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Stuttgarter unikurier Nr. 88 Dezember 2001
Mäuse, Unsterblichkeit, Sonnenfeuer, Erdbeben... 
Sonntagsmatineen bestens etabliert
 

Bestens etabliert sind inzwischen die Sonntagsmatineen. Seit Dezember 1999 streben ab 11.00 Uhr - jeweils am ersten Sonntag im Monat während der Vorlesungszeit - die Gäste, darunter viele Seniorinnen und Senioren, in den Hörsaal 17.02. Wer „c.t.“ kommt, hat es nicht selten schwer, noch einen Sitzplatz zu ergattern. Das von Prof. Eckart Olshausen ausgesuchte Themenangebot, von Stuttgarter Wissenschaftlern verständlich dargeboten, hat es dem Publikum angetan. Ob es um Verzweigungsysteme bei Pflanzen geht, um die Golden Gate Brücke oder um die Poesie der Unsterblichkeit im 18. Jahrhundert - die Zuhörer folgen den Referenten aufmerksam und nutzen gerne die Gelegenheit zu Fragen und zur Diskussion beim anschließenden Empfang. 

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Von Menschen und Mäusen
Sein Thema „Von Menschen und Mäusen: Was das Software Engineering lehrt“ habe weder mit Zoologie noch mit der Sendung mit der Maus zu tun, betonte Prof. Jochen Ludewig vom Institut für Informatik. Er berichtete am 14. Januar über Menschen, die ihre Mäuse verdienen - und das nicht schlecht -, indem sie mit Rechner, Bildschirm, Tastatur und Maus Software entwickeln und bearbeiten. 
Nach einem Rückblick auf die Rechner der 50er Jahre bis hin zu den leistungsfähigen Exemplaren der 60er, die den Menschen zum „schwächsten Glied“ in der Kette machten, kam er auf den Begriff des Software Engineerings. Mit dem, was Computerfreaks so an Programmen schaffen, habe dies so viel gemein wie der Brücken bauende Ingenieur mit dem Bauklötzchen spielenden Kind, erklärte Ludewig, denn die Entwicklung von Software sei in erster Linie Dokumentation und die Programme entstünden sozusagen als Nebenprodukt. „Geklaut ist noch zu teuer“, sei ein oft gehörter Satz, beklagte sich der Professor. Trotzdem werde aber von den Programmen erwartet, Billionen von Operationen korrekt auszuführen, obwohl die Software bei weitem nicht so flexibel sei, wie ihr Name vermuten lasse. 
Den Hochschulen komme die Aufgabe zu, Vorbild zu sein und Vorbilder zu liefern. Seinen Studenten macht er schon früh klar, später als „Guerilla“ in einer feindlichen Umwelt agieren zu müssen. Das in der Lehre eingesetzte Simulationsprogramm SESAM bietet noch im Uni-Umfeld praxisnahe Trainingsmöglichkeiten zur Erprobung des Ernstfalls „Softwareentwicklung in der freien Wirtschaft“.

Sichere Berufsaussichten für Softwareingenieure
„Softworker“ mit einer soliden Hochschulausbildung sind unter dem Sammelsurium angelernter Kräfte, die aus anderen Bereichen in die Informatik „geraten, gelockt, geflohen oder getrieben“ wurden, immer gefragt. Allen an der Informatik Interessierten riet Professor Ludewig daher zu diesem Studienfach, das noch für mindestens 20 bis 30 Jahre einen sicheren Beruf bedeute, der sich auch für Teilzeit eigne und keinesfalls von der „irrsinnig kurzen Verfallszeit des Wissens“ betroffen sei: „Ein Tiefgefrorener von 1982 wäre jetzt immer noch up to date“. Einziger Nachteil - Softwareingenieure arbeiten an unsichtbaren Welten, ein Umstand, den der Vater Ludewig schon als enorm störend empfunden hat: „Ich habe immer die Brückenbauer beneidet, die ihren Kindern zeigen konnten, an was sie arbeiten“.

Von Bäumen, Blättern und Straßen 
Blätter und Straßenzüge - eine Kombination, die sich nicht auf den ersten Blick erschließt. Auf den zweiten Blick zeigen sich jedoch erstaunliche Übereinstimmungen. Am 4. Februar sprach Prof. Ulrich Kull vom Biologischen Institut über „Verzweigungssysteme bei Pflanzen: Vom Blattmuster zum Straßennetz und zum CO2-Problem (ein Kapitel der Botanik multidisziplinär betrachtet)“. Sein Vortrag basiere auf dem früheren Sonderforschungsbereich „Natürliche Konstruktionen“, schickte Prof. Kull voraus, um dann auf die vielfältigen Verzweigungsmuster von Bäumen und Sträuchern und deren Blattadern einzugehen. Gattung und sogar Pflanzenart, erklärte er, sind an der Blattaderung bestimmbar. Eigentliche Aufgabe der Adern ist es, die Blätter zu versteifen, sie mit Wasser zu versorgen und organische Stoffe zu transportieren. Den Unterschied zwischen ein- und zweikeimblättrigen Blütenpflanzen machten Dias klar: Hier ein paralleles Adersystem mit einigen Querverzweigungen, dort ein Netzwerk enormer Mustervielfalt mit Hauptadern, Adern 1., 2. und 3. Ordnung bis hin zu den feinen, freien Enden.
Derart vorbereitet war es den Zuhörern dann ein Einfaches, die Ähnlichkeit zwischen dem komplizierten Blattadernetzwerk der zweikeimblättrigen Blütenpflanzen und dem Adernverlauf in Libellenflügeln zu erkennen. Und auch die Ähnlichkeit zwischen den geraden Straßenzügen von Paris oder Stuttgart und dem Aderverlauf der Einkeimblättrigen war offensichtlich. Gerade Straßen und ein geometrisches Blattadermuster haben zudem den sorgsamen Umgang mit dem Baumaterial gemeinsam.

