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Prof. Franz Pesch über die Thesen des Städtebauausschusses zu Stuttgart 21

„Ziel ist das beste urbane Konzept“

Über die verkehrstechnische Leistungsfähigkeit von Kopf- und Tiefbahnhöfen sowie deren Kosten wird in der Debatte um Stuttgart 21 seit Monaten intensiv diskutiert, und daran wird sich bis zu dem geplanten Volksentscheid wohl auch nicht viel ändern. Ein wenig außen vor blieben dabei die städtebaulichen Chancen und Optimierungsmöglichkeiten des Megaprojektes. Mit diesen Fragen befasst sich ein Thesenpapier des Städtebauausschusses der Stadt Stuttgart zur Weiterentwicklung der Stuttgarter Bahnhofsplanung. Es sieht unter anderem die Wiedererrichtung des Nordflügels und den Erhalt des Bonatzbaus als Empfangsportal des Hauptbahnhofes vor und unterbreitet weitreichende Vorschläge, um auf den freiwerdenden Gleisflächen attraktive Quartiere entstehen zu lassen. Zu den Autoren gehören auch die Professoren Tilman Harlander, Arno Lederer und Franz Pesch der Universität Stuttgart. Für den unikurier erläutert Prof. Franz Pesch von Städtebau Institut die Thesen im Gespräch mit Andrea Mayer-Grenu.

Prof. Franz Pesch (Foto: Eppler)
Prof. Franz Pesch (Foto: Eppler)

Herr Prof. Pesch, die Vorschläge der Arbeitsgruppe sollen den Weg weisen zu einer städtebaulichen Qualifizierung von Stuttgart 21. Wie lauten die zentralen Argumente?

Um die städtebaulichen Chancen von Stuttgart 21 auszuschöpfen, sollte der neue Bahnhof so weiterentwickelt werden, dass er zu einem Bindeglied zwischen der Innenstadt und den neuen Wohnquartieren werden kann. Eine ganz wichtige Rolle spielt dabei der Straßburger Platz, der räumlich gefasst werden muss, so dass er als Stadtplatz nutzbar gemacht werden kann. Solche Platzräume – es gab sie historisch zum Beispiel am Österreichischen Platz oder in der Hauptstätter Straße – sind in Stuttgart weitgehend verloren gegangen. Und dann geht es natürlich um die Frage, wie die künftigen Quartiere tatsächlich aussehen sollen. Die aus den städtebaulichen Wettbewerben abgeleiteten Rahmenpläne geben hier nur eine Art Generallayout vor. Architektur und die Wohnqualität entscheiden sich mit der Detailplanung auf jeder einzelnen Fläche.


Damit der Straßburger Platz als Stadtplatz funktionieren kann, fordert die Arbeitsgruppe die Wiedererrichtung beziehungsweise Neuformulierung der Seitenflügel des Bahnhofsbaus.  (Foto: Schuler,DB)
Damit der Straßburger Platz als Stadtplatz funktionieren kann, fordert die Arbeitsgruppe die Wiedererrichtung beziehungsweise Neuformulierung der Seitenflügel des Bahnhofsbaus. (Foto: Schuler,DB)

Um den Straßburger Platz zu fassen, fordern Sie die Wiedererrichtung des bereits abgerissenen Nordflügels. Ist das überhaupt realistisch?

Uns kommt es vor allem darauf an, das Raumbild eines Platzes zu erzeugen. Hierfür muss der historische Flügel nicht unbedingt rekonstruiert werden, man kann ihn auch durch ein neues Gebäude äquivalent formulieren. Beide Flügel können zum Beispiel durch Restaurants, Läden, Büro- oder Praxisräume genutzt werden, das belebt das ganze Areal und nimmt den kommerziellen Druck aus dem Kopfbau des Bonatzbahnhofs.
Die Vorschläge, die auch einen Verzicht auf die neue Glashalle an der Südseite des Bonatzbaus umfassen, würden erhebliche Eingriffe in die Pläne des S21-Architekten Christoph Ingenhoven bedeuten. Gibt es Reaktionen?

Das Faszinierende an dem Ingenhoven-Entwurf besteht darin, dass er als einziger ein Architektur-Thema formuliert hat, das über die gesamten 400 Meter des neuen Bahnhofs konsistent ist. Unserer Arbeitsgruppe geht es aber um das Konzept mit dem höchsten städtebaulichen Gewinn, deshalb fordern wir, die Konsistenz des Architektur-Themas an einigen Stellen aufzubrechen. Wenn man die städtebaulichen Fragen ernst nimmt, kann man sich nicht damit begnügen, den Straßburger Platz, wie Ingenhoven dies formulierte, in ‚Straßburger Gärten’ umzubenennen. Konkrete Änderungspläne gibt es aber noch nicht, diese müsste der Bauherr einfordern.


