Kleine Geschichte der Mittelalterforschung
Gegenstände und Themen der Mittelalterforschung
Die Wissenschaft vom Mittelalter, die Mediävistik, entstand im 19. Jahrhundert. In Deutschland erwuchs sie aus dem Bedürfnis des werdenden Nationalstaats, den eigenen Ansprüchen historische Tiefe und damit Legitimität zu verschaffen. Methodisch konnte sie sich an das Instrumentarium der Philologien (der Germanistik wie der Klassischen Philologie) einerseits, an das Geschichtsverständnis des Positivismus und Historismus andererseits anschließen.Daraus erwuchsen namentlich die großen, nach wie vor nicht abgeschlossenen Quellencorpora, die die Grundlage jeden mediävistischen Arbeitens darstellen.
Bei den Darstellungen überwog zunächst das Interesse an der politischen, der "nationalen" Geschichte, früh auch an der Reichs- und Verfassungsgeschichte. Zwar nahm auch die Forschung des 19. Jahrhunderts Sachverhalte der Kultur- und Alltags-, der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte in den Blick; man denke nur an Gustav Freitag und Karl Lamprecht. Aber das national-, politik- und ereignisgeschichtliche Paradigma hielt in der Mediävistik wie in der allgemeinen Geschichtsforschung lange vor. Erst nach 1945 traten andere Fragerichtungen und Gegenstände partiell an seine Stelle. Der Einfluß der französischen Geschichtsforschung, die sich in besonderem Maße dem Mittelalter widmet, spielte dabei eine augenfällige, aber keineswegs ausschließliche Rolle.
Mittelalterforschung heute
Die heutige Mediävistik ist durch eine große Vielfalt von Methoden, Gegenständen und Fragestellungen gekennzeichnet. Herkömmliche Themen aus der Reichs- und Kirchengeschichte behalten ihre Stellung im Fach, und die Arbeitsfelder der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte sind mittlerweile kanonisch geworden. Jeder Mediävist muß sich in der hoch- und spätmittelalterlichen Stadtgeschichte auskennen und die Wandlungen in der Grundherrschaft von der karolingischen Epoche bis ins Spätmittelalter in der Lehre vermitteln. Auch die Verfassungsgeschichte bleibt ein zentrales Anliegen der mediävistischen Forschung, zumal die Grenzen zur Sozialgeschichte selten sinnvoll gezogen werden können. Seit den siebziger Jahren gelangte die Geschichte der Alltagskultur zu neuem Ansehen - vor allem die Zusammenarbeit mit den exakten Wissenschaften, etwa in Gestalt der Mittelalterarchäologie, hat hier zu neuen und profunden Ergebnissen geführt.
Ganz andere, aber nicht weniger aufregende Einsichten erbrachte die Beschäftigung mit dem Denken des mittelalterlichen Menschen, mit den Lebens- und Erfahrungswelten von Bauern, Bürgern und Adligen. Der Begriff der Mentalität(en) bereitet zwar erhebliche methodische Probleme, ist aber nach wie vor anregend. Die moderne Mediävistik hat ihn dahingehend erweitert, daß sie danach fragt, wie die Menschen in einem historischen Raum ihre Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft beurteilten und sich selbst in sozialen und räumlichen Geflechten sahen. Sie fragt nach den "Bildern" (imagines), die ihnen vor Augen standen und ihr Handeln leiteten, nicht zuletzt nach dem Bild von der Welt, das sie besaßen.
