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Datum: 20. Juni 2012, Nr. 39

Baumhaus für gutes Stadtklima

Landesgartenschau: Umweltminister Franz Untersteller weiht begehbaren Platanenkubus ein

Das bisher größte begehbare baubotanische Bauwerk in Europa, wenn nicht in der Welt, ein zehn Meter hoher Platanenkubus, wird am Mittwoch, dem 20. Juni 2012, auf der Landes-gartenschau Baden-Württemberg in Nagold eingeweiht. Entworfen wurde das lebendige, pflanzliche Tragwerk mit diversen Treppen und Galerien von Ferdinand Ludwig vom Forschungsgebiet Baubotanik des Instituts „ Grundlagen Moderner Architektur und Entwerfen“ der Universität Stuttgart und dem Architekten und Stadtplaner Daniel Schönle. Im Rahmen der Einweihung überreicht der baden-württembergische Umweltminister Franz Untersteller an Ferdinand Ludwig eine der Siegesurkunden beim Wettbewerb „Die Übermorgenmacher“, den Baden-Württemberg anlässlich des 60-jährigen Landesjubiläums ausgeschrieben hatte.


Zeit: 20. Juni 2012, 16.30 Uhr
Ort: Landesgartenschau Nagold, Riedbrunnenpark,
gegenüber Treffpunkt Baden-Württemberg
Vertreter der Medien sind herzlich eingeladen.
 

Grünflächen in den Städten finden die meisten Menschen schön und sie tun dem Stadtklima gut. Städteplanerisch gesehen sind sie jedoch auch eine Herausforderung, denn sie erhöhen den Flächenverbrauch und lassen oft keine urbanen, belebten Räume entstehen. Ein Ausweg aus diesem Dilemma wäre es, baubotanische Strukturen dreidimensional und begehbar zu gestalten, so dass diese gleichzeitig bauliche Funktionen übernehmen und einen wertvollen Beitrag zur ökologischen Stadtentwicklung leisten. Der Platanenkubus Nagold zeigt, wie dies gelingen kann. Für das Tragwerk des „Gebäudes“, das man sich wie einen begehbaren Baum vorstellen darf, wurden fast 1.000 junge Platanen durch eine dem gärtnerischen Pfropfen vergleichbare Methode so miteinander verbunden und im Raum angeordnet, dass sie zu einer einheitlichen pflanzlichen Fachwerkstruktur verwachsen. Noch werden sie durch ein Metallgerüst gestützt, doch durch das Dickewachstum der Bäume entsteht nach einigen Jahren eine selbstragende Struktur, die ausgesprochen belastbar ist.

Trotz dieser technisch-konstruktiven Anmutung ist der Innenraum des Platanenkubus ein ruhiger, beinahe meditativer Ort, hinter dessen frischen, grünen Trieben sich wunderbar verweilen lässt. Auf minimaler Grundfläche wird eine gärtnerische Situation geschaffen, die binnen kürzester Zeit benutzbar ist und die ökologische Qualität jahrzehntealter Bäume vorwegnimmt. Gleichzeitig passt ein baubotanisches Bauwerk sein Wachstum an die Umweltfaktoren des Standorts an und ist in der Lage, kleine Schäden selbstständig zu „reparieren“. Durch diese adaptiven Prozesse entwickelt jedes Bauwerk – wie ein Baum – über die Jahre eine ganz eigene Persönlichkeit.

„Beeindruckendes Meisterwerk“
„Der Platanenkubus ist ein beeindruckendes Meisterwerk. Und für mich ‚grünen’ Umweltminister ist das harmonische Zusammenwirken technischen Fügens und pflanzlichen Wachsens eine faszinierende architektonische Weiterentwicklung“, so der baden-württembergische Umweltminister Franz Untersteller. Und die Kanzlerin der Universität Stuttgart, Dr. Bettina Buhlmann betont: „Mit ihren lebenden Bauwerken eröffnen die Stuttgarter Baubotaniker ganz neue Chancen für den nachhaltigen Städtebau wie auch für den Klimaschutz in unseren Metropolen. Durch die schnell wachsenden Konstruktionselemente lassen sich in wenigen Monaten Effekte erzielen, die bei einem echten ausgewachsenen Baum erst nach Jahrzehnten erreicht werden.“

Das Forschungsgebiet Baubotanik an der Universität Stuttgart wurde 2007 von Prof. Gerd de Bruyn am Institut „Grundlagen Moderner Architektur und Entwerfen“ ins Leben gerufen und bearbeitet Forschungsarbeiten mit botanischem, tragwerksplanerischem und kulturtheoretischem Schwerpunkt in einem Netzwerk aus Naturwissenschaftlern, Ingenieuren, Geisteswissenschaftlern und Architekten. Zu den herausragenden, auch in der Presse viel beachteten bisherigen Forschungsarbeiten gehört ein „ Baubotanischer Turm“ in der Nähe von Pfullendorf, der im Rahmen des Wettbewerbs „Deutschland, Land der Ideen“ ausgezeichnet wurde.

Während sich die bisherigen baubotanischen Projekte im ländlichen Raum befinden, entsteht der Platanenkubus erstmals im urbanen Kontext und wird sich nach der Landesgartenschau in die umgebenden Stadthäuser einfügen. Doch vorher dürfte sich der Platanenkubus auf der Landesgartenschau zum Publikumsmagneten entwickeln: Die Besucher können die zur Pflege bestimmten Plattformen mit ihren Schläuchen, Reglern und Sensoren betreten und kommen so in unmittelbaren Kontakt zu einem Gebilde, bei dem technische Einrichtungen und wachsende Pflanzen aufs engste verschmelzen.

Holzbaupreis Baden-Württemberg 2012
Der Platanenkubus erhielt darüber hinaus den Sonderpreis für Innovation des Holzbaupreises Baden-Württemberg 2012, der vom Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz vergeben wird. Die Preisverleihung findet am 22. Juni in der Architektenkammer in Stuttgart statt.

Weitere Informationen bei Ferdinand Ludwig, Universität Stuttgart, Institut Grundlagen Moderner Architektur und Entwerfen, Tel. 0711/685-83319, Mobil: 0176/23338496, e-mail: ferdinand.ludwig@gma.uni-stuttgart.de.

 
 (c)
Ludwig/Schönle