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Arbeitskreis „Wissensraum Europa-Mittelmeer“ gegründet

Dialog mit Nordafrika

Durch die aktuelle politische Entwicklung in Nordafrika und großen Teilen der arabischen Welt erhält der Arbeitskreis „Wissensraum Europa-Mittelmeer“ große Aktualität. In Zusammenarbeit mit dem Institut für Auslandsbeziehungen in Stuttgart wurde er auf Initiative des Germanisten Prof. Bernd Thum von der Universität Karlsruhe gegründet. Mitglieder sind Historiker, Politologen, Islamwissenschaftler und Vertreter weiterer Disziplinen von verschiedenen Universitäten. Von der Universität Stuttgart engagiert sich der Romanist Prof. Reinhard Krüger in der Arbeitsgruppe.

Die Beziehungen und kulturellen Kontakte zwischen Europa und Nordafrika reichen bis ins Mittelalter und darüber hinaus.     (Bild: Institut)
Die Beziehungen und kulturellen Kontakte zwischen Europa und Nordafrika reichen bis ins Mittelalter und darüber hinaus. (Bild: Institut)

Als zukünftige Aufgabe des Arbeitskreises „Wissensraum Mittelmeer“ sieht Krüger, die Gemeinsamkeiten in der Alltagskultur der Länder zwischen dem nördlichen und dem südlichen Mittelmeerraum zu identifizieren und aufzuzeigen. Die Beziehungen und kulturellen Kontakte zwischen Europa und Nordafrika reichen bis ins Mittelalter und noch weiter darüber hinaus. Sie sind nicht nur durch Kreuzzugsideologie und die Reduktion der geopolitischen Verhältnisse auf den Kampf um den rechten Glauben zu verstehen, sondern es gibt viele Gemeinsamkeiten. Europa hat aus der nordafrikanischen Tradition, die nicht nur eine arabisch-islamische ist, viel mehr geerbt als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Nicht nur unsere Sprachen gehören dem System der sogenannten „nostranischen“ Sprachen an, die eine im wesentlichen vergleichbare Grammatik aufweisen. Auch einer der Väter des christlichen Abendlandes, der Kirchenvater Aurelius Augustinus war ein nordafrikanischer Intellektueller aus dem heutigen Tunesien.

Beim ersten Treffen der Arbeitsgruppe Mitte Dezember 2010 definierten die Wissenschaftler die Themen Kultur und Politik, Bildung und Wissenschaft, Medien und Ästhetik als zu bearbeitende Felder des Arbeitskreises. Der Lehrstuhl Romanistik I der Universität Stuttgart wird in Kooperation mit den Germanisten der Uni Karlsruhe das Konzept für ein Handbuch mit Bausteinen zur interkulturellen Kommunikation zwischen Nordafrika und Europa entwickeln. Hier sollen gleichermaßen europäische Wissenschaftler und Spezialisten aus Nordafrika gemeinsam oder auch in Einzelbeiträgen, bestimmte Grundbegriffe der Kultur, der Gesellschaft und der Wissenstraditionen erarbeiten und den Partnern der jeweils anderen Kulturen in einem Dialog auf gleicher Augenhöhe vermitteln.


Neue Perspektiven
Am Lehrstuhl Romanistik I von Prof. Krüger gibt es zahlreiche Studierende und Doktoranden, die aus nordafrikanischen Ländern stammen und die teilweise bei Ausbruch der Unruhen in ihre Heimatländer aufgebrochen sind, um sich an den politischen Aktivitäten zu beteiligen. „Eine in großem Maße gut ausgebildete Bevölkerung, die zur Hälfte kaum mehr als 30 Jahre zählt, also vom Leben noch viel zu erwarten hat, allerdings durch die herrschenden Verhältnisse in jeder Hinsicht in ihren Aussichten blockiert wird, musste sich irgendwann gegen diese Verhältnisse zur Wehr setzen“, kommentiert Reinhard Krüger.
Auch für den Arbeitskreis ergeben sich durch die aktuellen Entwicklungen seit Dezember 2010 neue Perspektiven. Die deutlichen Veränderungen in den politischen, ökonomischen und folglich auch intellektuellen Verhältnisse der jeweiligen Länder führen auch zu geopolitischen Strukturveränderungen im Verhältnis zwischen Nordafrika und Europa. Selbst in den Ländern, in denen ein Regimewechsel noch nicht stattgefunden hat, können die Kritiker sich jetzt offener zu Wort melden. Dies bedeutet, dass Dialogpartner, die sich bislang vielleicht nur durch diplomatische Formulierungen oder hinter vorgehaltener Hand äußern durften, jetzt vielleicht mehr Klartext sprechen können, erwartet Krüger. Dies bedeutet auch, dass sich vollkommen neue Kräfte, darunter auch zahlreiche ehemalige politische Gefangene zu Wort melden können. Es wird eine Aufgaben des Arbeitskreises „Wissensraum Mittelmeer“ sein, neben den bereits bestehenden Kontakten nun auch diese neuen Dialogpartner zu integrieren. Reinhard Krüger/ve



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