Provence-Exkursion der Abteilung Alte Geschichte

Auswahlbibliographie

Vom 14. bis 24. September 2006 führte die Exkursion der Abteilung Alte Geschichte in die Provence. Das Oberthema der diesjährigen Exkursion lautete „Provence – Romanisierung der Gallier“ .

Seit der Mitte des 1. vorchristlichen Jahrtausends war der Süden Galliens durch die Koexistenz verschiedener Zivilisationen (Ligurer, Iberer und keltische Stämme) geprägt. Um 600 v. Chr. begann die Kolonisation der Küste der Provence durch die Phokaier. Diese hatten bei ihren Fahrten entlang der Mittelmeerküste das von der Natur geschaffene Hafenbecken der späteren Stadt Marseille als Siedlungsplatz entdeckt. Sie gründeten die Stadt Massalia, die sich allmählich zu einer bedeutenden Handelsniederlassung entwickelte. Die griechische Handelstätigkeit eröffnete den Einheimischen den Zugang zum Wirtschaftsraum der Mittelmeerwelt.

Das Nebeneinander von Kelten und Griechen gestaltete sich allerdings nicht immer als friedliche Koexistenz. Nach der Plünderung von Massalia durch den keltischen Stamm der Salluvier im Jahre 125 v. Chr. begann die römische Expansion in Südgallien. Unter der Führung des Marcus Fulvius Flaccus wurde nach siegreichen Kämpfen 122 v. Chr. die Provinz Gallia Transalpina eingerichtet, die später in Gallia Narbonensis umbenannt wurde. Hauptort der Provinz wurde zuerst Aquae Sextiae (Aix-en-Provence), später dann die 118 v. Chr. gegründete Colonia Narbo Martius (Narbonne). Außerdem wurde die Via Domitiaals Verlängerung der Via Aurelia angelegt, um Italien auf dem Landweg mit Spanien zu verbinden.

Im Jahr 58 v. Chr. begann Caesar seine Eroberungsfeldzüge in Gallien und die Provinz Gallia Narbonensis diente ihm hierfür als eine feste Ausgangsbasis. Nach der Niederschlagung der letzten großen Erhebung unter dem Arvernerfürsten Vercingetorix (52 v. Chr.) wurde ganz Gallien Teil des Römischen Reiches.

Infolge der Neuorganisation des Reiches unter Diocletian und Konstantin zwischen 284 und 337 n. Chr. wurde die Narbonensis der Praefectura Galliarum mit der Residenz des Präfekten in Trier unterstellt. Um 400 wurde die Präfektur nach Arles verlegt. Nach der Ansiedlung der Westgoten in Aquitanien um 418 endete mit der Eroberung der Auvergne (470) und dem Friedensvertrag zwischen den Westgoten und Kaiser Nepos um das Jahr 475 die römische Herrschaft in der Provence. 

Die Referate der Exkursionsteilnehmer, die sowohl im Rahmen eines zweitägigen Seminars in Stuttgart als auch vor Ort gehalten wurden, umfaßten den gesamten hier vorgestellten Zeitraum. Es wurde als Standort die Unterkunft „La Nesqui�re“ in Pernes-les-Fontaines 15 km östlich von Avignon im Herzen der Provence gewählt. Von dort konnten die wichtigsten archäologischen Stätten und Museen mit dem von der Universität zur Verfügung gestellten und einem weiteren angemieteten Kleinbus besucht werden.

Nachdem der erste Tag mit der Anfahrt von Stuttgart nach Pernes-les-Fontaines verbracht wurde, begann am 15.09. das Programm mit der Besichtigung des archäologischen Museums in Orange, dem römischen Arausio.  Die dort ausgestellte römische Katasterkarte wurde durch ein Referat von F. Schön erläutert und anschließend diskutiert. Die erhaltenen Überreste der großformatigen, in Stein gemeißelten Karte dokumentieren in eindrucksvoller Weise das Wesen der römischen Landvermessung und die Landverteilung an die römischen Siedler. Im Anschluß daran wurde das gut erhaltene und noch heute für Aufführungen genutzte römische Theater besichtigt. Der letzte Programmpunkt in Orange war schließlich der vor den Toren der Stadt gelegene römische Ehrenbogen, dessen Bildprogramm zu intensiven Diskussionen an-regte. In der zweiten Tageshälfte präsentierte P. Guyot in dem beschaulichen kleinen Bergdorf Venasque die dortigen frühchristlichen Überreste und begann damit eine Reihe von Beiträgen zum frühen Christentum in der Region.

