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Stuttgarter unikurier Nr. 82/83 September 1999
Infrastruktur:
Verkehrspolitik als Grundelement einer europäischen Raumentwicklungspolitik
 

Die europäische Integrationspolitik hat seit ihren Anfängen in den 50er Jahren stets darauf gesetzt, durch verstärkten Austausch von Waren und zunehmend auch von Dienstleistungen zwischen den Partnerländern die Spezialisierungsvorteile zur Steigerung des Wohlstands zu nutzen. Der wirtschaftliche Erfolg der von ursprünglich sechs auf inzwischen 15 Mitglieder angewachsenen Gemeinschaft hat dieses Konzept bestätigt.

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Der nach dem Fall des Eisernen Vorhangs von einem Dutzend Länder Mittel- und Osteuropas geäußerte Wunsch, der Gemeinschaft so schnell wie möglich beizutreten, ist eine weitere Bestätigung des Konzepts der zu politischer Gemeinsamkeit führenden Strategie der Förderung wirtschaftlicher Verflechtungen. Zugleich macht dies die konzeptionellen, instrumentellen als auch die geopolitischen Grenzen dieser Strategie deutlich.
Dabei zeigt sich, daß beide Grenzen nicht unabhängig voneinander sind. Geht man davon aus, daß neben der Wettbewerbspolitik der Gemeinschaft den flankierenden Bereichen der Verkehrspolitik, die insbesondere für die Voraussetzungen der Realisierbarkeit des interregionalen Austauschs von Waren und Dienstleistungen zuständig ist, und der Regionalpolitik, die auf die Angleichung der Standortbedingungen ausgerichtet sein soll, eine ganz besondere Bedeutung zukommt, dann ist es offensichtlich, daß Erfolge um so eher erwartet werden können, je kleiner und homogener der Integrationsraum ist. Je größer und heterogener dieses Territorium ist, desto größer sind die Anforderungen an die Verkehrs- und die Regionalpolitik.
Würden heute alle beitrittswilligen Länder integriert ­ dies hätte eine Ausdehnung der Gemeinschaft bis an die Grenzen der Russischen Föderation, im Baltikum ebenso wie am Schwarzen Meer, und über die Türkei und die Staaten des Kaukasus bis an das Kaspische Meer zur Folge ­, dann ist unmittelbar einsichtig, daß die verkehrsmäßige Anbindung dieser Räume, ganz abgesehen von ihrer peripheren Lage, schlecht ist und auf lange Zeit qualitativ schlechter bleiben wird als die der bisherigen Peripherie, etwa Portugals oder Irlands. Nur Griechenland war auch bisher schon so schlecht dran wie es die meisten der mittel- und osteuropäischen Regionen nach ihrer Integration sein würden bzw. werden.

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Einen etwas ungewohnten Blick auf Europa zeigen diese Abbildungen: Oben ist die tägliche Erreichbarkeit im Schienenverkehr im Jahr 1993 (Anzahl der in fünf Stunden erreichbaren Orte) und unten im Jahr 2010 zu sehen. (Quelle: Spiekermann und Wegener: Trans-European Networks and Unequal Accessibility in Europe. In: EUREG, Hannover 1996)

So steht die europäische Verkehrspolitik, insbesondere der Ausbau der Verkehrsinfrastruktur, vor einer Herausforderung, die allein schon von der Größenordnung der erforderlichen Ausbau und Neubaumaßnahmen alle bisherigen übertrifft.
Zugleich haben sich die Rahmenbedingungen für eine neue verkehrspolitische Konzeption verändert: Die Finanzen der Gemeinschaft werden mit dem Beitritt von Ländern Mittel- und Osteuropas in höherem Maße als früher in Anspruch genommen. Schon daher kann nicht damit gerechnet werden, daß den neuen Mitgliedern ­ vor und nach ihrem Beitritt ­ mit ähnlicher Intensität Unterstützung gewährt werden kann, wie dies durch die Finanzierungen des europäischen Kohäsionsfonds zugunsten der bisherigen Peripherien möglich war und jedenfalls vorläufig auch weiterhin möglich bleibt.
Zugleich ist in den Kernländern der EU die Einsicht und Bereitschaft gewachsen, Verkehrspolitik nicht mehr für die einzelnen Bereiche der Hauptverkehrswege zu konzipieren und durchzusetzen, sondern das Verkehrssystem als multimodales Ganzes ins Auge zu fassen.
Entsprechend müßte auch die Prioritätenabschätzung von Infrastrukturprojekten einerseits und die Konzipierung einer europäischen Rahmenvorstellung für die in nationaler Zuständigkeit verbleibenden verkehrspolitischen Entscheidungen andererseits im Prinzip von einer gemeinsamen Grundvorstellung eines europäischen Verkehrssystems ausgehen. Eine solche Grundvorstellung, die nur in einem Abgleich zu einem Grundkonzept einer sektorübergreifenden europäischen Raumentwicklungspolitik sinnvoll zustande kommen könnte, gibt es aber noch nicht.
Weiter zu verfolgende erste Ansätze bestehen sowohl hinsichtlich europäischer Netze der wichtigsten Verkehrsinfrastrukturen, vor allem der Straße und der Schiene (Trans European Networks), ­ allerdings sind diese in erster Linie auf die Beseitigung heute bestehender Engpässe ausgerichtet ­ sowie neuerdings auch hinsichtlich des Entwurfs eines europäischen Raumentwicklungskonzepts, das bei den Überlegungen und Entscheidungen zur Integration der europäischen Straßen- und Eisenbahnnetze innerhalb der EU und in Mittel- und Osteuropa mitberücksichtigt werden sollte.
Die Schwierigkeiten einer solchen grundsätzlich auf integrierte Entwicklungskonzepte auszurichtenden europäischen Verkehrspolitik liegen nicht nur ­ wie in allen anderen Sektorpolitiken auch ­ darin, daß immer auch nationale Sonderinteressen berührt werden, sondern vor allem auch darin, daß es noch an überzeugenden, hinreichend begründeten und operationalen Methoden der raumentwicklungspolititsch orientierten multimodalen Verkehrsplanung fehlt. Die deutsche Bundesverkehrswegeplanung, so wenig befriedigend sie aus der Sicht der deutschen Raumentwicklungspolitik ist, kann in europäischer Sicht als ein besonders guter Ausgangspunkt zur Weiterentwicklung der Methodik multimodaler Verkehrsplanung angesehen werden.
Einer der Schwerpunkte des neues Verbunds der Verkehrsforschung an der Universität Stuttgart wird daher auf die Weiterentwicklung von Methoden der Bewertung integrierter Verkehrsentwicklungpläne ausgerichtet sein. Dabei wird einerseits die Entwicklung und Erprobung einer Methode zur bewertungsspezifischen Definition der Schnittstelle zwischen “intraregionalen“ und “interregionalen“ Verkehren, andererseits die Differenzierung von europaweit sinnvoll anwendbaren Bewertungsansätzen nach den verschiedenen räumlichen Ebenen der Untersuchung von Verkehrsmaßnahmen im Vordergrund stehen.

Peter Treuner

 


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Pressestelle der Universität Stuttgart

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