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Die Standardisierung der sardischen Sprache.

Oder:

Wieviele Standardsprachen für das Sardische? Und welche?


(Matthea Wilsch)

 

Thema der hier besprochenen, Ende September 2011 in Sardinien durchgeführten Studie ist ein kulturell und politisch sehr relevanter Themenkomplex, der dementsprechend stark diskutiert wird: Die Standardisierung der sardischen Sprache (einen guten Überblick bietet z.B. Argiolas/Serra 2001).

Die besondere soziolinguistische Situation in Sardinien (s. hierzu genauer die Einleitung zum Exkursionsbericht) legt eine Standardisierung der noch mit keiner allgemein akzeptierten Standardvarietät repräsentierten sardischen Sprache nahe: Demzufolge soll die sardische Sprache standardisiert und damit eine oder mehrere Standardvarietät(en) für ganz Sardinien gefunden werden. Allerdings herrscht weder Einigkeit über die Anzahl der Standardsprachen noch darüber, welche Varietät(en) zu einer Standardisierung genommen werden sollen.

Um einen Eindruck der Meinung der Sardisch-Sprecher zu erhalten, beschäftigt sich diese Studie deshalb mit der Frage, welche und wie viele Standardsprachen von sardischen Laien und Linguisten gewünscht werden. Die Studie wurde von Matthea Wilsch und Monika Westhoff durchgeführt.

Wir haben der Fragestellung zudem noch eine zusätzliche, zu verifizierende Hypothese nachgestellt: Bei der Erstellung der Studie haben wir angenommen, dass die Sardisch-Sprecher ihren eigenen Dialekt als neue Standardsprache bevorzugen, wenn das Sardische letztgültig standardisiert werden soll.

 

Eine Sprache für Sardinien: soziolinguistischer und sprachpolitischer Hintergrund

Das Sardische ist zwar eine eigenständige romanische Sprache und hat den Status einer Regionalsprache in Italien inne. Es gibt jedoch (noch) keine von allen akzeptierte und verwendete sardische Standardvarietät – vielmehr werden auf Sardinien zahlreiche Dialekte regional begrenzt gesprochen (Mensching/Grimaldi 2005: 64).

Es können jedoch, je nach Literatur, zwei bis drei Makrovarietäten unterschieden werden: im Norden Sardiniens wird die Makrovarietät Logudorese gesprochen, im Süden das Campidanese und in Zentralsardinien das Nuorese, das jedoch auch zum Logudorese zugerechnet werden kann (s. hierzu genauer die Einleitung zum Exkursionsbericht).

Vor allem seit der Emanzipationsbewegung des Sardischen vom Italienischen seit den 1970ern wird von Linguisten und Sprachpolitikern vergeblich versucht, eine Standardvarietät zu finden (Mensching/Grimaldi 2005: 65).

Es gibt zahlreiche Lösungsvorschläge, die stark diskutiert werden (s. z.B. die Diskussion der LSU in Calaresu 2002): Linguisten und Sprachpolitiker, die eine einzige einheitliche Standardsprache bevorzugen, stehen jenen wie Eduardo Blasco Ferrer gegenüber, die die beiden Makrovarietäten Logudorese und Campidanese als zwei Standardsprachen kodifizieren möchten (Mensching/Grimaldi 2005: 65; siehe auch Blasco Ferrer/Ingrassia 2011). Würde man eine einzige und einheitliche Standardsprache verwenden, stellt sich die Frage, ob man eine Koiné oder einen ausgewählten Dialekt bevorzugt. Diego Corraine beispielsweise vertritt eine von ihm begründete Kompromisslösung zwischen den beiden Makrovarietäten (Mensching/Grimaldi 2005: 65; Corraine z.B. 1992, 1999, 2000 etc.). Weiterhin muss man im Falle einer Koiné abwägen, ob man eine künstliche, linguistische Standardvarietät etablieren möchte oder eine durch die Sprachpraxis der Bevölkerung herausgebildete Varietät bevorzugt. Auch ist zu klären, ob man nur eine einheitliche Orthographie oder eine einheitliche Standardsprache kodifizieren will, ganz zu schweigen von der Frage, ob diese Standardsprache in der geschriebenen und / oder der gesprochenen Sprache benutzt werden sollte. 