Wie kam die Pflanze zum Blatt?
Doch wie kam die Pflanze zum Blatt? Im Erdzeitalter Devon, als der CO2-Gehalt in der Atmosphäre sank, waren die Pflanzen gezwungen, die ersten flachen Blätter auszubilden, um ihren CO2-Bedarf decken zu können. In der Karbonzeit bildeten sich dann, beeinflußt vom jeweiligen CO2-Gehalt der Atmosphäre, die Adernetze aus. „Die Gene ermöglichen viel, erzwingen aber wenig“, gab der Wissenschaftler auch im Zuge der Diskussionen um die Gentechnik zu bedenken. Beim Übergang von der Jura- in die Kreidezeit erfolgte schließlich die Trennung in Ein- und Zweikeimblättrige. 
Im Lauf der Evolution haben sich die Pflanzen an niedrige CO2-Konzentrationen angepaßt. Doch nun erhöht sich die CO2-Konzentration wieder, und was kann beispielsweise der Biologe dagegen tun? „Wenig“, war die Antwort von Ulrich Kull, denn Aufforsten bringe wenig, und Vorschläge, wie den Einsatz von Biomasse und alternativen Energieformen, sind allgemein bekannt.

Hoppenlaufriedhof als Literaturbeispiel
Das Thema „Unsterblichkeit“ passe gut zu dem etwas älteren Publikum, meinte der Literaturwissenschaftler Prof. Heinz Schlaffer, als er am 6. Mai über „Die Poesie der Unsterblichkeit im 18. Jahrhundert“ berichtete. Er verdeutlichte unter anderem die wichtige Rolle der Dichtung in dieser Zeit, die teilweise als Religionsersatz diente. Vermutlich hatte der Hoppenlaufriedhof selten so viele Besucher zu verzeichnen wie an diesem Sonntag: Schlaffer hatte ihn seinem Publikum „als einzigartiges Beispiel für Zitate aus der Dichtung auf den Gräbern anstelle religiöser Inschriften“ anempfohlen. - Bis ins Jahr 1872 reichte die Idee zurück, das „Golden Gate“ am Eingang der Bucht von San Francisco zu überbrücken, berichtete der Baustatiker Prof. Ekkehard Ramm am 10. Juni bei seinem Vortrag über die „Golden Gate Bridge“. Doch erst nachdem der Fährenbetrieb seine Grenze erreicht hatte, wurde das Projekt in den 20er Jahren wieder aufgegriffen. Seit der Eröffnung im Jahr 1937 hat die über lange Zeit größte Hängebrücke der Welt eine vielfältige Geschichte mit zahlreichen Reparaturmaßnahmen durchgemacht. - Und der Chemiker Prof. Helmut Bertagnolli verstand es, dem Publikum am 1. Juli die Funktion von „Röntgen- und Neutronenquellen in Großforschungsanlagen“ als neue Werkzeuge in der Hand des Chemikers nahezubringen. 

Themen im Wintersemester
Im laufenden Wintersemester konnten sich die Freunde der Sonntagsmatinee auf fünf Themenangebote freuen. Zum Auftakt sprach am 21. Oktober 2001 Prof. Uwe Schumacher (Plasmaforschung) über „Das ´Sonnenfeuer auf Erden´ als Option für die langfristige Energieversorgung“, um „Erdbebenschäden - Naturkatastrophen oder Problem des Menschen?“ (Prof. Götz Schneider, Geophysik) ging es am 4. November. „Wie entstehen Produkte, die wir alle nutzen? Der Entwicklungsprozeß an Beispielen“ hat Prof. Gisbert Lechner (Emeritus für Maschinenelemente) seinen Vortrag am 2. Dezember überschrieben. Im Jahr 2002 geht es am 13. Januar weiter mit einem Vortrag von Prof. Karl Gertis (Bauphysik) über „Gestern 30 Liter-, heute Drei Liter-, morgen Null-Liter-Haus. Sind wir der Pkw-Industrie voraus?“ und am 3. Februar berichtet Prof. Wolfram Pyta (Neuere Geschichte) über „Hindenburg als Reichspräsident. Neue Forschungen zu den Hintergründen der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler im Januar 1933“. Veranstaltungsort ist wie gewohnt der Hörsaal 17.02 in der Keplerstraße 17, Beginn jeweils 11.15 Uhr.

J. Alber/zi

 


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Pressestelle der Universität Stuttgart

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