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15. Fachtagung Plasmatechnologie: Verzahnung zwischen Wirtschaft und Wissenschaft

„Wir irren uns empor“

„Plasmatechnologie ist eigentlich etwas sehr Bodenständiges“, versuchte Prof. Uwe Schumacher, emeritierter Professor des Instituts für Plasmaforschung (IPF) der Uni, dem Auditorium den möglicherweise zu großen Respekt vor dem physikalischen Thema zu nehmen. In seinen einleitenden Worten zum öffentlichen Abendvortrag des Astrophysikers Prof. Harald Lesch, der im Rahmen der 15. Fachtagung für Plasmatechnologie (PT15) am 28. Februar unter dem Titel „Es geht in der Welt mit rechten Dingen zu“ sprach, war dies eigentlich gar nicht nötig: Der aus dem Fernsehen bekannte Lesch lieferte im vollbesetzten Saal des Haus der Wirtschaft einen illustren Parforceritt durch die Welt der Physik – und nahm auf seine Reise auch fachfremde Zuhörer mit.

Lesch erklärte anschaulich, warum die Physik eine so „erfolgreiche Wissenschaft“ sei und „ganz nebenbei“ die Geschichte des Universums, beziehungsweise den Weg „vom Urknall zur Moral“. Mit der Beantwortung der Frage „wie neues Wissen überhaupt entsteht“ schlug er den Bogen von seinem persönlichen Fachgebiet Astrophysik hin zur Plasmatechnologie. Zentral bei der Wissenserweiterung seien Zweifel und Irrtum: „Die beiden Leitthemen jedes Forschers“, so Lesch. „Nur so tritt er in einen Dialog mit der Wirklichkeit“. In Zitation des Wissenschaftsphilosophen Gerhard Vollmer, folgerte er: „Wir irren uns empor“.


Astrophysiker Harald Lesch sprach beim Abendvortrag über Gott und das Weltall – vor zahlreichen begeisterten Zuschauern.    (Bild: Eppler)
Astrophysiker Harald Lesch sprach beim Abendvortrag über Gott und das Weltall – vor zahlreichen begeisterten Zuschauern. (Bild: Eppler)

Einen Beweis, wie weit die Menschheit in einigen Themenbereichen bereits wissenschaftlich „empor“ gekommen ist, liefert die Plasmaforschung: Als „Querschnittstechnologie“ steckt sie in zahlreichen Produkten, Geräten und Prozessen unseres Alltags – sei es in der Leuchtstoffröhre, der Solarzelle oder der Einkaufstüte – und wird trotzdem kaum wahrgenommen. Anliegen der Fachtagung ist es einerseits, hier Abhilfe zu schaffen, andererseits den Kontakt zwischen Wirtschaft und Wissenschaft herzustellen. „Unter den rund 250 Teilnehmern waren zahlreiche Studierende, die herausfinden konnten, was die künftigen Anforderungen der Industrie an die Plasmatechnologie sind, um dann ihr Studium direkt an diesen Inhalten auszurichten“, erklärt Dr. Andreas Schulz vom IPF. In einem „Job-Placement-Center“ wurde zudem jungen Nachwuchs-Wissenschaftlern die Kontaktaufnahme zu Vertretern der Industrie geboten.

 

Interessant für die Medizin
Als Plasma wird der nach dem gasförmigen Zustand nächst höhere, also der vierte physikalische Aggregatzustand der Materie bezeichnet. Natürliches Plasma findet sich in der Sonne und allen Sternen, dem Polarlicht oder bei Gewitterblitzen. Die heutige Technik ermöglicht es, ein Plasma auch weit unterhalb der 16 Millionen Grad Celsius der Sonne oder den Tausenden Grad Celsius eines Blitzes zu generieren. „Als eines der brandaktuellsten und spannendsten Themen auf diesem Gebiet – auch auf der Tagung vieldiskutiert – gilt die Plasmamedizin“, so Schulz. Beispielsweise könnte Plasma bei Patienten mit chronischen Wunden in direkter Anwendung auf der Hautoberfläche zur Dezimierung von Krankheitserregern und zu einer Beschleunigung der Wundheilung führen. „Einige Anwendungen befinden sich bereits in der klinischen Testphase. In zwei bis drei Jahren könnte die Plasmamedizin bei uns zum Standard werden“, erläutert Schulz. Daneben ist es auch möglich, die Oberfläche von Implantaten mit Plasma zu behandeln, um so – je nach gewünschtem Ergebnis – entweder zu garantieren, dass „der Fremdkörper“ optimal einwächst, also Biokompatibilität erreicht, oder hinterher rückstandslos entnehmbar ist.
Während der Fachtagung stellten 22 Referenten viele Facetten des plasmatechnologischen Einsatzgebietes vor. Von der ressourcenschonenden Energieversorgung über die Erzeugung neuer Materialien und Oberflächen bis hin zur Luft- und Raumfahrt. Daneben zeigte eine Posterausstellung aktuelle Projekte und Ideen der Studierenden. In einer Industrieausstellung präsentierten Firmen neue Anlagen, Prozesse, Mess- und Diagnostikmethoden. cfi



Kontakt

Dr. Andreas Schulz
Institut für Plasmaforschung
Tel. 0711/685-62199
e-mail: schulz@ipf.uni-stuttgart.de
http://www.ipf.uni-stuttgart.de


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