Zwei Lösungsversuche sind besonders bekannt und haben die Diskussion um die Standardisierung des Sardischen grundlegend verändert: Zum einen die 2001 offiziell mit Unterstützung der Regione Autonoma della Sardegna eingeführte LSU (Limba Sarda Unificada) und die 2006 eingeführte LSC (Limba Sarda Comuna). Beide Normen sollten durch linguistische Abwägung verschiedener Komponenten jeweils eine Koiné darstellen, die als Standardsprache verwendet werden soll, und zwar vor allem als Verwaltungssprache der Regione Autonoma della Sardegna und damit auf schriftlicher Ebene. Auch wurde dadurch eine gemeinsame Orthographie eingeführt. Dies stieß jedoch auf Ablehnung durch Laien und Linguisten, da beide Normen als zu künstlich und willkürlich angesehen wurden und eine zu starke Anlehnung an das Logudorese kritisiert wurde (s. z.B. Mensching/Grimaldi 2005: 73 ff.).

2009 wurden schließlich die Arrègulas des Comitau Scientìficu po sa Norma Campidanesa de su Sardu Standard durch die Provincia di Cagliari veröffentlicht. Diese sollten Regeln für die Orthographie, Phonetik, Morphologie und Lexik der damit normierten Standardvarietät des Campidanese darstellen. Damit wurde ein „Gegenentwurf“ zur LSC vorangetrieben.

Somit geht die aktuelle politische Tendenz hin zu einer Lösung mit zwei Standardvarietäten: Logudorese (angeblich durch die LSC kodifiziert) und Campidanese (durch die Arrègulas beschrieben).

 

Survey Design

Grundlage der Studie war ein Fragebogen, den wir sowohl den sardischsprachigen Laien als auch Sprachpolitikern und Linguisten, die sich mit der sardischen Sprache befassen, vorlegten. Die Befragungen fanden in den Orten Olbia, Nuoro, Cagliari und Loceri statt, erstreckten sich also über den gesamten Makrovarietätenraum (s. hierzu genauer die Einleitung zum Exkursionsbericht). Die Probanden konnten wählen, ob sie den Fragebogen lieber selbst schriftlich ausfüllen wollten oder ein Interview bevorzugten.

Der Fragebogen beinhaltete eine Mischung aus offenen und geschlossenen Fragen; des Weiteren achteten wir im Vorfeld darauf, auf eine explizite Nennung des eigentlichen Themas zu verzichten, um vorzeitige Emotionalisierung und damit Beeinflussung der Probanden bestmöglich zu verhindern.

Durch den Fragebogen fragten wir zunächst demographische Daten ab, um für die Auswertung ausgefüllte Fragebögen von Probanden, die keinen sardischen Dialekt sprachen, gegebenenfalls aussortieren zu können. Anschließend stellten wir Fragen über den jeweils eigenen sardischen Dialekt, um dann im Anschluss personenbezogene Informationen über andere sardische Varietäten zu erfragen. Damit sollte zum einen die Einstellung der Probanden zur sardischen Sprache, aber auch deren Kontaktmöglichkeiten mit einzelnen Dialekten erhoben werden. Dies verglichen wir mit den Antworten der Fragen zur Standardisierung des Sardischen, die der dritte Teil des Fragebogens beinhaltet.

Im Folgenden stellen wir die Ergebnisse der Studie analog zu diesem Aufbau des Fragebogens vor.

 

Ergebnisse der Studie

Wir konnten insgesamt 14 ausgefüllte Fragebögen verzeichnen, wobei jedoch nur 12 voll auswertbar waren.

1. Demographische Daten

Während der Befragung fanden wir Probanden im Alter von 20-69 Jahren, die sich unseren Fragen stellen wollten; es lag dabei eine leichte Konzentration auf der Altersgruppe der 20-39-jährigen vor, die 57% der Befragten ausmachten. Durch den Fragebogen bestimmten wir zudem das Geschlecht der Probanden, wobei wir jedoch aufgrund der gleichen Verteilung (50% Männer, 50% Frauen) auf diesen Aspekt im Folgenden nicht weiter eingingen. Außerdem stellten wir aufgrund der Antworten der Probanden fest, dass 86% einem Beruf nachgingen, die wir allen sozialen Schichten zuordnen konnten. Darüber hinaus hatten die meisten Befragten auch eine mittlere bis höhere Bildung durchlaufen. Auch konnten wir schließen, dass sich Herkunftsort und Wohnort der Befragten sehr oft entsprachen: die Menschen stammten demnach vorwiegend aus Olbia, Nuoro, Cagliari oder Loceri. Im Schnitt befragten wir so vorwiegend berufstätige Menschen aus allen sozialen Schichten, die eine mindestens mittlere Bildung besaßen.

