KI als Teamplayer

18. Juni 2026

Intelligente Systeme durchdringen immer mehr Lebensbereiche – umso wichtiger wird die Frage, wie Mensch und KI künftig so zusammenarbeiten können, dass der Mensch im Mittelpunkt bleibt. Ein Interview mit der Psychologin Prof. Maria Wirzberger und dem Informatiker Prof. Steffen Staab vom Interchange Forum for Reflecting on Intelligent Systems (IRIS).

[Bild: Chat GPT / SRF IRIS]

Das 2021 an der Universität Stuttgart gegründete Interchange Forum for Reflecting on Intelligent Systems (IRIS) untersucht die gesellschaftlichen Auswirkungen intelligenter Systeme. Forschende analysieren ethische Fragen rund um Künstliche Intelligenz, entwickeln Lehrangebote für einen kritischen Umgang mit KI-Technologien und gestalten Formate, die den Dialog mit der Öffentlichkeit fördern. 

2025 bewilligte das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg (MWK) das Projekt „Human-Intelligent Systems Teaming“ (HISIT), welches aus IRIS heraus vom Sprecher*innenteam Prof. Steffen Staab und Prof. Maria Wirzberger beantragt wurde. Daraus entstanden sind sechs interdisziplinäre Forschungsvorhaben, die die Zusammenarbeit von Mensch und KI in unterschiedlichen Bereichen untersuchen. Alle sechs Forschungsteams haben inzwischen ihre Arbeit aufgenommen. Die beiden Sprecher*innen geben Einblicke.

Prof. Steffen Staab und Prof. Maria Wirzberger ©
Das Interchange Forum for Reflecting on Intelligent Systems (IRIS) untersucht die gesellschaftlichen Auswirkungen intelligenter Systeme.

Prof. Wirzberger, Prof. Staab, intelligente Systeme verändern wie wir leben, arbeiten, forschen und lernen – und das in rasantem Tempo. Wie sieht für Sie die bestmögliche KI-Zukunft aus?

Staab: Klar ist: Wer KI nicht nutzt, fällt zurück. Im Idealfall setzen wir die Potentiale von KI in der Zukunft verantwortungsvoll ein, um Fortschritte für die Menschheit zu erzielen.

Wirzberger: Wichtig ist, dass nicht nur die Technik sich weiterentwickelt, sondern auch wir. In der bestmöglichen Zukunft haben wir Menschen ausgebildet, die mündig sind im Umgang mit intelligenten Systemen. Also Menschen, die nicht blind Aufgaben an die KI delegieren, sondern bewusst und reflektiert mit ihr kollaborieren.

Um die Kollaboration von Mensch und KI geht es auch in den sechs Forschungsprojekten, die dieses Jahr im Rahmen von HISIT gestartet sind. Welche Fragestellungen stehen im Fokus?

Staab: Zur Themenfindung haben wir einen Bottom-Up Ansatz gewählt: Forschende aus allen Fachrichtungen der Universität Stuttgart konnten sich mit ihren Ideen bewerben. Die Projekte sind entsprechend vielfältig. Das Besondere: In jedem IRIS-Projekt arbeiten Wissenschaftler*innen unterschiedlicher Fachrichtungen in Tandems zusammen. Beteiligt sind Forschende aus der IT, Ingenieurwissenschaft, Physik, Visualisierung, Sozialwissenschaft, Psychologie, Philosophie oder Linguistik.

Ein Team untersucht beispielsweise, wie Mensch und KI bei der Prüfung von Umwelt- und Nachhaltigkeitsberichten im Bauwesen vertrauenswürdig kooperieren. In einem anderen Projekt fragen die Forschenden, wie Roboter ihr Verhalten in der Zusammenarbeit mit Menschen in Echtzeit anpassen können – zum Beispiel mithilfe von Körpersprache. Ein drittes Projekt beleuchtet, wie Menschen in ihren Fragen an die KI dieser implizit eine Autorität unterstellen, die die KI oft nicht hat, und wie die KI sowohl adäquat als auch kooperativ darauf so reagieren sollte, dass Nutzer*innen KI-Antworten nicht mit Expert*innenwissen verwechseln.

