Rom - Architektur, Denkmal und Kunst im öffentlichen Raum

Exkursion vom 3. bis 9. August 2004 nach Rom von Christian Winkle und Holger Dietrich, Abt. Alte Geschichte

"Dann kam der Kaiser (Constantius II) zum Trajansforum. Nach unserer Meinung lässt es sich mit keinem anderen Bauwerk unter dem Himmel vergleichen und verdient sogar nach der Meinungen der Gottheiten Bewunderung. Da blieb er wie vom Donner gerührt stehen, und seine Gedanken schweiften um die gigantischen Konstruktionen, die Worte nicht schildern können ...."

Dieser Bericht von Ammianus Marcellinus zum Jahr 357 n. Chr. schildert durchaus treffend die Eindrücke heutiger Besucher römischer Bauwerke und Foren. Dennoch ist die Größe und Ausstattung und das damit verbundene Staunen nur eine Facette römischer Architektur. Sich ein umfassendes Bild von den Funktionen öffentlicher Bauten zu machen, war das Ziel der im Sommersemester durchgeführten übung mit dem Titel "Rom - Architektur, Denkmal und Kunst im öffentlichen Raum" und der darauffolgenden siebentägigen Exkursion nach Rom.
öffentlicher Raum als Ort der Begegnung und Kommunikation nimmt sowohl in historischen wie auch heutigen Gesellschaften vielfältige und wichtige Funktionen wahr. öffentliche Plätze oder Bauwerke sind über die rein bauliche Funktion hinaus häufig Symbol für gesellschaftlich geteilte Werte und Normen, des kollektiven Gedächtnisses oder der gemeinsamen Identität. Als solche sind sie auch in modernen Gesellschaften präsent. Die Dichotomie zwischen öffentlich und privat ist ein in vielen sozialwissenschaftlichen Fächern zentrales Begriffspaar, das durchaus auch, wie zahlreiche Studien belegen, starkes Interesse von Seiten der historischen Wissenschaften erfährt. Während jedoch in modernen Gesellschaften die Massenmedien vielfach öffentliche Kommunikation jenseits von räumlichen und oft auch zeitlichen Einschränkungen möglich machen, waren die öffentlichen Plätze historischer Gesellschaften in weit größerem Maße von Bedeutung. Diese Plätze hatten besonders in der Antike soziale, politische, religiöse und wirtschaftliche Funktionen, die Gemeinschaft und Kommunikation erst ermöglichten.
Fragen nach Ziel und Zweck öffentlicher Bauten und Denkmäler führen hin zur Frage nach Urheber und Betrachter. An wessen Bedürfnissen, Interessen und Erwartungen waren Architektur, Denkmal und Kunst im öffentlichen Raum orientiert und wessen Verständnishorizont setzten sie voraus? "Gerade in politischen Denkmälern hatte der Einzelne sich vor allem im Rahmen des Anerkannten zu profilieren, musste also den bereits etablierten Erwartungen - oder zumindest den bereits konzipierten Zukunftshoffnungen - der Umwelt in hohem Maße entsprechen."

Das Verhältnis des Einzelnen zur Gesellschaft, die Sozial- und Herrschaftsstrukturen werden an öffentlichen Plätzen wie den römischen Fora oder den Spielstätten besonders eindrücklich vor Augen geführt. Solche baulichen und bildlichen Denkmäler sind jedoch, wenn man der Prämisse folgt, dass diese Ausdruck gesellschaftlicher Normen und Strukturen sind, auch eine wichtige Quelle zur Untersuchung der Entwicklung der römischen Gesellschaft.
Diese Themen und Fragestellungen standen im Mittelpunkt der Veranstaltung. Die vorbereitende übung gliederte sich in einen chronologischen Teil, der die Entwicklung öffentlicher Bauten von der mittleren Republik bis in die Spätantike untersuchte, und einen thematisch gegliederten Teil, der sich z. B. mit Fragestellungen zur Infrastruktur, Grabarchitektur und den öffentlichen Spielstätten und Thermen beschäftigte.
Nachdem so jeder Studierende innerhalb der übung mit einem Referat die Grundlage für die Rom-Exkursion geschaffen hatte, konnte die Exkursionsgruppe am 3. August die Reise nach Rom antreten.