2. Fragen zu den sardischen Dialekten

2.1 Zum eigenen Dialekt

Abbildung 1: Verteilung der Dialekte, die von den Probanden gesprochen wurden

Zuerst baten wir die Befragten, ihren eigenen Dialekt in eine der Makrovarietäten einzuordnen. Wie in Abb. 1 ersichtlich, gehörten die meisten Dialekte dem nuoresischen Sprachraum an, gefolgt von Campidanese und schließlich Logudorese. Ein Fragebogen musste dabei aussortiert werden, da der Befragte einen galluresischen Dialekt sprach.

Anschließend stellten wir Fragen über die genaue Verwendung des Sardischen: Die Probanden sollten jene Kommunikationssituationen angeben, in denen sie die sardische Sprache gebrauchten. Dabei stellten wir fest, dass 100% ihren sardischen Dialekt zu Hause, mit der Familie und Freunden sprechen. Allerdings gab keiner der Laien an, die sardische Sprache auch bei der Arbeit oder in offiziellen Situationen zu verwenden; alle befragten Sprachpolitiker und Linguisten sagten jedoch aus, auch hier Sardisch zu sprechen (vgl. hierzu auch die Umfrage zum Sprachverhalten der Sarden im Alltag von Friedemann Götz und Giuseppe Misitano).

Zudem hielten 71% der Probanden den eigenen Dialekt als vollständige Varietät (29% 'teilweise als vollständige Varietät', 0% als 'keine vollständige Varietät'), d.h. als Varietät, die prinzipiell in jeglicher Situation verwendet werden kann. Damit wäre eine Voraussetzung gegeben, den Dialekt möglicherweise als Standardvarietät zu etablieren.

Wir konnten so zeigen, dass die Befragten ihren eigenen Dialekt sowohl verwenden als auch schätzen, was ausführliche und differenzierte Meinungen der Probanden zur Frage der Standardisierung versprach.

2.2 Zu andere(n) Dialekt(en)

Anschließend befragten wir die Sardisch-Sprecher über andere sardische Dialekte; sie gaben in der Regel an, diese passiv gut zu verstehen. Allerdings meinte nur eine Person, die einen nuoresischen Dialekt sprach, einen Dialekt des Campidanese auch aktiv zu sprechen. Es wurde jedoch auch klar, dass die Befragten eine gute Anzahl von Kontaktsituationen mit anderen sardischen Dialekten hatten, denn 70% gaben an, sich schon mit Sarden unterhalten zu haben, die einen anderen Dialekt sprachen.

Die Dialekte wurden sehr unterschiedlich bewertet: positive Attribute, die ihnen zugesprochen wurden, waren musicale und simpatico, eher negative scarso und così così. Allerdings ist herauszuheben, dass kein Proband angab, sich den anderen Dialekten gegenüber benachteiligt zu fühlen. Auch dachten 79%, die zahlreichen sardischen Dialekte seien eine 'kulturelle Bereicherung' des Sardischen, wobei wiederum niemand den Wert der Varietäten anzweifelte.

Demnach können wir festhalten, dass andere Dialekte den Befragten bekannt sind und auch prinzipiell nicht abgelehnt werden. Dies impliziert eine günstige Situation für die Einführung einer Standardvarietät.

3. Fragen zur Standardisierung des Sardischen

3.1 Wieviele Standardsprachen?

Abbildung 2: Anzahl der Standardsprachen, die sich die Befragten für das Sardische wünschten

Im dritten Teil des Fragebogens fragten wir die Probanden danach, wie viele Standardsprachen sie für das Sardische wünschten. Das frappierende Ergebnis zeigt (s. Abb. 2): 43% wollten eine einzige und einheitliche, 50% jedoch keine Standardvarietät. Als Begründung wurde unter anderem angegeben, dass eine Standardisierung unmöglich sei oder dass einzelne Probanden sogar Angst vor einer Standardsprache hätten. Wie aus Abb. 2 ersichtlich, favorisierte nur eine Person zwei Standardsprachen. Damit zeichnete sich in der vorgestellten Studie eine Diskrepanz zwischen der aktuellen politischen Tendenz mit zwei Standardvarietäten und der Meinung der Bevölkerung ab (dieses Ergebnis bestätigt auch die Umfrage zum Sprachverhalten der Sarden im Alltag von Friedemann Götz und Giuseppe Misitano).

