Datum: 16. Februar 2012, Nr. 10

Die Übermorgenmacher

Zukunftsprojekte an der Uni Stuttgart ausgezeichnet

Baden-Württemberg feiert seinen 60. Geburtstag. Aus diesem Anlass hat das Land zusammen mit dem Südwestrundfunk (SWR) den Wettbewerb „Die Übermorgenmacher“ ausgeschrieben. Von den 60 Gewinnern stammen sieben von der Universität Stuttgart. Die Jury hat sie für ihre zukunftsweisenden Projekte und Ideen ausgezeichnet, die das Potential haben, die Welt von übermorgen zu verbessern.

Zu den Preisträgern der Universität Stuttgart zählen Ferdinand Ludwig mit seinem Projekt „ Baubotanik – Bauweise mit lebenden Pflanzen“, Prof. Nejila Parspour mit dem Projekt „Induktives Laden von Elektrofahrzeugen“, Prof. Rudolf Voit-Nitschmann und sein Team rund um das Elektroflugzeugs e-Genius, Steffen Geinitz, Len Schumann und Clemens Gerlach, sowie Prof. Michael Resch für den Einsatz und Ausbau von Höchstleistungsrechner gegen die Probleme der Zukunft.

Als Belohnung haben die Gewinner einen Wunsch beim Land frei, der bis zu 1.000 Euro kosten darf und einen Bezug zum Projekt haben muss – sei es die Vermittlung eines Kontakts oder ein fehlendes Handwerkszeug. Die Ehrungen wird das Land von Mai 2012 bis zum Ende des Jubiläumsjahres für jeden Übermorgenmacher in seinem Heimatort vornehmen. Für den überzeugendsten Übermorgenmacher stiftet der SWR außerdem den SWR-Publikumspreis. Im April können die Hörer von SWR1 und SWR4 sowie die Zuschauer der Landesschau Baden-Württemberg im Internet aus fünf Auswahlkandidaten ihren Favoriten wählen. Der Preisträger wird in einer Live-Sendung am 27. April, 20:15 Uhr, präsentiert, zu der auch alle anderen 60 Übermorgenmacher eingeladen sind.

Baubotanik – Bauweise mit lebenden Pflanzen
Ferdinand Ludwig vom Institut Grundlagen Moderner Architektur und Entwerfen (IGMA), hat die Jury mit seinen einzigartigen lebenden Bauobjekten überzeugt. Dabei nutzt der Stuttgarter Architekt die Fähigkeit von Holzpflanzen aus, mit weiteren Einzelpflanzen zu einem einzigen Organismus zu verwachsen. Die entstandenen Bauten können sich optimal ihrem jeweiligen Standort anpassen und erzeugen in ihrem Innern auf natürliche Weise ein angenehm kühles Mikroklima. Zu bestaunen sind die im Jahreszeitenwechsel sich wandelnden Bauten beispielsweise auf dem Gelände „Neue Kunst am Ried“ in Wald-Ruhestetten. Dort können die Besucher einen baubotanischen Steg und einen Turm aus lebenden Bäumen bestaunen, der im Rahmen des Wettbewerbs „365 Orte im Land der Ideen“ als „Ausgewählter Ort 2010“ ausgezeichnet worden ist. Auch bei Lärmschutzwänden können die Blätterwerke eingesetzt werden, wie eine 2009 patentierte Baumwand beweist. Aktuell entsteht für die Landesgartenschau 2012 in Nagold ein zehn Meter hoher Platanenkubus.

Induktives Laden von Elektrofahrzeugen
Elektrofahrzeuge flächendeckend auf Deutschlands Straßen einzusetzen: Diesem Ziel ist Prof. Nejila Parspour, Leiterin des Instituts für Elektrische Energiewandlung  (IEW), mit der Entwicklung einer induktiven Ladestation ein Stück weit näher gerückt. Dabei wird der Akku des Elektroautos kabellos aufgeladen, sobald sich das Auto über einer im Boden versenkten und mit Strom durchflossenen Spule befindet. Mit dem im Dezember 2011 fertig gestellten Prototypen kann eine Leistung von drei Kilowatt kontaktlos übertragen werden. Somit kann ein 12-Kilowattstunden-Batteriespeicher, der einen Kleinwagen für 100 Kilometer mit Energie speist, in vier Stunden wieder aufgeladen werden. Das neue System toleriert es zudem, wenn das Elektroauto nicht präzise über der Spule platziert ist: Die Toleranz beträgt ± 25 Zentimeter. Ferner ermöglicht das neue System das automatische Laden der Fahrzeuge an jedem Parkplatz, jeder Ampel oder jedem Straßenabschnitt, wodurch sich die zur Verfügung stehende Reichweite nochmals erhöht. Die Realisierung einer funktionierenden Ladeinfrastruktur – einer wesentlichen Grundvoraussetzung für den Durchbruch von Elektroautos – ist damit in greifbare Nähe gerückt.

Elektroflugzeug e-Genius
2011 war das Jahr des e-Genius: erfolgreicher Erstflug, Streckenrekord über 341 Kilometer in zwei Stunden, der zweite Platz beim höchstdotierten Flugwettbewerb Green Flight Challenge in den USA und der Lindbergh Preis für das leiseste Flugzeug. Diese Erfolgsserie setzt sich mit der Übermorgenmacher-Auszeichnung in diesem Jahr fort. Die „Väter“ des e-Genius und Übermorgenmacher, Projektleiter Prof. Rudolf Voit-Nitschmann und sein Team vom Institut für Flugzeugbau (IFB) haben nach weniger als zwei Jahren Bauzeit ein mit 336 Kilogramm extrem leichtes und energieeffizientes Elektroflugzeug realisiert, das es locker mit konventionellen Flugzeugen aufnehmen kann. Das eigens für e-Genius entwickelte Antriebssystem verfügt über eine Leistung von 60 Kilowatt und eine Gesamtkapazität der Akkus von 56 Kilowattstunden. Als Pionier im Flugzeug- und Leichtbau ist der aktive Pilot Voit-Nitschmann zudem mit dem Löhn-Technologietransferpreis 2011 der Steinbeis-Stiftung gewürdigt worden.

Höchstleistungsrechner gegen die Probleme der Zukunft
Prof. Michael Resch tüftelt an den großen Forscherfragen unserer Zeit wie dem Klimawandel, der Energieerzeugung, der Mobilität oder der Entwicklung neuer Produkte. Sein neuestes Werkzeug: der mit über einer Billiarde Rechenoperationen pro Sekunde, insgesamt mehr als 3.500 Rechenknoten und 110.000 Cores schnellste zivile Supercomputer Europas und der zwölfschnellste der Welt, „Hermit“ genannt. Seit 2002 leitet Resch als Direktor das Höchstleistungsrechenzentrum der Universität Stuttgart (HLRS). Die enormen Rechenkapazitäten nutzen Physiker, Chemiker und Ingenieure, um in kürzester Zeit verschiedene Forschungsszenarien und Designkonzepte, beispielsweise im Automobilbereich, virtuell durchzuspielen und die Ergebnisse zu visualisieren. Noch in diesem Jahr erhält das Höchstleistungsrechenzentrum einen Forschungsneubau, um die dringendsten Problemen der Zukunft zu lösen.
 

Weitere Informationen unter www.bw-feiert.de/uebermorgenmacher/.