Am Mittwoch begann der Tag im Herzen des antiken Rom - auf dem Forum Romanum. Nachdem uns Silvia Schindler in die Frühgeschichte des Forumtales eingeführt hatte, schilderten Malena Alderete und Davide Bastone die Entwicklung des Forums in republikanischer Zeit und verdeutlichten anhand der Tempel, Basiliken, der Curia und des Comitium die politische und religiöse Topographie und deren identitätsstiftende Funktion für die römische Gesellschaft. In die kaiserzeitliche Gestaltung des Forums führten uns die Referate von Miriam Witzky und Regine Winkle. Am Beispiel des Titusbogens, der anlässlich des Triumphes 71 n. Chr. über die Juden durch die Kaiser Vespasian und Titus errichtet wurde, zeigte Miriam Witzky die Bedeutung des Triumphzuges für die republikanische wie auch kaiserzeitliche Geschichte. Sie verdeutlichte dessen Relevanz für die Selbstdarstellung und Legitimation der kaiserlichen Herrschaft. Der Bogen des "fremden" Kaisers Septimius Severus (Kaiser von 193-211) hingegen veranschaulicht nicht nur das Legitimationsbedürfnis dieses zu den Soldatenkaisern gerechneten Herrschers, sondern spiegelt auch die geänderten Machtverhältnisse zwischen Senat und Kaiser am Endes des 2. und Anfang des 3. Jahrhunderts n. Chr. wider. Der Palatin, Ort der kaiserlichen Residenz, stand im Mittelpunkt des Programms am Nachmittag. Edit Ehrlich-Wolf führte anschaulich den Prozess zunehmender Prachtentfaltung und die bauliche Umsetzung des mit dem Kaiser verbundenen Rituals vor Augen und erläuterte die Repräsentationsfunktion der Kaiserpaläste.
Der nächste Tag begann mit den Referaten von Carmen Krämer und Michael Vollmer zum Amphitheatrum Flavium, dem Kolosseum, und dem angeschlossenen Ludus Magnus, der Trainings- und Wohnstätte der Gladiatoren. Während Michael Vollmer am Beispiel des Kolosseums die flavische Baupolitik und das Bedürfnis dieser neuen mit Vespasian im Jahr 69 n. Chr. beginnenden Herrscherdynastie schilderte, widmete sich Carmen Krämer in erster Linie der Funktion öffentlicher Spiele und des sich darin manifestierenden Verhältnisses zwischen Kaiser und römischem Volk. Anhand des Referats von Steffen Benz zur neronischen Stadtgestaltung und der Domus Aurea, des bis dahin größten privaten kaiserlichen Palastes in Rom, wurde der Bruch zwischen der Baupolitik Neros und der in weit größerem Maße auf die städtische Bevölkerung ausgerichteten Bauvorhaben des flavischen Kaiserhauses deutlich. Der Nachmittag war dem Besuch zweier nach modernsten museumsdidaktischen Prinzipien eingerichteter Museen vorbehalten. Besonders erwähnenswert sind die von Dagmar Bergkessel im Palazzo Massimo alle Terme vorgestellten Wandfresken des Triclinium der Villa der Livia, der Frau des Augustus, in Prima Porta sowie die vorzügliche epigraphische Sammlung des Museo delle Terme di Diocleziano. Die hier ausgestellten Inschriften entwerfen ein umfassendes Bild der römischen Lebenswelt von der mittleren Republik bis in die christliche Spätantike.
Der Freitag führte uns am Tiber entlang beginnend bei Santa Sabina auf dem Aventin bis zum Kapitol. Daniela Kaiser widmete sich in ihrem Referat den spätantiken Kirchenbauten und illustrierte anhand der dreischiffigen Säulenbasilika Santa Sabina aus der Mitte des 5. Jahrhunderts die Formen frühchristlicher Architektur und Repräsentationskunst. Der auf dem Forum Boarium, dem Rindermarkt, älteste und noch vollständig erhaltene Tempel des Hercules Victor aus dem 2. Jh. v. Chr. stand im Mittelpunkt des anschließenden Referates von Silvia Schindler zur engen Verknüpfung zwischen Staat und Religion in der frühen und mittleren Republik. Welch enorme Bedeutung für eine am Fluss liegende Stadt Brücken besaßen, führte uns anschließend Christina Tappe anschaulich am Pons Fabricius, der 62. v. Chr. erbauten und sehr gut erhaltenen römischen Brücke, vor Augen. Neben der römischen Brückenbaukunst widmete sich die Referentin vor allem der repräsentativen Funktion von Infrastrukturbauten. Den Themenkomplex der städtischen Infrastruktur vervollständigte Ulrike Leßmann mit ihrem Referat zu den römischen Straßen. Ausgangspunkt ihrer Argumentation waren die beiden am Kapitol aufgestellten Meilensteine der Via Appia und deren Inschriften. Das in augusteischer Zeit erbaute Marcellus-Theater stellte Tabea Roth vor. Dabei stand im Mittelpunkt ihres Referates die Bedeutung des Theaters nicht nur als Ort der Freizeitgestaltung und Bildung, sondern auch als Raum der öffentlichen und politischen Kommunikation. Den Abschluss des Tages bildete der Besuch der kapitolinischen Museen mit dem Tabularium, dem 78 v. Chr. fertiggestellten Staatsarchiv, von dessen Galerie man den wohl schönsten Blick auf das Forum Romanum genießen kann.