Der Bonatzbau soll das Empfangsportal des Bahnhofs bleiben, damit wäre der Glasvorbau aus Sicht der Stuttgarter Gruppe entbehrlich.    (Visualisierung: ingenhoven architects)
Der Bonatzbau soll das Empfangsportal des Bahnhofs bleiben, damit wäre der Glasvorbau aus Sicht der Stuttgarter Gruppe entbehrlich. (Visualisierung: ingenhoven architects)

Welche Vorstellungen haben Sie für die neuen Stadtquartiere, das Europa- und das Rosensteinviertel?

Stuttgart verfügt insbesondere zwischen der City und den Halbhöhenlagen über urbane Stadtquartiere mit lebendiger Atmosphäre und ausgewogener sozialer Durchmischung. Diese werden von den Bürgern gut angenommen und können Pate stehen für Stuttgarts neue Stadtviertel. Ihre Qualität und Vielfalt verdanken sie einer Mischnutzung aus Wohnen, Gewerbe, Läden, Dienstleistungen und Kultur. Eine besondere Rolle spielt die Belegung der Erdgeschosse, weil hier die Fassaden in Augenhöhe mit den Menschen sprechen.

 

Gibt es an der Uni Projekte, die untersuchen, wie eine solche Mischnutzung konkret aussehen kann?

Vorschläge zur städtischen Entwicklung gerade auch zwischen Bahnhof, Killesberg und Löwentor macht unser Lehrstuhl seit vielen Jahren. Im Sommersemester findet in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Technik und der Kunstakademie ein Seminar statt, in dem die Studierenden zeigen werden, wie man auf den jetzt frei werdenden Flächen konkret leben kann.


Die bisherigen Bauten auf den ehemaligen Gleisanlagen lassen von urbaner Vielfalt höchstens träumen. Was muss sich ändern?

Die verbreitete Praxis, Baufelder von der Größe eines Fußballfeldes von jeweils einer Investorengruppe entwickeln zu lassen, steht der urbanen Vielfalt entgegen; besser funktionieren kleine Grundstückszuschnitte mit unterschiedlichen Bauherren und Architekten. Die Nagelprobe werden dabei die „schwierigen“ Flächen sein, bei denen urbane Wünsche und Investorinteressen aufeinanderprallen. Hier muss die Stadt in die Offensive gehen und über eine aktive Liegenschaftspolitik Teilgebiete für unterschiedliche Investoren, Bauherren beziehungsweise Zielgruppen öffnen. Begleitet werden sollte dies von einer konsequenten Qualitätssicherung. Bei der Hamburger Hafencity zum Beispiel wurde über jedes einzelne Grundstück in einem Wettbewerb entschieden.

Wie wird das bei der Stadt gesehen?

Architekten sind bekanntlich Berufsoptimisten… Im Städtebauausschuss wurden die Thesen jedenfalls sehr intensiv diskutiert.

Wie stellen Sie sich Stuttgart 21 im Jahr 2021 vor?

In die verkehrstechnische Debatte möchte ich mich nicht einmischen. Als Städtebauer wünsche ich mir ein urbanes Quartier mit offenen Räumen und vielfältigen Nutzungen, das auch in sozialer Hinsicht Vorbildcharakter hat. Und ich erhoffe mir ein Quartier, das als Musterprojekt für den schonenden Umgang mit Ressourcen steht und neue Mobilitätskonzepte ermöglicht.

Herr Prof. Pesch, wir danken für das Gespräch.
 

Thesen der Arbeitsgruppe Stadtentwicklung

DER BAHNHOF

• Der Straßburger Platz soll räumlich gefasst werden und als Stadtplatz nutzbar sein
• Erhalt bzw. Wiederherstellung der Seitenflügel des Bonatz-Bahnhofs
• Trassenführung und Trogabmessungen bleiben bahntechnisch funktionsfähig
• Der Bonatzbau muss Adresse und Empfangsportal auch des neuen Bahnhofs bleiben.

DER PARK
• Erhalt der topographischen Lage des Schlossgartens im ‚Talgrund’ und der räumlichen Beziehung (Grünes U)
• zwischen Oberem und Unterem Schlossgarten
• Keine weitere Querspange parallel zur Schillerstraße
• Die ganzheitliche Betrachtung ist auf die angrenzenden Bereiche auszuweiten. Die Raumkanten und Nahtstellen sind zu überprüfen.

DIE NEUE STADT
• Die Planung des neuen Stadtquartiers an die Stuttgarter Städtebautradition anknüpfen
• Die künftige Funktion der neuen Quartiere ist sorgfältig zu bedenken
• Nur die Mischung verschiedener Nutzungen garantiert einen lebendigen Stadtteil
• Die großen Baufelder sollten aufgeteilt und parzellenweise entwickelt werden
• Attraktive Räume sollen die neuen Stuttgarter Stadtviertel prägen
 



Kontakt

Prof. Franz Pesch
Städtebau-Institut
Lehrstuhl Stadtplanung und Entwerfen
Tel. 0711/685-83350
e-mail: franz.pesch@si.uni-stuttgart.de
 


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