Am zweiten Exkursionstag, dem 16.09., stand nach einer längeren Anfahrt ein Besuch im Marseiller Hafen auf dem Programm. Im „Musee des Docks Romains“ stellte D. Römer vor den konservierten Fundamenten eines römischen Speicherhauses mit sehr gut erhaltenen, in den Boden eingelassenen Getreidesilos die Bedeutung der Hafenstadt für das Wirtschaftsleben der Provinz zur Diskussion. Anschließend wurde das archäologische Museum von Marseille angesteuert. In diesem modern eingerichteten Museum wurden mehrere lateinische Inschriften gelesen und diskutiert, bevor dann die im Außenbereich des Museums konservierten Grundmauern der antiken Hafenanlagen besichtigt wurden. Durch das belebte Hafengebiet von Marseille ging die Fahrt weiter zur Abbaye Saint Victor, in deren Krypta P. Guyot über die Märtyrer-Verehrungsstätte (Martyrion) des heiligen Victor und den damit verbundenen Märtyrerkult referierte. Schließlich wurde in Aix-en-Provence, dem ehemaligen Aquae Sextiae, das im Seitenschiff der mittelalterlichen Kathedrale gelegene Baptisterium besucht, dessen Anlage in die Zeit der Spätantike zurückreicht. P. Guyot wies in einem weiteren Referat besonders auf übereinstimmende und abweichende Strukturen im Vergleich zum einen Tag zuvor besichtigten Baptisterium in Venasque hin.

Der 17.09. begann in den Ruinen von Glanum, einer r�mischen Siedlung s�dlich von St. R�my-de-Provence. Vor dem Ausgrabungsgel�nde befinden sich zwei sehr gut erhaltene und weithin sichtbare Bauwerke – das sog. Grabmal der Iulier und ein Bogenmonument –, �ber die J. Straub die Exkursionsteilnehmer detailliert informierte. Innerhalb des Ruinengel�ndes wurden von D. R�mer die Funktion der Basilika und von F. Merkle das Quellheiligtum und die dort aufgestellten Inschriftensteine vorgestellt. Bei der gemeinsamen epigraphischen Arbeit kam eine angeregte Diskussion �ber die Stifter einer der Inschriften und die damit verbundene Bezeichnung der Einwohner von Glanum auf. Auf der R�ckfahrt wurden noch die �berreste der r�mischen Wasserm�hlen bei Barbegal und die damit verbundenen Kunstbauten f�r die Wasserversorgung besichtigt und von D. R�mer in ihrer Bedeutung f�r die Agrarwirtschaft der Region gew�rdigt.

 Vaison-la-Romaine, das r�mische Vasio Vocontiorum, stand am 18.09. auf der Tagesordnung. Au�er den beiden gro�en Ausgrabungsst�tten wurde auch die ehemalige r�mische Br�cke, die in den 1990er Jahren durch ein Hochwasser schwer besch�digt wurde, besichtigt. In der arch�ologischen Zone erl�uterte V. Sauer am „Haus mit dem Delphin“ die einzelnen Geb�udeteile eines römischen Wohn-hauses. Danach f�hrte D. R�mer die Gruppe durch ein antikes Stadtviertel mit verschiedenen Werkst�tten. Im Kreuzgang der an das Grabungsgel�nde an-grenzenden Kathedrale wurden unter der Leitung von P. Guyot mehrere fr�hchristliche Inschriften gelesen und interpretiert. Am sp�teren Nachmittag begab sich die Gruppe schlie�lich in der N�he von Malaucene auf die Suche nach einem r�mischen Steinbruch, in welchem D. R�mer die Bedeutung des dort gewonnenen Baustoffes, dessen Bearbeitung und Transport vermittelte.

