Home           Inhalt           Suchen

Stuttgarter unikurier Nr. 84/85 April 2000
Der Wille zur Gestalt:
Gedenkveranstaltung für Rolf Gutbrod
 

Am 5. Januar letzten Jahres verstarb der Stuttgarter Architekt und Professor Rolf Gutbrod im neunundachtzigsten Lebensjahr in Dornach (Siehe dazu auch Uni-Kurier Nr. 81/April 1999). Durch seine langjährige Lehrtätigkeit, die 1947 an der damaligen Technischen Hochschule begann, war er der Universität Stuttgart eng verbunden. Aus diesem Anlaß beauftragte die Fakultät für Architektur und Stadtplanung das Institut für Innenraumgestaltung und Entwerfen, dessen Ordinarius Gutbrod von 1961 bis 1972 war, eine Gedenkveranstaltung auszurichten - als Erinnerung für seine Schüler und Weggefährten und Anregung für die Studierenden der jetzigen Generation.

kleinbal.gif (902 Byte)
 

Die Veranstaltung „Der Wille zur Gestalt - in memoriam Rolf Gutbrod“ begann mit einer kleinen Ausstellung, die mit Bildmaterial des SAAI (Südwestdeutsches Archiv für Architektur und Ingenieurbau, Universität Karlsruhe) und der tatkräftigen Mithilfe von Dr. Ulrich Schneider zusammengestellt wurde. Großformatige Abbildungen, ergänzt durch erläuternde Zeichnungen, gaben in Auswahl einen Überblick über Gutbrods Werk. Damit konnte kein Anspruch einer vollständigen Werkschau verbunden werden. Die hierfür notwendigen Grundlagen werden erst zur Zeit von Dr. Schneider mit dem Ziel einer Werkmonographie erarbeitet.

Architekturströmungen unter der Lupe
Professor Boris Podrecca, der als Nachfolger von Prof. Hans Kammerer seit 1989 das Institut leitet, schreibt im Vorwort des Ausstellungskataloges: „...eine memoriale Ausstellung, die Hommage einer Schule an einen ihrer Großen, darf sich nicht in Erinnerungen oder Aperçus erschöpfen. Es bedarf einer Reflexion seiner Position gerade heute nach dem Scheitern der jeweiligen Formenkorsette, ,In welchem Stile sollen wir bauen’, die zur kulissenhaften Unwirtlichkeit der Stadt geführt haben ...“ Zum Konzept der Gedenkveranstaltung gehörte neben der Ausstellung ein Symposium am 9. Dezember 1999, das gleich einem Passepartout das Werk Gutbrods einfassen sollte. Die Vorträge von Marco de Michelis, Wolfgang Pehnt und Wilfried Wang beschäftigten sich mit Aspekten zeitgleicher Architekturströmungen in verschiedenen Kulturregionen Europas, wobei sowohl Parallelen als auch Differenzen zu Gutbrods Architekturauffassung spürbar wurden. Marco de Michelis, Architekt und Architekturhistoriker aus Venedig, der zur Zeit die Gropius-Professur an der Bauhaus-Universität in Weimar innehat, sprach zum Auftakt über Giancarlo de Carlo, einen Zeitgenossen Gutbrods aus dem Süden Europas. De Carlo fühlte sich in den Jahren der europäischen Rekonstruktion nach dem zweiten Weltkrieg einer kritischen Revision der moderen Bewegung verpflichtet, weil er in ihr keine Stilrichtung sah und sie vielmehr zu ihren ursprünglichen Absichten - ein Instrument zur Umwandlung der Gesellschaft zu sein - zurückführen wollte. Darüber hinaus waren für ihn, vergleichbar dem liberalen Ansatz Gutbrods, die Vielfalt und Offenheit der Resultate architektonischer Entwurfsvorgänge wichtig. Beide fühlten sich ohne Präjudiz einer vorgefaßten Formvorstellung dem jeweiligen Programm, der örtlichen Situation und dem kulturellen Mikrokosmos verpflichtet. Wolfgang Pehnt, Architekturhistoriker und Kritiker aus Köln, erläuterte in seinem Vortrag „Die Baukunst, ein Wissen des Herzens“ Essenzen des Werkes der beiden Architekten Emil Steffan und Rudolf Schwarz. Bei aller Verschiedenheit des tektonischen Aufbaus können die Parallelen zu Gutbrods Werk vor allem in der Charakteristik des Steffanschen Kirchenbaus als „... eine geräumige, vom Achsenzwang befreite Architektur, vertrauenswürdig, warmherzig, menschennah, selbstverständlich wirkend, anscheinend zeitlos, jedenfalls nicht explizit modern...“ gesehen werden. Demgegenüber hielt sich Rudolf Schwarz mit dem Bau des Kölner Wallraf-Richartz-Museums „... von allem schwäbischen Liberalismus fern und bestand auf einer übergreifenden Form, die alle Zwecke in sich aufnahm.“

Die stille Moderne
Abgerundet wurde das Bild durch den Beitrag „Die stille Moderne“ des Architekten Wilfried Wang, bis Ende letzten Jahres Leiter des Architekturmuseums in Frankfurt. In diese Rubrik ordnet Wang jene Architekten ein, deren Werke nicht selbstverliebt nach Originalität und Medientauglichkeit schielen, sondern eine integre Haltung vermitteln - wie es bei Josef Frank, Peter Celsing, Siegurd Lewerentz der Fall ist; „... der stille Architekt arbeitet im Bewußtsein der mehrschichtigen Herkünfte. Traditionen werden erkannt, inhaltlich überprüft und ausgewertet. Jedes Bauwerk, an seinem Ort, mit seinem Auftraggeber und seinem Architekten, ist einmalig. Erst aus dieser Quelle entspringen die Eigenschaften des Werks... der stille Architekt meidet öffentliche Auftritte. Lieber baut er seine Architekturtheorie, und wenn er im Lehrbetrieb tätig ist, gibt er selbstverständlich seinen Studenten keine stilistischen Vorgaben, denn er ist überzeugt, daß jeder seine Haltung selber erarbeiten wird.“ Dieses Zitat könnte ebenso Leitmotiv für den Architekten und mehr noch für den Lehrer Rolf Gutbrod gewesen sein. Eine kleine Broschüre mit den Bildern der Ausstellung, Biografie und Werkverzeichnis sowie den drei Vorträgen ist am Institut für Innenraumgestaltung und Entwerfen erhältlich.

Kyra Bullert

KONTAKT
Institut für Innenraumgestaltung und Entwerfen, Keplerstr. 11, 70174 Stuttgart, Tel. 0711/121-3260, -3257, Fax 0711/121-4213; e-mail: Kyra.Bullert@IRG.Uni-Stuttgart.DE

 


last change: 20.05.00 / gh
Pressestelle der Universität Stuttgart

Home           Inhalt           Suchen