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Info-Veranstaltung zu Fukushima

Fakten statt Gerüchte

Nach der Havarie des japanischen Atomkraftwerks in Fukushima überschlugen sich die Medienberichte in Sachen Kernkraft, doch präzise Informationen waren kaum zu bekommen. Ein Grund für das Institut für Kernenergetik und Energiesysteme (IKE) der Uni, in Vortragsveranstaltungen auf dem Campus Vaihingen und im Stuttgarter Rathaus die Fakten aufzubereiten.

 

Seinen ersten Uni-Auftritt vor großen Publikum hätte sich der neue Leiter des IKE, Prof. Jörg Starflinger, unter günstigeren Vorzeichen gewünscht, doch immerhin brauchte er sich über mangelndes Interesse nicht zu beklagen: Rund 500 Zuhörer drängelten sich im Hörsaal, und auch das wissenschaftliche Board war gut besetzt. „Der Informationsbedarf in der Bevölkerung ist enorm, deshalb ist es dem IKE hoch anzurechnen, dass es in der angespannten Stimmung der letzten Wochen den Mut zur faktenorientierten Diskussion hat“, so der Leiter des Höchstleistungsrechenzentrums der Uni, Prof. Michael Resch, der die Veranstaltung moderierte.
„Wir können keine Entwarnung geben, die Lage ist sehr ernst“, leitete Prof. Eckart Laurien seinen Vortrag ein. Soweit die eher dürftige Datenlage dies zuließ, schilderte der Leiter der Abteilung Thermofluiddynamik am IKE, wie die Reaktoren in Fukushima gebaut sind und welche Prozesse dort durch das Erdbeben und den anschließenden Tsunami in Gang gesetzt wurden. Das Problem dabei: Die Meiler selbst wurden zwar nach den ersten Erdstößen automatisch heruntergefahren, die anschließende bis zu 15 Meter hohe Flutwelle hat jedoch bekanntlich die dicht an der Küste gebauten Kühlsysteme außer Gefecht gesetzt. Doch ein Kernkraftwerk produziert aufgrund der so genannten Nachzerfallsleistung auch nach dem Abschalten noch enorme Wärme. „Für die Kühlung sind am Tag 1 nach der Abschaltung fünf Liter Wasser pro Sekunde erforderlich, und auch noch nach vier Wochen werden 1,5 Liter pro Sekunde gebraucht“, erklärte Laurien. Fehlt der Nachschub, fallen die Brennstäbe trocken und es kann zur Kernschmelze kommen.


Was in den Reaktoren von Fukushima vorging, stieß bei einer Informationsveranstaltung des IKE auf sehr großes Interesse.  (Foto: Institut/Piater)
Was in den Reaktoren von Fukushima vorging, stieß bei einer Informationsveranstaltung des IKE auf sehr großes Interesse. (Foto: Institut/Piater)

Welche Barrieren es gibt, um in einem solchen Fall ein Austreten der Radioaktivität zu verhindern, erläuterte Prof. Starflinger, der die Zuhörer über die technischen Finessen von Hüllrohren, Druckbehälter, Stahlhülle (Containment) und Betonhülle aufklärte. Inwieweit diese Schutzsysteme in Fukushima noch intakt sind, lasse sich schwer abschätzen, so Starflinger. „Die Zerstörung der Reaktorgebäude war die Folge einer Wasserstoffexplosion, und daraus schließen wir, dass mindestens eine partielle Kernschmelze stattgefunden hat.“ Die Reaktordruckbehälter scheinen bis dahin gehalten zu haben. Der weiße Dampf entsteht durch das Verdampfen des Meerwassers, mit dem die Reaktorkerne und die Abklingbecken derzeit gekühlt werden.“ Allerdings gebe es Hinweise, dass zumindest an einem Reaktor der so genannte Torus, eine Art Kondensationsbehälter für überschüssigen Wasserdampf, defekt sein könnte oder eine andere Leckage aufgetreten ist, was den hohen Austritt von Radioaktivität erkläre. Große Sorge bereiten zudem die Brennstäbe in den Abklingbecken, die nur durch eine Stahlverkleidung geschützt waren und nach deren Zerstörung in den freien Himmel strahlen.
Was dem Menschen droht, wenn es zu einer Kontaminierung kommt, erläuterte der Strahlenschutzbevollmächtigte der Uni, Gerhard Pfister, der zunächst Licht in den Begriffswirrwarr zwischen Radioaktivität (in Bequerel gemessen) und Strahlendosis (in Sievert gemessen) brachte und die Grenzwerte erläuterte, bei denen es zu einer Schädigung von Zellen kommen kann. „In gewissem Rahmen kann der Körper solche Schäden reparieren, dabei besteht aber das Risiko, dass es zu Mutationen kommt, die eine Krebserkrankung nach sich ziehen können.“
Lässt sich das Unglück auf Deutschland übertragen? Wie lange geht der Spuk noch und was kommt danach? Themen wie diese bestimmten die anschließende, sehr sachlich geführte Diskussion. Ein Stück weit aufatmen könne man, so die Wissenschaftler, wenn die Wärmeentwicklung aufgrund der Nachzerfallsleistung auf einen Wert abgesunken ist, der von außen an Kühlenergie eingebracht werden kann. „Jeder Tag, an dem kein weiteres Unglück passiert, bringt uns diesem Gleichgewicht näher.“ amg



Kontakt

Prof. Jörg Starflinger
Institut für Kernenergetik und Energiesysteme
Tel. 0711/685-62116
e-mail: joerg.starflinger@ike.uni-stuttgart.de

Informationen und Links zum Reaktorunfall unter
http://http://www.ike.uni-stuttgart.de/


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