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Arbeitsgruppe Seismologie tagte am Institut für Geophysik > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > >
 
Von großen und kleinsten Beben

Vom 21. bis 23. September führte die 31. Sitzung der Arbeitsgruppe Seismologie des Forschungskollegiums Physik des Erdkörpers (FKPE) rund 70 Fachkollegen an das Institut für Geophysik der Universität Stuttgart. Grund der diesjährigen Ortswahl: Prof. Erhard Wielandt, der langjährige Institutsleiter und „Vater der modernen Breitbandseismologie“, die heute Standard aller weltweit betriebenen seismischen Netze ist, hat sich Anfang des Jahres in den Ruhestand*) verabschiedet.

Erdbeben, Tsunamis und Vulkanausbrüche – viele Bitten um Interviews brachte dieses Trio den Fachleuten ins Haus, einschließlich der Frage nach möglichen Frühwarnsystemen. Regelrecht vorhersagen lassen sich solche Ereignisse nicht, sagt Prof. Manfred Joswig, der neue Leiter des Instituts für Geophysik der Uni Stuttgart, und ist selbst im Zweifel, welchen Nutzen eine Warnung hat, die zwar innerhalb weniger Minuten um ein starkes Seebeben weiß, aber mangels exakter Modellierung nicht zwischen Tsunami und unscheinbarer Strandwelle unterscheiden kann.

Nanoseismic Monitoring

Bei dieser größten Tagung der Seismologen im deutschsprachigen Raum standen die mehr grundsätzlichen Fragen der Seismologie auf dem Programm, wie die Mechanismen von Erdbeben oder der innere Aufbau der Erde. So berichteten die Wissenschaftler zum Beispiel von den Möglichkeiten und Schwierigkeiten, Bebenherde mithilfe von 3D-Geschwindikgkeitsmodellen genau zu lokalisieren und von Untersuchungen, ob ein Beben der Magnitude 4,5 in einem eigentlich erdbebenfreien Gebiet Norddeutschlands eventuell von Erdgasförderstätten in unmittelbarer Nachbarschaft hervorgerufen wurde. Mit Nanoseismic Monitoring, einem hoch empfindlichen, seismischen Mikroskop, erfassen die Stuttgarter Wissenschaftler noch kleinste Nachbeben und die Mikroseismizität der Erde.

„Die Nadel im Heuhaufen“

Manfred Joswig, der an der Uni Bochum in Geophysik promovierte, sich speziell mit der Signalverarbeitung beschäftigte und von Regierungen im In- und Ausland als Experte bei seismologischen Problemen gefragt ist, lehrte an der Universität Tel Aviv Geophysik, bevor er vor zwei Jahren den Ruf der Uni Stuttgart auf die Professur für Technische Geophysik annahm. Der Verfechter lebenslangen Lernens hat das Konzept der Summer School mit ans Institut gebracht, ein jeweils einwöchiges, kompaktes Weiterbildungsangebot für externe Fachleute. Joswigs Forschungsschwerpunkt ist das Nanoseismic Monitoring, eine hoch empfindliche Technik zur Erfassung kleinster Bruchprozesse, die mit ausgeklügelten Methoden der Signalanalyse und Visualisierung um den Faktor 1 000 empfindlicher ist als bisherige Techniken und derzeit weltweit einmalig.

Wettlauf mit der Zeit

Am Roten Meer wurde das Nanoseismic Monitoring 2002 erstmalig eingesetzt, um erste Warnzeichen für Einbrüche des Bodens, so genannte Erdfälle, auszumachen. Es folgten Messungen zur Kartierung aktiver seismischer Verwerfungen in Südspanien und Messungen an Erdfällen in Jordanien. Im Oktober 2004 wurde das Verfahren in der Slowakei bei einer von der Wiener Rüstungskontrollbehörde der Vereinten Nationen (CTBTO) simulierten Nachbebenserie unterirdischer Atomwaffentests getestet. Mit der Erfassung schwächster Nachbeben bis -2,0 auf der Richterskala soll innerhalb eines 1 000 Quadratkilometer großen Gebiets noch Wochen später ein unterirdischer Nukleartest dingfest gemacht werden können. „Das gleicht der Suche nach einer Nadel im Heuhaufen“, verdeutlicht Manfred Joswig, der als Experte der Bundesrepublik Deutschland bei der CTBTO fungiert. Ein weiterer Vorteil des Nanoseismic Monitoring Systems ist seine Mobilität und schnelle Einsatzfähigkeit. Als die Gemeinde Waldkirch im Dezember 2004 ein Erdbeben der Stärke 5,4 erschütterte, waren die Stuttgarter Forscher mit ihren Feldinstrumenten als Erste vor Ort, ist doch eine lückenlose Nachbebenerfassung entscheidend für die Herdbestimmung des Hauptbebens und für Rückschlüsse auf dessen Mechanismus.

Seismologie und Ingenieurwissenschaft

Seismologisches Wissen und ingenieurtechnische Anwendungen – für den „Grenzgänger zwischen Physik und Ingenieurwissenschaften“, wie sich Joswig selbst bezeichnet, ist dies eine zukunftsträchtige Verbindung. Zusammen mit dem Institut für Wasserbau untersucht sein Team daher Hangrutschungen in den Alpen, analysiert mit den Festkörperphysikern Pulverdiffraktogramme, ist mit dabei, wenn die Luft- und Raumfahrttechniker einen Kleinsatelliten ins All schicken, der Thermalbilder liefern wird, und setzt zusammen mit dem Institut für Werkstoffe im Bauwesen seismische Verfahren zur zerstörungsfreien Materialprüfung ein.

   Die Tagung der Seismologen war die letzte Veranstaltung in der Richard-Wagner-Straße 44. Kurz darauf fand der Umzug in die Azenbergstraße 16 statt. Seit 1962 war die Villa in schönster Hanglage Heimstatt des Instituts für Geophysik, das seine Wurzeln in der 1893 eingerichteten Erdbebenstation in Hohenheim hat und mit zu den ältesten Geophysik-Instituten Deutschlands zählt.                                        Julia Alber

*) Siehe dazu unikurier Nr. 95, 1/2005, S. 93

 

 

 

KONTAKT

 


Institut für Geophysik
Prof. Manfred Joswig
Tel. 0711/121 3590
e-mail: joswig@geophys.uni-stuttgart.de
 > > > www.geophys.uni-stuttgart.de/ag-seismologie.html


 

 

 

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