Der folgende Exkursionstag begann mit dem Besuch des Heimatmuseums von St. Blaise am Etang de Berre. In mehreren Vitrinen konnten verschiedene Exponate, u.a. römische Bleibarren von gesunkenen Schiffen, begutachtet werden. In unmittelbarer Nähe des Ortes befindet sich auf einem kleinen, von Salzseen umgebenen Hochplateau das Oppidum Ugium im Gebiet des keltischen Stammes der Salluvier. Hier erl�uterte W. Berner die verschiedenen Phasen dieser protourbanen Siedlung, in der sich nacheinander Etrusker, Griechen und Kelten niedergelassen hatten. Innerhalb des Oppidums befinden sich auch die Grundmauern einer sp�tantiken Kirche, �ber welche P. Guyot referierte. Danach wurde der Pont Flavien bei St. Chamas besichtigt.

 

V. Sauer thematisierte die Bedeutung dieser Br�cke, die nicht zu einer der gro�en �berlandstra�en geh�rte, ging auf die noch heute gut lesbare Bauinschrift ein und verwies auf den Prunkcharakter dieses Bauwerkes. Der Tag endete mit einem ersten Besuch der historischen Altstadt von Arles, deren zahlreiche Monumente die Exkursionsgruppe am folgenden Tag besch�ftigen sollten.

So begann der 20.09. mit einem Besuch des arch�ologischen Museums von Arles. Hier setzte zun�chst J. Straub ihre Beitr�ge zum Thema Grabkult fort. Anhand verschiedener Grabinschriften  und Steinsarkophage konnten die lokalen Besonderheiten des Grabkultes in der Region veranschaulicht werden. R. Schilling stellte anschlie�end einige Exponate aus augusteischer Zeit vor, u.a. die ber�hmte antike Marmorkopie des Ehrenschildes des Augustus. Am Modell der r�mischen Wasserm�hlen von Barbegal und weiteren Ausstellungsst�cken leistete daraufhin D. R�mer einen weiteren Beitrag zum Wirtschafts-leben der Gallia Narbonensis, bevor P. Guyot einige bemerkenswerte fr�hchristliche Sarkophage und deren Bildprogramm interpretierte. Nach der Besichtigung des r�mischen Theaters und der sp�tantiken Thermen endete der Exkursionstag mit dem fr�hchristlichen Friedhof von Alyscamps, mit dem P. Guyot seine Beitr�ge zum fr�hen Christentum in der Provence zu einem besonders anschaulichen Abschlu� brachte.

Nemausus, das heutige N�mes, wurde von der Exkursionsgruppe am 21.09. angesteuert. Der Stadtrundgang begann an der Tour Magne, einem auf einer Anh�he gelegenen, in mehreren Phasen ausgebauten Turm der antiken Stadtmauer. Danach erl�uterte T. Schnatterer am Quellbezirk im Jardin de la Fontaine, der heute ein Teil der barocken Parkanlage ist, die Bedeutung der dort austretenden Karstquelle f�r die antike Stadt. Da� diese Wasserversorgung f�r die Bewohner auf Dauer nicht ausreichte, wurde am castellum divisorium, der Verteilerstation f�r die st�dtische Wasserversorgung und zugleich Endst�ck des 35 km langen Aqu�dukts, von V. Sauer er�rtert. Von hier ging es weiter zur Porte d’Auguste, einem der beiden gut erhaltenen antiken Stadttore. Nach dem Besuch des arch�ologischen Museums von N�mes machten die Exkursionsteilnehmer nach einer l�ngeren Suche mit dem franz�sischen Denkmalschutz Bekanntschaft. Es stellte sich heraus, da� die gesuchten Grundmauern eines etwa 70 Meter langen Abschnitts der sp�tantiken Mauer neben dem Amphitheater im Zuge der architektonischen Neugestaltung des dortigen Vorplatzes f�r immer „konserviert“, d.h. zugesch�ttet wurden. Somit mu�te der Referatstandort von F. Richter an eine andere Stelle verlagert werden, was aber dem Referat zum sp�tantiken N�mes keinen Abbruch tat. Mit der n�heren Beschreibung des heute Maison Carr�e genannten Tempels auf dem ehemaligen Forum in der heutigen Innenstadt durch R. Schilling wurde das Tagesprogramm beendet.

