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Städte und Klimaschutz:

Zwischen Anspruch und Methodik

Während auf der Bühne der Vereinten Nationen um ein Nachfolgeabkommen für das Kyoto-Protokoll gerungen wird, haben Städte in verschiedenen Ländern der Erde im Kampf gegen den Klimawandel freiwillig die Initiative ergriffen. Sie setzen eigene Emissionsziele und messen ihre Treibhausgasemissionen aus Gebäuden, Verkehr oder Müllkippen. Doch wie sieht die Erfassung in der Praxis aus und sind die Städte auf Kurs, ihre selbst gesteckten Klimaschutzziele zu erreichen? Diesen Fragen ging Maike Sippel am Institut für Energiewirtschaft und Rationelle Energieanwendung (IER) der Uni in einer Studie nach, die in der Zeitschrift „Greenhouse Gas Measurement and Management“ veröffentlicht wurde. *)

In der Tat sind die untersuchten Städte fleißig dabei, ihre Treibhausgasemissionen zu messen: 75 Prozent der untersuchten Städte haben bereits so genannte Emissionsinventare erstellt, die übrigen sind gerade dabei. Bei der Methodik zur Erstellung dieser Inventare grassiert allerdings der Wildwuchs, wie ein Beispiel aus dem Verkehrsbereich verdeutlicht: Während Stadt A die Emissionen einrechnet, die der Verkehr auf ihrem Stadtgebiet erzeugt, berechnet Stadt B Emissionen, die die Bürger der Stadt mit ihren Fahrzeugen (auch außerhalb des Stadtgebiets) verursachen. Stadt C wiederum lässt Emissionen aus dem Verkehrssektor ganz aus ihrem Treibhausgasinventar heraus. „Die Emissionsdaten verschiedener Städte sind also kaum vergleichbar“, so Maike Sippel.
Auch hat sich ein großer Teil der untersuchten Städte Ziele zur Reduktion der Treibhausgasemissionen gesetzt. Welche Rolle dabei die Analyse der jeweiligen lokalen Emissionen gespielt hat, und ob ein stadtspezifischer Reduktionspfad entworfen wurde, bleibt allerdings häufig offen. Meist wurden die Ziele direkt aus den übergreifenden Vorgaben des Städtenetzwerks „Klima Bündnis“ übernommen oder sie sind an deutsche oder europäische Klimaschutzziele angelehnt. „Fast die Hälfte der Städteziele dürfen wohl als eher symbolisch betrachtet werden, da keine Emissionsdaten aus dem Basisjahr der Zielsetzung veröffentlicht werden“, sagt Sippel. Ohne solche Ausgangsdaten kann jedoch gar nicht beurteilt werden, ob eine Senkung der Emissionen um einen bestimmten Prozentwert erreicht wurde.


Ziele zur Reduktion ihrer Treibhausgasemissionen habe inzwischen die meisten Städte – fragt sich nur, welche…   (Foto: Rainer Sturm/pixelio)
Ziele zur Reduktion ihrer Treibhausgasemissionen habe inzwischen die meisten Städte – fragt sich nur, welche… (Foto: Rainer Sturm/pixelio)

Betrachtet man die tatsächliche Entwicklung der Emissionen in den einzelnen Städten, ergibt sich ein gemischtes Bild. Dabei scheinen die Städte in den neuen Bundesländern die weit besseren Klimaschützer zu sein: Ihre Emissionspfade weisen deutlich nach unten – mit einem durchschnittlichen Rückgang von jährlich drei Prozent gegenüber dem Ausgangsjahr. In den alten Bundesländern sind es nur -0,65 Prozent. Die vermutlich einfache Erklärung: Die ostdeutschen Regionen „profitieren“ vom Strukturwandel nach dem Mauerfall, in dessen Folge zahlreiche Industrieanlagen stillgelegt und damit Emissionen reduziert wurden.
Um die schlimmsten Klimaschäden zu vermeiden sind nach Ansätzen der internationalen Wissenschaftlergemeinschaft des IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) bis 2050 Emissionsreduktionen in Höhe von -1,33 bis -1,58 Prozent pro Jahr erforderlich. Setzen die Städte ihren bisherigen Emissionspfad fort, so werden rechnerisch nur sieben Städte ihre Emissionsziele für die Jahre 2020, 2030 oder 2050 auch erreichen – und die liegen alle in Ostdeutschland. Der Westen dagegen ist nicht auf Kurs: Dort würden die meisten Städte ihre Ziele zwar auch erreichen – allerdings zum Teil über 100 Jahre später als geplant...
Damit es schneller und systematischer geht, so das Fazit der Studie, wäre zum einen eine einheitliche Methodik zur Emissionserfassung auf der Ebene der Städte außerordentlich hilfreich. Städtenetzwerke und die Bundespolitik könnten einen einheitlichen Standard für die Emissionsinventare der Städte festlegen und die Emissionserfassung – zum Beispiel erstmal für alle Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern – verpflichtend machen. In einer bundesweiten Datenbank könnten die Emissionsdaten der Städte dann miteinander verglichen werden.
Damit Reduktionsziele als Teil eines Qualitätsmanagements der städtischen Klimaschutzpolitik verwendet werden können, müssen diese Ziele realistisch und mit stadtspezifischen Reduktionspfaden hinterlegt sein. Da der mögliche Beitrag einer Stadt zum Klimaschutz stark von externen Faktoren (wie der nationalen Energie- und Klimaschutzpolitik) abhängt, scheint ein doppelstrategischer Ansatz sinnvoll: Die Stadt setzt sich ein realistisches Ziel A, das sie aus eigenem Antrieb erreichen kann. Gleichzeitig formuliert sie ein sehr ambitioniertes Ziel B, für dessen Erreichung auch bestimmte nationale und internationale Rahmenbedingungen Voraussetzung sind, die die Stadt dann als Teil ihrer Klimaschutzpolitik auch einfordern sollte. MaikeSippel/amg

*) Sippel, Maike: „Urban GHG inventories, target setting and mitigation achievements: how German cities fail to outperform their country”, in: Greenhouse Gas Measurement & Management 1/1, Earthscan Verlag 2011, Seite 55-63. Die Datensammlung für die Studie erfolgte im Rahmen einer Diplomarbeit durch Michael Bradt.

 



Kontakt

Dr. Maike Sippel
Institut für Energiewirtschaft und
Rationelle Energieanwendung
Tel. 0711/685-87800
e-mail: maike.sippel@gmx.de


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