Der Vormittag des folgenden Tages widmete sich den Kaiserforen und dem Mausoleum des Kaisers Hadrian (Kaiser von 117-138), besser bekannt als Engelsburg. Dieses imposante Grabmal, welches Daniela Preyß und Alexandra Spreitzer vorstellten, manifestiert den über den Tod hinaus gerichteten Herrschaftsanspruch römischer Kaiser. Die Baupolitik des Augustus als Instrument der Herrschaftsstabilisierung und Legitimation wurde von Fred-Banjamin Ast am Beispiel des Augustus-Forums und seiner statuarischen Ausstattung illustriert. Besonders hier wird die Möglichkeit der politischen Beeinflussung durch die Gestaltung öffentlicher Räume greifbar. Ein trotz Einbeziehung der wichtigsten Persönlichkeiten römischer Geschichte allein auf die Familie des Augustus ausgerichtetes Bildprogramm und eine bis dahin in Rom noch kaum bekannte Prachtentfaltung vermittelten dem Betrachter deutlich die Grundlagen der augusteischen Herrschaft. Der letzte Kaiser, der im Zentrum Roms ein Forum anlegte, war der als vorbildlicher Herrscher angesehene Trajan (Kaiser 98-117). Seine Bautätigkeit, die Errichtung des Trajansforum mit der gleichnamigen Säule und die angeschlossenen Trajansmärkte stellte Christian Winkle vor. Daniela Kaiser führte am Nachmittag mit ihrem Referat zum Konstantinsbogen in das 4. Jahrhundert, in dessen Verlauf Rom gegenüber der neuen Hauptstadt Konstantinopel an Bedeutung verlor. Der Konstantinsbogen, der unter Verwendung zahlreicher Bauteile von Monumenten früherer Kaiser (z. B. der Verwendung trajanischer Reliefs) erbaut wurde, verdeutlicht zwei Grundzüge der konstantinischen Politik: einerseits den von Konstantin und Maxentius geführten Bürgerkrieg in einen bellum iustum umzudeuten und damit die eigene Herrschaft zu legitimieren, andererseits die religiöse Ausrichtung des ersten christlichen Kaisers. Den Samstagnachmittag schloss Carmen Krämer mit einem Referat zum Circus Maximus und den darin stattfindenden Wagenrennen ab. Deutlich wurde dabei, dass der Circus bevorzugter Ort kaiserlicher Repräsentation war und dies, wie der Circus in Konstantinopel zeigt, bis in die Spätantike und byzantinische Zeit blieb.
Der Sonntag und letzte Exkursionstag führte uns zuerst zur Porta Maggiore und den dort noch gut zu sehenden Resten der Aqua Claudia, einer unter Caligula begonnenen und unter Claudius 52 n. Chr. vollendeten Wasserleitung. Irmgard Rucker erläuterte hier die Bauweise und Struktur des römischen Wasserleitungssystems und konnte anhand der Bauinschriften die verschiedenen Bau- und Renovierungsphasen vorstellen. Einer der größten Abnehmer für das in die Stadt geführte Wasser waren z. B. die Caracalla-Thermen. Dort gab Beate Essig nicht nur eine Einführung in die eindrucksvolle römische Bäderkultur, sondern verdeutlichte auch die Bedeutung der Thermen für das Freizeit- und Alltagsleben der römischen Bürger. Mit dem Bau solch großartiger Thermenanlagen kam der römische Kaiser seiner Fürsorgepflicht für die römische Bevölkerung nach und konnte zugleich die eigene Stellung öffentlichkeitswirksam festigen. Der Nachmittag führte uns in einem langen Fußmarsch von den Caracalla-Thermen bis zum Grabmal der Cecilia Metella an der Via Appia. Daniela Preyß und Alexandra Spreitzer thematisierten hier die Bedeutung römischer Grabbauten für die Selbstdarstellung der römischen Oberschicht und den damit verbundenen Grabluxus. Die beeindruckenden Reste des Grabtumulus der Cecilia Metella, der Frau des Crassus, aus der Mitte des 1. Jh. v. Chr. boten hierfür reichlich Anschauungsmaterial. Nach einer durchaus kuriosen Rückfahrt in die Innenstadt Roms schloss der Tag mit einem gemeinsamen Essen, bei dem die eindrücklichen Erlebnisse und Diskussionen der letzten Tage verarbeitet oder gar verdaut werden konnten.
Die Untersuchung der architektonischen und urbanistischen Entwicklung und Gestaltung des öffentlichen Raums in Rom von der mittleren Republik bis in die Spätantike hat im Rahmen der Veranstaltung neben historischen, sozialwissenschaftlichen und archäologischen Fragestellungen auch die kunsthistorische Perspektive berücksichtigt und damit allen Teilnehmern interdisziplinäres Arbeiten ermöglicht. Die wissenschaftliche Thematik der Exkursion hat einige höchst interessante Perspektiven der europäischen Geschichte, historischer Symbole und Entwicklungen, welche auch die Grundlage des modernen Europa sind, behandelt und vertieft. Der Gewinn einer solchen Veranstaltung für Studierende kann nicht hoch genug veranschlagt werden und so möchten wir uns an dieser Stelle beim Verein der Freunde des Historischen Instituts der Universität Stuttgart, der diese Exkursion auch in diesem Jahr finanziell unterstützt hat, herzlich bedanken.