Home           Inhalt           Suchen

Stuttgarter unikurier Nr. 84/85 April 2000
Neue Wachstumsbranche? - Service Engineering:
Lernen, Dienste zu leisten
 

Für eine methodische Analyse von Dienstleistungen gibt es in Deutschland keine Tradition. Anders im angloamerikanischen Raum, wo seit über 25 Jahren Service Management und Service Design an Hochschulen und in Unternehmen systematisch betrieben werden. Erst in den letzten Jahren gibt es auch hierzulande ein gefördertes Interesse an der Entwicklung von „Dienstleistungen für das 21. Jahrhundert”. An der Universität Stuttgart läuft seit 1998 ein Verbundprojekt „Service Engineering - Innovation und Wachstum durch systematische Entwicklung von Dienstleistungen ”, das mit rund 1,5 Millionen Mark vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst des Landes Baden-Württemberg gefördert wird. Beteiligt sind das Institut für Arbeitswissenschaft und Technologiemanagement und das Betriebswirtschaftliche Institut der Universität Stuttgart, das Institut für Werkzeugmaschinen und Betriebstechnik der Universität Karlsruhe, das Institut für angewandte Forschung der Fachhochschule Pforzheim sowie der Fachbereich Informationstechnik der Fachhochschule Esslingen.

kleinbal.gif (902 Byte)
 

Das Verbundprojekt
Das Projekt gliedert sich in drei Teilbereiche. Den Schwerpunkt bildet die Untersuchung des Entwicklungsprozesses von der Dienstleistungsidee bis zur Markteinführung. Hier werden Methoden zusammengestellt und Vorgehensmodelle entwickelt. Das zweite Themengebiet beschäftigt sich mit dem Management des Entwicklungsprozesses. Dabei werden Strukturen und Konzepte analysiert und Empfehlungen für die praktische Anwendung abgeleitet. Im dritten Teilbereich werden erfolgreiche Beispiele aus der Praxis, sogenannte „Best Practices“, gesammelt, strukturiert beschrieben, analysiert und anschließend in Form einer Datenbank bereitgestellt. Ausgangspunkt für das Projekt war die Vermutung, daß sich auch im Bereich der Dienstleistungsentwicklung durch die Bereitstellung von geeigneten Methoden und Vorgehensweisen ähnliche Vorteile erzielen lassen wie beispielsweise schon zuvor durch den Einsatz von Engineering-Wissen in der Produkt- und Softwareentwicklung.

Ganzheitlicher Ansatz
Sinnvoll erschien vor allem eine Übertragung ganzheitlicher Ansätze, wie sie beispielsweise schon in der Vergangenheit am Massachusetts Institute for Technology (MIT) für die Produktentwicklung entwickelt wurden. Das sind Verfahren, die nicht allein von technischen Funktionalitäten ausgehen, sondern die Kundenbedürfnisse ins Zentrum der Betrachtung stellen. Die meisten Kunden sind bei einem Produkt weniger an der zugrundeliegenden Produktionsmethode und auch nicht sehr detailliert an der einzelnen Funktionalität interessiert, sondern sie erwarten ein ganzheitliches Leistungsangebot (zum Beispiel eine komfortable Mobilität oder bequemes Reisen).

Dienstleistungs-Studie
Wie aber lassen sich innovative Dienstleistungen entwickeln? Kann dieser Prozeß gezielt unterstützt werden? Mit diesen Fragestellungen beschäftigte sich eine Studie innerhalb des Projektes, die bei 282 Industrie- und Dienstleistungsunternehmen durchgeführt wurde. Eines der Hauptverdienste der Studie ist ein methodischer Vorschlag zur Einteilung von Dienstleistungen, der sich nicht an vorgegebenen Branchen orientiert. Damit wird der geläufige, aber wenig fruchtbare Gegensatz zwischen Dienstleistungssektor versus produzierendem Sektor vermieden. Selbst bei produzierenden Unternehmen nimmt die Bedeutung von Dienstleistungen beständig zu; so erreicht der Anteil bei einigen Betrieben des Maschinen- und Anlagenbaus bereits 40 Prozent und mehr des Gesamtumsatzes.

Vier Formen von Dienstleistungen
Die Studie unterscheidet dagegen vier Formen der Dienstleistungen: erstens sogenannte „service factories”, die sich durch besonders geringe Kundenkontaktintensität auszeichnen (etwa Versicherungen, bei denen nur zu Beginn und im Schadensfall die eigentliche Dienstleistung sichtbar wird); zweitens sogenannte „professional services”, die demgegenüber sehr kundenkontaktintensiv aufgebaut sind (zum Beispiel Beratungs- und Marktforschungsfirmen); drittens sogenannte „service shops”, mit dem Kennzeichen einer starken Bindung an materielle Produkte (wie zum Beispiel Montage-, Wartungs- und Instandhaltungsfirmen); viertens sogenannte „mass servives”, die durch hohe Standardisierung ihrer Leistungen auffallen (wie etwa bei Handel und Banken). Bei allen Dienstleistungstypen ist der Faktor der menschlichen Arbeit besonders hoch und die Entwicklung kommunikativer und sozialer Fähigkeiten in diesen Bereichen deshalb wichtig. Des weiteren zeigte die Studie, daß es vor allem die großen Unternehmen sind, die sich innovativ um den Bereich der Dienstleistungen kümmern und daß es darunter vor allem die erfolgreichen Unternehmen sind, die diesem Unternehmenssektor überdurchschnittliche Beachtung schenken.