3.2 Welche Standardsprachen?

Trotz des obigen eindeutigen Ergebnisses nannten die Probanden jedoch keine konkreten Varietäten, die für die Standardisierung verwendet werden sollten. Nur 21% würden zudem ihren eigenen Dialekt als Standardsprache voll übernehmen. Eine Koiné verschiedener Dialekte wurde jedoch von der Befragten ebenso nicht gewünscht, was ein sehr widersprüchliches Bild abzeichnet. Möglicherweise wurde hier die Frage des Fragebogens falsch verstanden. Insgesamt stellten wir so fest, dass oft ausweichende Antworten artikuliert wurden: unter anderem wurde auf die Unmöglichkeit oder sogar die Sinnlosigkeit der Standardisierung des Sardischen hingewiesen.

3.3 LSC (Limba Sarda Comuna)

Befragt nach der LSC gaben zwar 100% der Linguisten und Sprachpolitiker an, diese Varietät zu kennen, aber nur ein Laie bejahte die Kenntnis der LSC. Die Varietät wurde meistens negativ bewertet bzw. abgelehnt, und nur zwei Sprachpolitiker/Linguisten äußerten sich zumindest neutral zur LSC. Sie meinten, die Varietät solle erst weiter etabliert und gesprochen werden, bevor sie verworfen wird.

Dennoch ist die LSC laut unserer durchgeführten Studie keine Option, denn sie ist innerhalb der Bevölkerung unbekannt oder ignoriert und wird in der Regel auch von Sprachpolitikern/Linguisten abgelehnt.

3.4 Reaktionen auf eine Standardsprache, die nicht dem eigenen Dialekt entspricht

Schließlich sprachen wird die Probanden auf ihre Gefühle an, die sie haben würden, wenn eine nicht dem eigenen Dialekt entsprechende Standardsprache gewählt würde. Entgegen unserer Annahme fielen die Angaben sehr heterogen aus: 29% meinten zwar, sie seien 'traurig', aber ebenso viele (29%) gaben an, gegenüber einer Entscheidung gegen ihren eigenen Dialekt 'gleichgültig' zu sein; zwei Personen sagten sogar aus, sie seien 'froh'. Allerdings meinten nur 10% der Probanden, sie würden die Standardsprache 'vollkommen', d.h. in Wort und Schrift, übernehmen; dagegen wollten sich 60% an die Standardsprache 'nur in Schrift' und 30% 'überhaupt nicht' anpassen.

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass es eine Bereitschaft gibt, sich an eine Standardsprache anzupassen, aber in der Regel nur auf schriftlicher Ebene. Da die LSU und LSC nur für die schriftliche Kommunikation gedacht waren, verstärkt dieses Ergebnis noch einmal die Einschätzung Menschings/Grimaldis (2005: 84): Die Einführung vor allem der LSU war in dieser Hinsicht problematisch, weil nicht klargemacht wurde, dass die Bevölkerung nicht gezwungen ist, die Varietäten nun anstatt ihres Dialektes zu sprechen.

 

Fazit: Wie viele Standardsprachen für das Sardische? Und welche?

Unsere Studie ist mit 12 verwertbaren Fragebögen sicherlich nicht repräsentativ, aber sie lässt dennoch interessante Schlüsse zu:

  • Die befragten Laien (d.h. die Bevölkerung) zeigten sich in der Regel nicht für das Thema der sardischen Standardisierung sensibilisiert. Oft wurden allgemeine Vorurteile vor allem auch der LSC gegenüber genannt, die sich wohl mit einer intensivieren Aufklärungskampagne durch die Sprachpolitiker vermeiden ließen. Diese waren jedoch selbst sehr emotionalisiert und übten teilweise nur Kritik an der Konzeption unseres Fragebogens aus. Allgemein wurde stark diskutiert, ob die LSC nun eine Varietät des Sardischen sei oder nicht. Bezüglich der Sensibilisierung und Emotionalisierung gab es jedoch auch große Unterschiede zwischen den Befragungsorten: in Nuoro zeigten sich die Menschen wenig sensibilisiert, in Loceri dagegen artikulierte die Bevölkerung sehr emotionale Meinungen.

  • Hinsichtlich der Frage, welche und wie viele Standardsprachen von sardischen Laien und Linguisten gewünscht werden, können wir zusammenfassend feststellen, dass die Menschen eine einheitliche bzw. keine Standardsprache wollen, gleichzeitig jedoch die Sinnhaftigkeit einer einheitlichen Standardvarietät stark anzweifeln.
  • Der schon bestehende konkrete Vorschlag der Regione Autonoma della Sardegna, d.h. die LSC, wird zwar abgelehnt, aber auch keine weiteren Vorschläge für eine Standardsprache genannt.