 

 

Der 22.09. begann mit der Besichtigung eines Oppidums des keltischen Stammes der Volcae Arecomici in der N�he von Nages-et-Solorgues. Das auf einem Bergsporn gelegene Oppidum war nach allen Seiten hin durch mehrere aus Trockensteinen errichtete Maueranlagen vor feindlichen �bergriffen gesch�tzt. Zun�chst waren die einzelnen Siedlungsphasen  Gegenstand des Referats von W. Berner. Danach wurde gemeinschaftlich ein in der Forschungsliteratur als Heiligtum (fanum) identifiziertes Geb�ude auf seine Funktion in Bezug auf den Grundri� und die Lage innerhalb der Siedlung hin untersucht. Nach einer l�ngeren Erkundung dieser H�hensiedlung begab man sich zu dem wohl bekanntesten r�mischen Bauwerk der Provence, dem Pont du Gard. In Sichtweite des 49 Meter hohen und 275 Meter langen Monuments ging V. Sauer auf die Wasserleitung, auf die damit verbundene Wasserversorgung der Stadt N�mes und auf repr�sentative Aspekte dieses Monuments ein.

 

Der letzte Exkursionstag galt in mehreren Etappen dem r�mischen Stra�enwesen. Anhand verschiedener �berreste wurde von V. Sauer das Stra�ensystem in der Gallia Narbonensis pr�sentiert. So wurde neben einem Stra�enst�ck der Via Domitia bei Beaucaire mit dem Pont Julien bei Apt eine weitere r�mische Stra�enbr�cke begangen.

Im Anschlu� an nahezu alle Referate wurde das Oberthema „Romanisierung“ intensiv diskutiert. Dabei stellte sich heraus, da� mit diesem Begriff und den damit verbundenen Vorstellungen der altertums-wissenschaftlichen Forschung sehr behutsam um-gegangen werden sollte. Keinesfalls verschwanden in r�mischer Zeit s�mtliche Eigenheiten der keltischen und der griechischen Kultur in der Region. Vielmehr ist in verschiedenen Gesellschaftsschichten, in einzelnen Regionen und Siedlungen sowie in unterschiedlichen Lebensbereichen mit signifikanten Unterschieden zu rechnen, was den Grad der „Romanisierung“ betrifft. Bei n�herer Betrachtung fallen zudem Eigenheiten auf, die sich nur aus dem f�r die Region typischen Nebeneinander von griechischen, keltischen und r�mischen Elementen sinnvoll erkl�ren lassen. Der Vorstellung von einer „Romanisierung“ mu� also die historisch gewachsene Eigenheit der multikulturell gepr�gten Region entgegengehalten werden.

Mit diesen Eindr�cken und Erkenntnissen begab sich die Exkursionsgruppe am 24.09. schlie�lich auf die Heimreise und traf am Abend nach insgesamt 3150 zur�ckgelegten Kilometern gesund und wohlbehalten wieder in Stuttgart ein.

Wie in den vergangenen Jahren lag die Organisation der Exkursion in der Hand von studentischen Teilnehmern. J. Straub brillierte vor Ort mit ihren hervorragenden franz�sischen Sprachkenntnissen und sorgte f�r einen reibungslosen Ablauf der von W. Berner mit Unterst�tzung von F. Stini organisierten Exkursion. Neben dem Fahrer der Universit�t Stuttgart sei an dieser Stelle ganz besonders dem Verein der Freunde des Historischen Instituts und der Stiftung „Humanismus heute“ gedankt, die wie schon in den vergangenen Jahren die studentischen Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit einem finanziellen Zuschu� unterst�tzt hatten. Nicht zuletzt danken alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Exkursion auch Herrn Prof. E. Olshausen, ohne dessen gro�es Engagement die Durchf�hrung derartiger Exkursionen nicht vorstellbar w�re.

 

Wolfram Berner