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Physik-Pionier in der interdisziplinären Forschung

Wolfgang Weidlich 80

Am 14. April vollendete Prof. Wolfgang Weidlich, emeritierter Leiter des II. Instituts für Theoretische Physik, sein 80. Lebensjahr. Weidlich erhielt 1966 den Ruf auf diese ordentliche Professur, die er bis zu seiner Emeritierung 1999 inne hatte.
Wolfgang Weidlich erlebte prägende Kriegs- und Nachkriegsjahre in Dresden, wo er 1949 am Kreuzgymnasium das Abitur erhielt. Er studierte Mathematik und Physik an der TU und FU Berlin, promovierte dort 1957 in Physik und habilitierte sich nach einer Assistentenzeit an der Universität Erlangen 1963. Drei Jahre als Dozent am Institut für Theoretische Physik in Stuttgart gingen dem Ruf dorthin voraus. Sein wissenschaftliches Werk spannt innerhalb der theoretischen Physik und weit über diese hinaus einen weiten Bogen auf. In seiner Habilitation beschäftigte er sich mit relativistischer Quantenfeldtheorie; die ersten Jahre in Stuttgart galten der theoretischen Beschreibung von Lasern als offenen Quantensystemen. Damit wurde Weidlich zu einem der Pioniere der Physik von getriebenen Nichtgleichgewichtssystemen, einer Thematik, der er sein weiteres wissenschaftliches Leben auf höchst innovative Weise treu blieb. Er erkannte nämlich, dass sich ähnliche Fragestellungen nicht nur jenseits der Physik in anderen Naturwissenschaften, sondern insbesondere auch in den Sozialwissenschaften wiederfinden. So hat er bereits 1971 das Phänomen der Meinungsbildung in Gesellschaften quantitativ modelliert. 1983 erschien (mit G. Haag) eine erste Monographie „Concepts and Models of Quantitative Sociology“, die die universell anwendbaren Methoden der Statistischen Physik für dieses Feld nutzbar machte. Seine 2000 publizierte Monographie „Sociodynamics“ stellt dieses, von ihm begründete Forschungsgebiet systematisch dar.
Als wahrer Pionier der heute so geschätzten interdisziplinären Forschung genießt Weidlich eine hohe internationale Reputation, die durch viele Einladungen zu Forschungsaufenthalten, Konferenzen und insbesondere auch durch die 1985 verliehene Ehrendoktorwürde der Universität von Umeå in Schweden belegt ist.
Prof. Weidlich engagierte sich stets auch in der Institution Universität: Er war von 1979 bis 1981 Prorektor für Lehre, jahrelang Wahlsenator, dreimal Dekan der Fakultät für Physik, viele Jahre dort Studiendekan und Initiator des internationalen englischsprachigen Studiengangs „Master of Science in Physics“. Es ist ihm ein besonderes Anliegen, der Gesellschaft den Wert und die Bedeutung der Wissenschaft, insbesondere auch des rationalen wissenschaftlichen Diskurses zu vermitteln, wofür er sich in vielen Gremien, Initiativen und in Vortragsveranstaltungen
Seine Kollegen und Schüler, von denen mehrere selbst als Professoren wirken, wünschen ihm weiterhin Lebensfreude und Schaffenskraft. Das gilt insbesondere auch für sein anhaltendes vorbildliches Engagement in der Lehre. So bringt Weidlich seit dem Jahr 2002 in der Vorlesung „Physik fürGeistes- und Sozialwissenschaftler“ fachfremden Studierenden (und manchen„Höheren Semestern“) die Denkweise und Ergebnisse der Kerngebiete der Physik nahe und begeistert die Zuhörer immer wieder mit dem ihn auszeichnenden lebendigen und unterhaltsamen Stil.
Udo Seifert



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