  • Positiv anzumerken ist, dass es eine Bereitschaft gibt, sich an eine Standardvarietät zu halten; dies gilt jedoch nur für die schriftliche Ebene, denn eine mündliche Einheitssprache ist nicht gewollt.

  • Wir betrachten außerdem unsere der Studie vorangestellte Hypothese – die besagt, dass die Sardisch-Sprecher ihren eigenen Dialekt als neue Standardsprache bevorzugen – als falsifiziert, denn nur 21% bejahten eine Präferenz ihres Dialekts. Dieses eigentlich positive Ergebnis wird jedoch dadurch relativiert, dass sich im Laufe der Studie trotzdem keine klare Lösung abzeichnen konnte: Sowohl die Bevölkerung als vor allem auch Linguisten und Sprachpolitiker vertraten zu unterschiedliche Meinungen, wobei sich letztere politisch motiviert zeigten.

Demzufolge sollte bald eine Lösung für das Problem der sardischen Standardsprache gefunden werden, denn das Sardische ist durch einen Sprachzerfall bedroht, der im ungünstigsten Fall in einen Sprachtod führen kann. Die sprachliche Situation in Sardinien ist durch einen instabilen Bilinguismus gekennzeichnet, d.h. das Italienische wird immer mehr in Bereichen gesprochen, die früher ausschließlich dem Sardischen vorbehalten waren. Dies wird vor allem durch den Generationenwechsel beschleunigt, bei dem die jüngeren Sardisch-Sprecher ihre Sprache oft nur noch passiv oder lückenhaft beherrschen und so das Sardische nicht mehr an die nachfolgenden Generationen weitergeben können. Diese Entwicklung wird zuletzt das Aussterben des Sardischen bedeuten, sollte sich die sprachpolitische Situation in Sardinien nicht verändern (Rindler Schjerve 1987: 50-54; 75; 290-294; vgl. auch die Umfrage zum Sprachverhalten der Sarden im Alltag von Friedemann Götz und Giuseppe Misitano).

Die Aufgabe der Linguisten und Sprachpolitiker wäre nun, auf das gemeinsame Ziel aller hinzuarbeiten – nämlich zu verhindern, dass das Sardische ausstirbt.

 

Bibliographie

Argiolas, M./Serra, R. (Hg.) (2001): Limba lingua language. Lingue locali, standardizzazione e identità in Sardegna nell'era della globalizzazione, Cagliari.

Blasco Ferrer, E./ Ingrassia, G. (2011): "Irrequietudine e inquietudine sarda. L'annoso problema della normalizzazione del sardo", in Selig, M./ Bernhard, G. (Hg.), Sprachliche Dynamiken. Das Italienische in Geschichte und Gegenwart, Frankfurt am Main, 167-175.

Calaresu, E. (2002): "Alcune riflessioni sulla LSU limba sarda unificada“, in Plurilinguismo 9, 247-266.

Comitau Scientìficu po sa Norma Campidanesa de su Sardu Standard (2009) (Hg.): Arrègulas po ortografia, fonètica, morfologia e fueddàriu de sa Norma Campidanesa de sa Lìngua Sarda, Ortacesus.

Corraine, D. (1992): "La lingua sarda dall'oralità alla scrittura, dalla divergenza alla convergenza", in Mondo ladino 16, 45-53.

Corraine, D. (1999): "Para unha lingua sarda de referencia", in Fernández Rei, F./Santamarina Fernández, A. (Hg.), Estudios de Sociolingüística Románica. Linguas e variedades minorizadas, Santiago de Compostela, 425-444, hier 435.

Corraine, D. (2000): "Normativitzatzione ortogràfica de sa Limba Sarda", in Revista de Filologia romanica 17, 275-282.

Mensching, G./Grimaldi, L. (2005): "Limba Sarda Unificada. Zu den jüngsten Bestrebungen der Standardisierung des Sardischen“, in Sinner, C. (Hg.), Norm und Normkonflikte in der Romania, München, 59-87.

Rindler Schjerve, R. (1987): Sprachkontakt auf Sardinien. Soziolinguistische Untersuchungen des         Sprachenwechsels im ländlichen Bereich, Tübingen.