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Festrede zum Philosophischen Fakultätentag in Stuttgart

Die Zukunft der Geisteswissenschaften

Braucht eine moderne Gesellschaft überhaupt noch Geisteswissenschaften? Und wie steht es um die geisteswissenschaftlichen Fächer an technischen Universitäten? Diese und andere Fragen wurden bei der Plenarversammlung des Philosophischen Fakultätentages an der Universität Stuttgart diskutiert. Das Gremium feierte während dieser Herbsttagung gleichzeitig auch sein 60-jähriges Bestehen. Die Auftaktveranstaltung setzte mit dem Festvortrag Julian Nida-Rümelins, Professor für politische Philosophie an der LMU München und Staatsminister a.D., wichtige Impulse für aktuelle hochschulpolitische Debatten.

Dass die Stuttgarter Geisteswissenschaften eine zwar kleine, aber feine Rolle spielen, verdeutlichte schon Rektor Prof. Wolfram Ressel in seinem Grußwort. Mit dem Hinweis auf die großen Namen, die in diesem Zusammenhang oft genannt werden – beispielsweise Käthe Hamburger, Golo Mann und Eberhardt Jäckl – kann Stuttgart auf eine stabile Basis bauen. Bürgermeisterin Dr. Susanne Eisenmann richtete den Blick nach vorne: Ihr liegt der interdisziplinäre Dialog besonders am Herzen. Eindringliche Worte fand auch der Dekan der Fakultät 9, Prof. Peter Scholz: „Wenn die Universität ihren universitären Anspruch ernst nimmt, ein Universum zu sein, darf sie die Geisteswissenschaften nicht als unnötigen Ballast und als schmückendes Beiwerk betrachten. Dann muss sie vielmehr ihre grundsätzliche Haltung ändern und stärker fördern und motivieren, statt dirigieren und beschneiden zu wollen. Das kann aber nur geschehen, wenn die Autonomie der geisteswissenschaftlichen Disziplinen nicht in Frage gestellt wird.“


Sprach in Stuttgart über die europäische Uni der Zukunft: Prof. Julian Nida-Rümelin.  (Foto: Privat)
Sprach in Stuttgart über die europäische Uni der Zukunft: Prof. Julian Nida-Rümelin. (Foto: Privat)

Eine ähnliche Stoßrichtung verfolgte auch der Festredner Nida-Rümelin mit seinen „Fünf Leitlinien für die europäische Universität der Zukunft“. Vor dem Hintergrund des großen Umbruchs an deutschen und europäischen Universitäten im Zuge des Bolognaprozesses regte der Philosoph an, sich nochmals das Humboldtsche Programm vor Augen zu führen: Die Universität sollte ein Ort der Persönlichkeitsbildung Erwachsener sein, an dem Forschung und Lehre als ein permanenter dynamischer Prozess verstanden wird. Diese Kernpunkte bilden die Grundlage für die zu wahrende Fächervielfalt an europäischen Universitäten. Denn „Nützlichkeit“ ist in allen Fächern angelegt, nur wird sie oft durch einen bürokratischen Rechtfertigungsdruck zur Verwertbarkeit der eigenen Forschung verschüttet. Nähme man diesen Druck vom Forschenden, würde sich dies auch in anderen Bereichen von Wissenschaft und Gesellschaft niederschlagen: „Die Entlastung von Verwertung schafft die Voraussetzung von Nützlichkeit“, so Nida-Rümelin.
Er kritisiert insbesondere, dass die von Bologna angestrebten Ziele nicht zwangsläufig Faktoren seien, von denen der europäische Hochschulraum uneingeschränkt profitiere. Europa solle sich vielmehr durch einen eigenen Weg von anderen Universitätssystemen abgrenzen und Differenz und Vielfalt als Standortvorteil begreifen. Nur Vielfalt könne die europäische Universität international zukunftsfähig machen.
Nina Jürgens



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