Welche Vorteile bringt der interdisziplinäre Ansatz?

Wirzberger: Um die vielschichtigen Auswirkungen von KI zu verstehen, brauchen wir verschiedene Blickwinkel. Prof. Zamira Daw vom Institut für Luftfahrtsysteme und ich haben uns zum Beispiel zusammengeschlossen, um die Zusammenarbeit von Mensch und KI im Flugzeug-Cockpit zu untersuchen. Da gilt es, die Technik so voranzubringen, dass sie den hohen Sicherheitsanforderungen der Luftfahrt standhält – diesen Aspekt untersucht die Ingenieurin Prof. Zamira Daw. Gleichzeitig ändert sich mit dem Einsatz von KI das Berufsbild von Pilot*innnen. Als Psychologin möchte ich verstehen, welche Weiterentwicklungsmaßnahmen der Mensch braucht, damit das Team Mensch-KI effizient und vertrauensvoll zusammenarbeitet.

Stichwort „gute Zusammenarbeit“: Wenn sich, wie bei IRIS, Forschende aus unterschiedlichen Disziplinen zusammenschließen, stoßen auch unterschiedliche Arbeitsweisen und -kulturen aufeinander. Was braucht es, damit die Zusammenarbeit über Fächergrenzen gut funktioniert?

Wirzberger: Erfolgreiche interdisziplinäre Forschung bedeutet: In neue Fachgebiete eintauchen, einen Gegenstand aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten, methodisch andere Ansätze zulassen und die Stärken des Gegenübers nutzen. Das erfordert eine große Offenheit und Geduld. Wichtig ist es, sich viel auszutauschen, sich gegenseitig zu fragen: Was verstehst du unter diesem Begriff? Wie siehst du diese Sache?

Für viele IRIS-Forschende ist diese Art zu forschen übrigens nicht neu. An der Universität Stuttgart wird der „Stuttgarter Weg“, also der interdisziplinäre Gedanke, schon lange stark gelebt. Ich empfinde das als sehr bereichernd. Interdisziplinäre Projekte wie bei IRIS bedeuten für Wissenschaftler*innen auch eine Chance, sich fachlich und persönlich weiterzuentwickeln.

Welche Chancen bietet IRIS noch für die beteiligten Forschenden?

Staab: Das interdisziplinäre Setup bietet spannende Möglichkeiten, neue Forschungsfelder an den Schnittstellen verschiedener Fachrichtungen zu erschließen. Bei IRIS geht es um Seed-Funding – eine Anschubfinanzierung, die interdisziplinäre Zusammenarbeit anstoßen soll und die Chance bietet, aus einer vielversprechenden Idee ein Forschungsprojekt zu entwickeln, mit dem man sich nach Ende der Förderung für eine externe Finanzierung bewerben kann.

Wie geht es mit IRIS weiter, welche Ziele haben Sie für den Verbund?

Wirzberger: Zukünftig wollen wir uns stärker darauf konzentrieren, aus vielen kleinen Projekten ein strukturiertes Ganzes zu machen. Zum Beispiel erarbeiten wir aktuell die ersten größeren, gemeinschaftlichen Publikationen. Damit wollen wir das IRIS-Mindset in der wissenschaftlichen Community weitertragen.

Staab: Ein gutes Instrument dafür wäre auch ein Graduiertenkolleg, ein strukturiertes Ausbildungsprogramm für Doktorand*innen, das sich mit den gesellschaftlichen Auswirkungen von KI-Technologien befasst. Hierzu entwickeln wir aktuell auch bereits Ideen und Konzepte.

Künstliche Intelligenz

Kontakt

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Lena Jauernig

 

Redakteurin Wissenschaftskommunikation / Wissenschaftlicher Nachwuchs

 

Hochschulkommunikation

Keplerstraße 7, 70174 Stuttgart

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