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Neue experimentelle linguistische Studie

Wie man Süßigkeiten und Lesarten auswählt

Die Betonung spielt für die Interpretation eines Satzes eine große Rolle. Wie die spezifische Lesart abgeleitet wird, untersuchen Forscherinnen am Institut für Germanistik/Linguistik der Universität Stuttgart, am Deutschen Seminar der Universität Tübingen und am Institut für Linguistik der Universität von Illinois, Urbana-Champaign in den USA. Die Kooperation wird durch die European Science Foundation (ESF) unterstützt.

Zwei Bildsequenzen, die den Versuchspersonen gezeigt werden. Anschließend hören sie den Satz „Der Hund hat jedes Bild zerrissen, das ein Kind angemalt hat“ und sollen entscheiden, ob dieser Satz im gegebenen Kontext angemessen ist oder nicht. Das Beispiel repräsentiert die spezifische Lesart des Satzes: Es gibt ein bestimmtes Kind (das Mädchen mit dem gelben Kleid rechts oben), dessen Bilder alle zerrissen wurden. Es wurden jedoch nicht alle bemalten Bilder zerrissen. Die unspezifische Lesart wäre also nicht angemessen.   (Abbildung: Institut)
Zwei Bildsequenzen, die den Versuchspersonen gezeigt werden. Anschließend hören sie den Satz „Der Hund hat jedes Bild zerrissen, das ein Kind angemalt hat“ und sollen entscheiden, ob dieser Satz im gegebenen Kontext angemessen ist oder nicht. Das Beispiel repräsentiert die spezifische Lesart des Satzes: Es gibt ein bestimmtes Kind (das Mädchen mit dem gelben Kleid rechts oben), dessen Bilder alle zerrissen wurden. Es wurden jedoch nicht alle bemalten Bilder zerrissen. Die unspezifische Lesart wäre also nicht angemessen. (Abbildung: Institut)

Wer sich noch an frühere Kindergeburtstage erinnert, kennt möglicherweise das Spiel „Tip“. Die Regeln waren denkbar einfach: Es wurde eine große Platte mit verschiedenen Süßigkeiten hergerichtet, ein Kind verließ den Raum, und die anderen Kinder bestimmten eine der Leckereien als „Tip“. Man wurde dann, nachdem sich die Kinder geeinigt hatten, wieder hereingebeten und durfte sich an der Platte der Köstlichkeiten bedienen. Zunächst konnte man die erbeuteten Süßigkeiten auch behalten. Aber wenn man eine Süßigkeit zu ergreifen versuchte, ertönte das unbarmherzige „TIIIIIPPP“ der anderen Kinder. Das war das „Tip“, auf das sich die anderen vorher geeinigt hatten, und die betreffende Süßigkeit musste wieder zurück auf die Platte gelegt werden. Dann wurde ein anderes Kind hinausgeschickt, und es wurde ein neues „Tip“ bestimmt.
Die meisten Sätzen dieser schriftlichen Spielanleitung sind ohne explizite Angabe des jeweiligen mündlichen Betonungsmusters problemlos richtig zu verstehen. Im Falle des Satzes „wenn man eine Süßigkeit zu ergreifen versuchte…“ ist dies anders. „Wäre hier nicht markiert, dass der Artikel ‚eine' betont werden soll, würde man den Satz mit Betonung auf ‚Süßigkeit' lesen“, erklärt die Stuttgarter Studienleiterin Dr. Cornelia Ebert. Heraus käme dabei die Aussage „Wenn man eine Süßigkeit zu ergreifen versuchte, ertönte das unbarmherzige „TIIIIIPPP“ der anderen Kinder'. „Ein solcher Satz hätte vermutlich zu einigermaßen großer Verwirrung geführt, bedeutet er doch etwas wie: Egal welche Süßigkeit man zu greifen versuchte, die anderen Kinder schrien ‚TIP’“, erklärt Ebert.

Weiß der Leser jedoch aus dem Kontext, dass das betreffende Kind bereits unbeanstandet eine Menge von Süßigkeiten sammeln konnte, hätte eine solche Interpretation – Wissenschaftler sprechen von unspezifischer Lesart – deplatziert gewirkt. Erst aus der Betonung auf ‚eine' wird klar, dass es eben eine spezielle Süßigkeit gibt, die zum „TIP“-Schrei der anderen Kinder führt. Man nennt dies die spezifische Lesart. Solche Lesarten werden seit Ende der 1960er Jahre in der sprachwissenschaftlichen Literatur kontrovers diskutiert. Bislang ist man sich weder über die theoretische Modellierung noch über die empirischen Daten im Klaren.


Um herauszufinden, welche Lesarten genau in welchen Situationen existieren, sollen im Rahmen des Projekts experimentelle Methoden entwickelt werden, die unter anderem die Rolle der Betonung in Sätzen wie den obigen untersuchen. Ebenso suchen die Wissenschaftler nach der richtigen sprachwissenschaftlichen Theorie zur Ableitung dieser Lesarten. In den geplanten Experimenten werden Versuchspersonen mit kleinen Bildergeschichten und einem anschließend auditiv dargebotenen Satz konfrontiert. Sie sollen dann entscheiden, ob der Satz zu den Bildern passt oder nicht. Aus diesem Urteil kann man dann schließen, ob die Versuchsperson den Satz in der spezifischen oder in der unspezifischen Lesart interpretiert. „In einigen, aber bei weitem nicht in allen Theorien der Spezifizitätsliteratur wird erwartet, dass die spezifische Lesart eher dann zu bekommen ist, wenn der Artikel betont wird, und die unspezifische eher dann, wenn die Betonung auf dem Nomen liegt – ähnlich wie im Tip-Beispiel oben“, erläutert Cornelia Ebert. „Sollte sich diese Erwartung durch die Studie bestätigen, hätte dies Auswirkungen auf die gesamte Spezifizitätsdebatte und damit auch theoretische Relevanz für das Forschungsfeld.“ amg



Kontakt

Dr. Cornelia Ebert
Institut für Linguistik/Germanistik
Tel. 0711/685-83457
e-mail: cornelia.ebert@ling.uni-stuttgart.de


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