„Sind wir noch zu retten?" Über Demokratie und Moral.

17. Dezember 2025

Informationsüberflutung, Vertrauensverlust in die Demokratie, der Aufstieg der AfD und der weltweite Rückgang demokratischer Systeme: In der Theodor-Heuss-Gedächtnis-Vorlesung 2025 analysierte die Dramatikerin und Autorin Anne Rabe die moralischen und politischen Bruchlinien der Gegenwart – und zeigte auf, warum Empathie und zivilgesellschaftliches Engagement unverzichtbar sind.

Prof. Peter Middendorf, Anne Rabe und Dr. Thorsten Holzhauser kurz vor der Veranstaltung im Foyer des Tiefenhörsaals.

„Die Theodor-Heuss-Gedächtnis-Vorlesung ist eine würdige Erinnerung an den liberalen Demokraten, Ehrenprofessor der Universität Stuttgart und ersten Bundespräsidenten“, sagte Rektor Professor Peter Middendorf, als er die Gäste im großen Hörsaal am Campus Stadtmitte begrüßte. Durchaus technisch orientiert, biete die Universität aber auch starke geistes- und sozialwissenschaftliche Bereiche, die wichtig seien, um die technologisch geprägte Welt besser verstehen zu lernen, erklärte Middendorf, und befand: „Das Zusammenspiel von Technik-, Geistes- und Sozialwissenschaften ist heute wichtiger denn je.“

Dr. Thorsten Holzhauser, neuer Geschäftsführer der Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus, freute sich, dass die Kooperationsveranstaltung weiterhin an der Universität Stuttgart stattfinde. Der Vortrag passe bestens zum Abschluss der diesjährigen Schwerpunktreihe „Rechtsaußen“ der Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus, sagte er. Diese hatte Schlaglichter auf die extreme Rechte und ihr Verhältnis zur Demokratie geworfen und hinterfragt, wie man damit umgehe.

„Sind wir noch zu retten?" Über Demokratie und Moral. – Unter diesen Titel hatte Anna Rabe ihre Theodor-Heuss-Gedächtnis-Vorlesung gestellt. Bekannt wurde die Dramatikerin, Drehbuchautorin und Essayistin mit ihrem Romandebüt „Die Möglichkeit von Glück“. Aktuell ist ihr Essaybuch „Das M-Wort. Gegen die Verachtung der Moral“ erschienen.

Finstere Zeiten

„Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten (…) Der Lachende hat die furchtbare Nachricht nur noch nicht empfangen!“ – mit Bertolt Brechts Gedicht „An die Nachgeborenen“ stieg Anne Rabe in den Abend ein. Die Finsternis liege heute hinter der Dauermedienschleife, befand sie. Der Mensch, von der permanenten Informationsflut überfordert, ziehe sich ins Private zurück. Begleitet von einem Gefühl des Kontrollverlusts, vertraue er seinen Ärger dem Netz an, das dazu beitrage, Aggressionen – auch gegen Minderheiten – zu schüren.

Empfundene Meinungsfreiheit

Von einer Vertrauenskrise in die Demokratie sprach Rabe sowie von der Ansicht vieler, man könne sich selber nicht mehr einbringen und der Zugang zu Meinungen und Publikationen sei eingeschränkt. Laut einer Allensbach-Umfrage glauben derzeit nur 46 Prozent der Deutschen, ihre Meinung frei äußern zu können. Was die Studie ebenfalls zeige: Dort, wo rechts gewählt wird, ist das Empfinden, in der freien Meinungsäußerung eingeschränkt zu sein, stärker ausgeprägt als in anderen Regionen.

Die Kraft der Demokratie basiere auf dem Diskurs, ist Rabe überzeugt. Als einen Katalysator für die Spaltung der Gesellschaft möge sie etwa die Corona-Krise nicht sehen, das sei zu kurz gedacht, sei doch in Demokratien die Pandemie besser gemeistert worden als in anderen Staatsformen. Für falsch und fatal halte sie es auch, im rechtsextremen Wählerpotenzial lediglich besorgte Bürger*innen zu sehen, die angesichts der Flüchtlingskrise von der Politik enttäuscht seien. „Die AfD wurde erfolgreicher, je rechtsextremer sie auftrat“, konstatierte Rabe und mahnte: Was über Jahrzehnte undenkbar war, sei nun Realität, der politische Kurs in Deutschland gehe nach rechts.

Anne Rabe im Dialog mit dem Publikum

Demokratien auf dem Rückzug

An verschiedenen Beispielen zeigte Rabe auf, wie die AfD zivilgesellschaftliche Strukturen zu zerstören versuche. So sei etwa in Weißwasser, Sachsen, die Finanzierung eines soziokulturellen Zentrums ausgesetzt worden, was die im Stadtrat die Mehrheit stellende AfD mit knappen Kassen begründete. Unliebsame Kultur- und Bildungsangebote zu verdrängen: Diese Methode greife auch in den USA unter Trump um sich, befand Rabe. Die Demokratien seien weltweit im Rückgang begriffen. 7,8 Prozent der Weltbevölkerung lebten 2024 in einer vollen Demokratie – 2008 waren es noch fast doppelt so viele. Was nun? Sich selber einbringen, aktiv werden, spenden, den Politikerinnen und Politikern vor Ort Rückmeldung geben, rät Rabe. Der Aussage von Elon Musk, wonach das größte Problem der westlichen Welt die Empathie sei, widersprach sie klar: Gerade die Fähigkeit zu Empathie und die Vorstellung, dass alle Menschen gleich an Wert und Würde sind, sei für moralisches Handeln unverzichtbar.

„Nichts muss so bleiben, wie es ist“

„Europa ist die letzte Bastion der Wertegemeinschaft“, betonte die Bestseller-Autorin. Es lohne sich, Ideen anzutreiben, für die westliche Moral zu kämpfen, die Zivilgesellschaft zu stärken. Jeder und jede könne etwas tun – und wenn es die Mitgliedschaft in einem Sportverein sei. Auf das Beispiel der Friedensnobelpreisträgerin Astrid Lindgren hinweisend, deren Rede vor dem Nobelpreiskomitee dazu führte, dass in vielen Ländern die Gewalt gegen Kinder verboten wurde, sagte Rabe: „Der Mensch ist in der Lage, Ideen zu entwickeln, die der Realität widersprechen – nichts muss so bleiben, wie es ist.“

Beim abschließenden Empfang im Hörsaalfoyer wurde angeregt weiter diskutiert. Schon vorher hatten viele Zuhörerinnen und Zuhörer die erstmals im Rahmen einer Theodor-Heuss-Gedächtnis-Vorlesung angebotene Fragerunde genutzt, um ihre Gedanken zu Moral und Demokratie mit der Referentin und dem Publikum zu teilen.

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