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Stuttgarter unikurier Nr. 75/76 September 1997
Wroclaw:
Polnisch-deutsches Symposion
 

Zwischen deutschen und polnischen Historikern bestehen seit vielen Jahren gute Kontakte. Das Historische Institut der Universität Stuttgart ist daran beteiligt. Die erfreuliche politische Entwicklung seit 1991 macht es möglich, nun auch bis dahin eher tabuisierte Themen wie etwa die Geschichte Schlesiens zu diskutieren. Diese Provinz gehört zu den 1945 verlorenen deutschen Ostgebieten, und ihre Geschichte ist bis zu diesem Einschnitt ein Teil der deutschen Landesgeschichte. Zugleich wird in Polen die gesamte Geschichte dieser Region zunehmend als Teil der eigenen polnischen Geschichte interpretiert. Deutsche und polnische Historiker beschäftigen sich also mit schlesischer Geschichte, doch stimmen ihre Ergebnisse und Interpretationen in manchen Grundfragen nicht überein. Wo Gemeinsamkeiten und Unterschiede liegen und inwieweit historische Aussagen von Vorurteilen und nationalen Perspektiven geprägt sind, war eine Debatte wert. Auf Einladung des Breslauer Historischen Instituts und der Sektion des polnischen Historikerverbandes an der heutigen Universität Wroclaw (Breslau) fand nun am 12. Juni 1997 im Sitzungssaal des Stadtrats von Wroclaw eine Podiumsdiskussion unter dem Titel „Schlesien im Dialog“ statt.

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Das Symposion fand schon allein deshalb in polnischen und deutschen Medien Beachtung, weil es erstaunlicherweise die erste Begegnung überhaupt war, bei der ausgewiesene Kenner beider Seiten über Grundfragen der schlesischen Geschichte debattierten. Es hätte kaum einen geeigneteren Ort dafür geben können als den Plenarsaal des Stadtparlaments neben dem historischen Rathaus von Breslau.

Bis vor kurzem gab es keine vollständige, modernen Ansprüchen genügende Darstellung der schlesischen Geschichte, weder aus polnischer noch aus deutscher Feder. Ein solches Buch wurde 1994 von Prof. Dr. Norbert Conrads vom Historischen Institut der Universität Stuttgart herausgebracht (N. Conrads: Deutsche Geschichte im Osten Europas. Schlesien, Berlin 1994, 816 Seiten). Daher war es der Wunsch der polnischen Kollegen, dieses Buch zum Anlaß einer historischen Grundsatzdebatte zu nehmen.

Neben Prof. Conrads waren noch vier weitere Autoren an diesem Handbuch beteiligt, die Professoren Peter Baumgart (Universität Würzburg), Konrad Fuchs (Universität Mainz), Arno Herzig (Universität Hamburg) und Peter Moraw (Universität Gießen). Sie alle diskutierten bei der gut besuchten Veranstaltung mit fünf Fachkollegen der polnischen Universität Wroclaw, den Professoren Marek Czaplinski, Teresa Kulak, Krystyn Matwijowski, Wojciech Mrozowicz und Wojciech Wrzesinski. Die Leitung lag gemeinsam bei Prof. Wrzesinski, dem langjährigen Rektor der Universität Wroclaw, und Prof. Conrads aus Stuttgart.

 

Dialog wird fortgesetzt
Die Podiumsdiskussion war insoweit vorbereitet, als dem Publikum ausführliche Themenreferate aller Historiker in zweisprachigen Fassungen vorlagen. Die Debatte konnte also auf die Verlesung langer Statements verzichten und sich weitgehend auf den wissenschaftlichen Dialog konzentrieren. Zwei Dolmetscher halfen über die Sprachbarrieren hinweg. Das war oft nicht einfach, denn Begriffe wie „Betroffenheitsgeschichte“ lassen sich kaum angemessen übersetzen. Die strittigsten Fragen waren solche der mittelalterlichen und der Zeitgeschichte. Doch verblüffend war, daß die von Peter Baumgart vorgetragene preußische Epoche ohne Widerspruch blieb. Wie nicht anders zu erwarten, konnte eine solche erste Debatte keine Einigung auf ein gemeinsames Geschichtsbild erbringen. Aber man stimmte überein, der Dialog habe sich gelohnt und müsse fortgesetzt werden.

Der nächste polnische Historikertag findet 1999 turnusmäßig in Wroclaw (Breslau) statt. Eine Sektion soll dort der schlesischen Geschichte gewidmet sein. Die deutschen Historiker wurden eingeladen, sich daran gemeinsam mit ihren Breslauer Kollegen zu beteiligen.

 

KONTAKT
Prof. Dr. Norbert Conrads, Historisches Institut, Keplerstraße 17, 70174 Stuttgart; Tel. 0711/121-3442; Fax 0711/121-2757

 


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