Datum: 10. März 2011, Nr. 18

Zwischen Anspruch und Methodik

Städte und Klimaschutz

Während auf der Bühne der Vereinten Nationen um ein Nachfolgeabkommen für das Kyoto-Protokoll gerungen wird, haben viele Städte im Kampf gegen den Klimawandel freiwillig die Initiative ergriffen. Sie setzen eigene Emissionsziele und messen ihre Treibhausgasemissionen aus Gebäuden, Verkehr oder Müllkippen. Doch wie sieht die Erfassung in der Praxis aus und sind die Städte auf dem richtigen Weg, um ihre selbst gesteckten Klimaschutzziele zu erreichen? Diesen Fragen ging Maike Sippel am Institut für Energiewirtschaft und Rationelle Energieanwendung (IER) der Universität Stuttgart in einer Studie nach, die jetzt in der Zeitschrift „Greenhouse Gas Measurement and Management“ veröffentlicht wurde. *)

Die Studie nahm die Klimaschutzaktivitäten deutscher Großstädte mit mehr als 100.000 Einwohnern unter die Lupe. Ein erstes Ergebnis: Tatsächlich sind die untersuchten Städte fleißig dabei, ihre Treibhausgasemissionen zu messen. 75 Prozent der untersuchten Städte haben bereits sogenannte Emissionsinventare erstellt, die übrigen arbeiten daran. Bei der Methodik zur Erstellung der Emissionsinventare grassiert allerdings der Wildwuchs. Beispiel Verkehr: Mal werden die Emissionen eingerechnet, die der Verkehr im Stadtgebiet erzeugt, mal die Emissionen, die die Bürger der Stadt mit ihren Fahrzeugen (auch außerhalb des Stadtgebiets) verursachen. Andere Städte wiederum lassen Emissionen aus dem Verkehrssektor ganz aus ihrem Treibhausgasinventar heraus. „Die Emissionsdaten verschiedener Städte sind also kaum vergleichbar“, so Maike Sippel.

Auch hat sich ein großer Teil der untersuchten Städte - meist sehr ehrgeizige – Ziele zur Reduktion der Treibhausgasemissionen gesetzt. Welche Rolle dabei die Analyse der jeweiligen lokalen Emissionen gespielt hat, und ob ein stadtspezifischer Reduktionspfad entworfen wurde, bleibt allerdings häufig offen. Oft wurden die Ziele direkt aus den übergreifenden Vorgaben des Städtenetzwerks „Klima Bündnis“ übernommen oder sie sind an deutsche oder europäische Klimaschutzziele angelehnt. „Fast die Hälfte der Städteziele dürfen wohl eher als symbolisch betrachtet werden, da keine Emissionsdaten aus dem Basisjahr der Zielsetzung veröffentlicht werden“ , sagt Sippel. Ohne solche Ausgangsdaten kann jedoch gar nicht beurteilt werden, ob eine Senkung der Emissionen um einen bestimmten Prozentwert erreicht wurde.
Betrachtet man die tatsächliche Entwicklung der Emissionen in den einzelnen Städten, ergibt sich ein gemischtes Bild. Bei Städten in den neuen Bundesländern weisen die Emissionspfade deutlich nach unten – mit einem durchschnittlichen Rückgang von jährlich drei Prozent gegenüber dem Ausgangsjahr. In den alten Bundesländern sind es nur -0,65 Prozent. Die vermutlich einfache Erklärung: Die ostdeutschen Regionen „profitieren“ vom Strukturwandel nach dem Mauerfall, in dessen Folge zahlreiche Industrieanlagen stillgelegt und damit Emissionen reduziert wurden.
Um die schlimmsten Klimaschäden zu vermeiden sind nach Ansätzen der internationalen Wissenschaftlergemeinschaft des IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) bis 2050 Emissionsreduktionen in Höhe von -1,33 bis -1,58 Prozent pro Jahr erforderlich. Setzen die Städte ihren bisherigen Emissionspfad fort, so werden rechnerisch nur sieben Städte ihre Emissionsziele für die Jahre 2020, 2030 oder 2050 auch erreichen – und alle liegen in Ostdeutschland. Der Westen dagegen ist nicht auf Kurs: Dort würden die meisten Städte ihre Ziele zwar auch erreichen – allerdings zum Teil über 100 Jahre später, als geplant...
Damit es schneller und systematischer geht, so das Fazit der Studie, wäre eine einheitliche Methodik zur Emissionserfassung auf der Ebene der Städte außerordentlich hilfreich. Städtenetzwerke und die Bundespolitik könnten dabei eine wichtige Rolle spielen: Sie könnten einen einheitlichen Standard für die Emissionsinventare der Städte festlegen und die Emissionserfassung – zum Beispiel erstmal für alle Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern – verpflichtend machen. In einer bundesweiten Datenbank könnten die Emissionsdaten der Städte dann miteinander verglichen werden.
Damit Reduktionsziele als Teil eines Qualitätsmanagements der städtischen Klimaschutzpolitik verwendet werden können, müssen diese Ziele realistisch sein und mit stadtspezifischen Reduktionspfaden hinterlegt sein. Da der mögliche Beitrag einer Stadt zum Klimaschutz stark von externen Faktoren (wie der nationalen Energie- und Klimaschutzpolitik) abhängt, empfiehlt die Wissenschaftlerin eine Doppelstrategie: Die Stadt setzt sich ein realistisches Ziel A, das sie aus eigenem Antrieb erreichen kann. Gleichzeitig formuliert sie ein sehr ambitioniertes Ziel B, für dessen Erreichung auch bestimmte nationale und internationale Rahmenbedingungen Voraussetzung sind. Diese sollte die Stadt dann als Teil ihrer Klimaschutzpolitik auch einfordern.
 
Weitere Informationen bei Dr. Maike Sippel, Institut für Energiewirtschaft und Rationelle Energieanwendung, e-mail: maike.sippel@gmx.de