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Universalismen zwischen Geschichte, Theorie und Praxis der Künste

Universale Sprache der Kunst?

Die Kulturwissenschaften diskutieren seit vielen Jahren, was die unterschiedlichen Kulturen global zusammenhält. Die globalen Prozesse rückten dabei in jüngerer Vergangenheit – gerade für die Künste – stärker in den Blick, als die Unterschiede. Gibt es für bildende Kunst, Theater und Literatur transkulturelle Konzepte, die universale Gültigkeit beanspruchen können? Bedeutet Universalismus in verschiedenen kulturellen Perspektiven Unterschiedliches und für wen bleibt es interessant, die Künste als universal zu proklamieren? Wie politisch ist der Universalismus der Künste?

Literaturwissenschaftlerinnen der Uni Stuttgart Dr. Annette Bühler-Dietrich, Françoise Joly und Dr. Saskia Schabio sowie die Kunstwissenschaftlerin Bärbel Küster von der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe Anfang Februar ausrichteten. Eingeladen waren internationale Künstler, Wissenschaftler und Kuratoren. Auf die Frage nach der Übersetzbarkeit von Sprachen, bekannte der togolesische Autor Sami Tchak, der heute in Paris lebt, gegenüber dem Literaturwissenschaftler Thorsten Schüller, dass er wegen des ungleich größeren Publikums auf Französisch schreibe. Über den westlichen Geschmack, der hinter den Einladungen iranischer oder afrikanischer Theatergruppen nach Deutschland stehe, diskutierte das Auditorium mit Rolf C. Hemke, Theaterkritiker und Leiter des Theaters Mühlheim an der Ruhr, der von seinen Erfahrungen mit Zensoren und den spontanen Uminterpretationen von Theaterstücken in politisch brisanten Kontexten berichtete. Beide arbeiten auf ihre Weise an transkulturellen Ästhetiken, an Literatur und Theater jenseits der Exotik.


Falschgeld? Nein, die fiktive Banknote „Afro“ des senegalesischen Künstlers Mansour Ciss.           (Darstellung: Mansour Ciss Kanakassy)
Falschgeld? Nein, die fiktive Banknote „Afro“ des senegalesischen Künstlers Mansour Ciss. (Darstellung: Mansour Ciss Kanakassy)

Den zweiten Teil zur bildenden Kunst verankerte einleitend Bärbel Küster zwischen universalem Anspruch, Utopie und globalen Kapital- und Kunstbewegungen. Nora Sternfeld, Kuratorin aus Wien, stellte konkrete historische Beispiele vor, die mit einem „strategischen Universalismus“ einer politischen Befreiungsbewegung Schlagkraft verliehen. Maguèye Kassé, Kulturwissenschaftler aus dem Senegal und Leiter der dortigen Kunstbiennale 2008, betonte den Dialog der Kulturen auf „Augenhöhe“ - den Literaten und Senegalesischen Staatspräsidenten Leopold Sédar Senghor zitierend. Auch bei ihm trägt Kunst zum gesellschaftsbildenden Bewusstsein in der Utopie des Universalen bei. Umgesetzt hat ein solch utopisches Konzept Mansour Ciss Kanakassy (Dakar/ Berlin), der der noch immer gültigen Währung in Westafrika CFA (Colonies Françaises Africaines), ein antikoloniales Mittel entgegensetzt: den „Afro“ als fiktive Währung, als Kunstprodukt und politisches Instrument, für den inzwischen auch international „Geldautomaten“ installiert wurden.
Aus zwei Perspektiven wurde Universalismus skeptisch beurteilt. So bei der französischen Kuratorin Catherine David, die die Filialen von Louvre und Guggenheim Museum in Abu Dhabi im Kontrast zur dort entstehenden Kunstszene sah – Universalmuseen im negativen Sinne und ohne lokale Anbindung. Der Abendvortrag der aus Indien gebürtigen Gayatri Spivak, Literaturwissenschaftlerin in New York, beurteilte Universalität aus sprachphilosophischer Sicht skeptisch: Im Sinne von Emanuel Levinas ist der Andere „proche“, nah, übersetzt auch mit Nachbar. Die Zukunft ist für sie in diesem Sinne nachbarschaftlich, die Utopie eine Konstruktion der Gegenwart, die deren Begriffsbildung bestimmt: Jede Kultur lebt auf einer Insel von Sprache in einem Meer von Spuren. In diesem Sinne hat die Tagung mit ihren Beiträgen verdeutlicht, dass Universalismus einerseits eine notwendige Utopie bleibt, aber andererseits auch leicht zu dekonstruieren ist.
Bärbel Küster



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