Praxistest bestanden
Um die Praxisrelevanz der methodischen Herangehensweise auch im betrieblichen Umfeld unter Beweis zu stellen, haben Wissenschaftler des Instituts für Arbeitswissenschaft und Technologiemanagement der Universität Stuttgart und die Firma Siemens ElectroCom den Service-Bereich des Unternehmens in Konstanz in einer Fallstudie untersucht. Die Siemens ElectroCom ist das weltweit führende Unternehmen auf dem Gebiet der Postdienst-Automatisierung. Mit insgesamt rund 3.000 Mitarbeitern wurde 1996 weltweit ein Umsatz von rund 1,2 Milliarden Mark erwirtschaftet. Siemens ElectroCom und IAT haben im Rahmen der vom BMBF geförderten Maßnahme damit begonnen, Strategien und Konzepte für die systematische und kundenorientierte Entwicklung von Dienstleistungen zu erarbeiten. Erste Resultate zeigen, daß heute immer noch der weitaus größte Umsatzanteil innerhalb des Service-Bereiches bei den sogenannten „hybriden Dienstleistungen“ liegt, also den unmittelbar an die Anlagen gekoppelten Dienstleistungen. So entfallen auf die Montage und Inbetriebnahme die größten Umsatzanteile. Erste Erweiterungen des Angebotes werden inzwischen ausgearbeitet. Dazu gehört ein Schulungs- und präventives Servicekonzept bis hin zu kompletten Betreibermodellen. Es hat sich gezeigt, daß gerade durch die enge Kopplung von Produkten und neuen Dienstleistungen potentielle Wettbewerber vom Markt fern gehalten werden, da sie diese Zusatzleistung nicht erbringen können. Parallel dazu werden gezielt gänzlich neue Dienstleistungen für neue Anwendungsgebiete und neue Kundengruppen entwickelt. Hier sind vor allem die rasche Entwicklung elektronischer Medien (z.B. Internet, Computer-based Training) und die neuen Möglichkeiten der Telekommunikation (z.B. Hot-Lines, Remote Services) als wesentliche Ursprünge für Innovationen erkannt worden. Aus rein technologischer Sicht kommt die zunehmende „intelligente Elektronifizierung“ von Maschinen und Anlagen mit dem Ziel der Vernetzung und Kommunikation als ein treibender Faktor für neue Dienstleistungen hinzu. Eine dritte Strategie liegt in der Bündelung von Dienstleistungen. Im komplexen Maschinen- und Anlagenbau ist die Dienstleistungsbündelung schon immer wichtig gewesen. In den vergangenen Jahren hat das Bedürfnis der Kunden nach Komplettlösungen zugenommen und dazu geführt, beispielsweise auch Finanzierungspakete oder Generalunternehmerschaften anzubieten. Angebote, bei denen alle Leistungen „aus einer Hand“ erbracht werden, bieten erfolgversprechende Vorteile gegenüber Konkurrenten. Auf der Basis dieser drei Strategien hat die Siemens ElectroCom in Konstanz bereits begonnen, systematisch ihren Service-Bereich auszubauen. So sind derzeit neue Dienstleistungen in Planung und Vorbereitung wie Customer Desk, Online-Coaching, Performance-Monitoring, Recycling von Anlagen, Remote Access System, Service »on call«, Jahr 2000 Konzept oder ein 24-Stunden-Ersatzteil-Bestelldienst. Die Entwicklung neuer Dienstleistungen und ihre Markteinführung hängen, wie nicht anders zu erwarten, wesentlich von der Qualifikation und Motivation der Mitarbeiter ab. Die tägliche Praxis zeigt, daß nur qualifizierte und motivierte Mitarbeiter auch in kritischen Situationen einen hervorragenden Service leisten können.

Studiengang „Dienstleistungsingenieur“
Defizite bestehen aus betrieblicher Sicht, aber auch im wissenschaftlichen Umfeld, derzeit noch an didaktischem Know-how zur Aufbereitung und Vermittlung von Methoden und Vorgehensweisen des Service Engineering. Die Etablierung eines Berufsbildes „Dienstleistungsingenieur“ und seine Unterstützung auf verschiedenen Ebenen der Aus- und Weiterbildung könnte, davon sind die Wissenschaftler überzeugt, die deutsche Wirtschaft nachhaltig unterstützen. Sie hoffen, daß in der akademischen Ausbildung langfristig der Studiengang „Dienstleistungsingenieur“ als interdisziplinäre Ausbildung mit Inhalten aus den Ingenieur- und Wirtschaftswissenschaften, den Sozialwissenschaften sowie der Informatik und Statistik an Universitäten und Fachhochschulen etabliert werden kann. /eng

KONTAKT
Dr.-Ing. habil. Dipl.-Math. Klaus-Peter Fähnrich, Institut für Arbeitswissenschaft und Technologiemanagement (IAT), Universität Stuttgart, Nobelstraße 12, 70569 Stuttgart, Tel: 07 11/970-51 00, Fax: 0711/ 970-51 03, e-mail: Klaus-Peter.Fähnrich@iat.uni-stuttgart.de

 


last change: 20.05.00 / gh
Pressestelle der Universität Stuttgart

Home           Inhalt           Suchen