beeinflussen sie Innovationsprozesse und welches Innovationspotenzial haben sie? Auf welche Weise können sie Gewichtsverschiebungen zwischen Formen marktlichen und nicht-marktlichen Tauschs anstoßen? Welche Wirkungen haben sie auf bestehende Organisationen und Institutionen? Wie lassen sie sich politisch einbinden? Und – theoretisch gewendet: Wie lässt sich dieser Akteurstyp organisationssoziologisch fassen und in bestehende, zumeist auf korporative Akteure und Individuen fokussierte Akteurkonzepte integrieren?

Diesen Fragen soll ab 2010 in einem zweiten, neuen Schwerpunkt nachgegangen werden – im Rahmen vergleichender Fallstudien z.B. zur Rolle von Hacker- und Software-Communities, Tauschbörsen-Betreibern und vornehmlich jugendlichen File Sharern im Transformationsprozess der Musik- und Filmindustrie oder zum Einfluss technikskeptischer Bürger auf die Entwicklung der grünen Gentechnik und der agrochemischen Industrie.

Literaturhinweis:

  • Dolata, Ulrich, 2003: Unternehmen Technik. Akteure, Interaktionsmuster und strukturelle Kontexte der Technikentwicklung: Ein Theorierahmen. Berlin: edition sigma, 21-33.

 

Schwerpunkt 3

Innovationsdynamiken, Kooperationszwänge und Netzwerkversagen

Industrielle Innovationsprozesse finden heute nicht mehr vornehmlich im Rahmen einzelner Unternehmen statt, sondern zunehmend in oft internationalen Kooperations- und Netzwerkzusammenhängen, die seit den 1990er Jahren einen beträchtlichen Aufschwung genommen haben. Dies hat zu einem ebenso beträchtlichen Aufschwung der sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen Netzwerkforschung geführt. Ähnlich wie im Fall von Fusionen und Akquisitionen ist die Misserfolgsrate von Kooperationen und Netzwerken vor allem in neuen Hochtechnologiesektoren allerdings hoch.

Gegenüber der Formulierung guter Gründe für Kooperationen und Netzwerke steht die Erforschung von Formen und Gründen für Kooperations- und Netzwerkversagen weit weniger im Fokus der wissenschaftlichen Aufmerksamkeit. Herauszuarbeiten, warum Kooperationen scheitern und Netzwerke nicht funktionieren, weshalb trotzdem intensiv kooperiert wird und wie die beteiligten Akteure mit den Unsicherheiten und Ambiguitäten von innovationsorientierten Kooperationsbeziehungen umgehen ist das Ziel dieses dritten Schwerpunkts, der ebenfalls in 2010 beginnen wird.

Die konkreten Forschungsfragen dieses Projektbereichs sind noch zu spezifizieren. Erste Überlegungen gehen dahin, komparative Fallstudien zu Problemen beim Aufbau branchenweiter Elektronischer Marktplätze in der Automobil-, Stahl- und Chemieindustrie zu konzipieren und durchzuführen. Weitere Schwerpunkte könnten Untersuchungen von oft fluiden und instabilen internationalen Forschungsnetzwerken (beispielsweise in der Biotechnologie oder der Nanotechnologie) sowie von interorganisationalen und institutionellen Restrukturierungen bestehender regionaler Netzwerke bilden, deren Umbau oft ausgesprochen schwierig und langwierig ist.

Literaturhinweise:

  • Dolata, Ulrich, 2003: Unternehmen Technik. Akteure, Interaktionsmuster und strukturelle Kontexte der Technikentwicklung: Ein Theorierahmen. Berlin: edition sigma, 35-81.
  • Dolata, Ulrich, 2002: Strategische Netzwerke oder fluide Figurationen? Reichweiten und Architekturen formalisierter Kooperationsbeziehungen in der Biotechnologie, in: Herstatt, Cornelius/Christian Müller (Hg.), Management-Handbuch Biotechnologie. Stuttgart: Schaeffer-Poeschel, 157-172.
  • Dolata, Ulrich, 2001: Risse im Netz. Macht, Konkurrenz und Kooperation in der Technikentwicklung und -regulierung, in: Simonis, Georg/Renate Martinsen/Thomas Saretzki (Hg.), Politik und Technik. Analysen zum Verhältnis von technologischem, politischem und staatlichem Wandel am Anfang des 21. Jahrhunderts. Opladen: Westdeutscher Verlag (Politische Vierteljahresschrift: PVS-Sonderband 31/2000), 37-54.
  • Fuchs, Gerhard/Hans-Georg Wolf, 1997: Regional Economies, Interactive Television and Interorganizational Networks: a Case Study of an Innovation Network in Baden-Wuerttemberg. In: European Planning Studies 5, 619-636.
  • Fuchs, Gerhard/Gerhard Krauss/Hans-Georg Wolf (Hrsg.) 1999: Die Bindungen der Globalisierung. Interorganisationsbeziehungen im regionalen und globalen Wirtschaftsraum. Marburg: Metropolis.