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Forscherteam aus Stuttgart und den USA untersucht, wie Zinnhaare entstehen >>>>>>>>>>>>>>>>>>>>

Haarwuchs durch Spannungsunterschiede

Satelliten quittierten den Dienst und die US-Gesundheitsbehörde rief Tausende Herzschrittmacher zurück, weil Haare aus Zinn, im Fachjargon Whisker genannt, die Elektronik der Geräte kurzschlossen. Die fatalen Härchen sind nur wenige Mikrometer fein, jedoch teilweise bis zu einigen Millimetern lang, und sie „sprießen“ aus Zinnschichten hervor, die zum Löten und Beschichten von elektronischen Komponenten aus Kupfer eingesetzt werden. Materialwissenschaftler aus Stuttgart und den USA haben jetzt in Zusammenarbeit mit der Robert Bosch GmbH detailliert die Kräfte gemessen, die den metallischen Haarwuchs auslösen. Dies ist ein erster Schritt, um etwas dagegen zu unternehmen.

zinnhaare  

Das Team um Eric J. Mittemeijer, Direktor am Stuttgarter Max-Planck-Institut für Metallforschung und Lehrstuhlinhaber am Institut für Materialwissenschaft der Uni, fand gemeinsam mit Kollegen der Robert Bosch GmbH, des Argonne National Laboratory in Illinois und des Oak Ridge National Laboratory in Tennessee heraus, dass für den „Haarwuchs“ der Druck der Zinnatome am Boden der Schicht größer sein muss als an der Oberfläche. Gleichzeitig muss an der Oberfläche, in der Ebene der Schicht, ein Druckunterschied bestehen: An der Wurzel eines Zinnhaars muss der Druck kleiner sein als weiter davon entfernt. „Das lässt sich mit einer Zahnpastatube vergleichen“, sagt Matthias Sobiech, der die Experimente vorgenommen hat. „Wenn man seitlich drückt, kommt oben Zahnpasta raus.  Die Spannung baut sich auf, weil an der Grenze zwischen Zinn und Kupfer eine intermetallische Verbindung entsteht, die sich in die Zinnschicht hineinschiebt.

Das detaillierte Bild von der Spannungsverteilung in der Zinnschicht lieferten Röntgenuntersuchungen. Die Druckunterschiede zwischen Boden und Oberfläche der Zinnschicht ermittelten die Forscher in ihrem Labor in Stuttgart, indem sie Schicht für Schicht die vertikalen mechanischen Spannungsunterschiede bestimmten. Um die Spannungsverteilung in der Ebene um ein wachsendes Zinnhaar zu messen, musste eine Methode mit einer sehr hohen Ortsauflösung unterhalb des Mikrometerbereiches angewendet werden.

Rasterelektronenmikroskopische Aufnahmen
verdeutlichen die große Formenvielfalt von Zinnhaaren. 
(Fotos: Max-Planck-Institut für Metallforschung)

 

kupfersubstrat  

Diese Mikro-Spannungsmessungen nahmen die Wissenschaftler am Argonne National Laboratory mit Hilfe der so genannte „Mikro-Laue-Beugungsmethode“ vor: Ein sehr feiner Röntgenstrahl mit einem Durchmesser von circa 300 Nanometern rasterte in sehr kleinen Schritten die Umgebung eines wachsenden Zinnhaares ab, und ein empfindlicher Detektor zeichnete die lokalen Spannungen Punkt für Punkt auf. „Wir haben zum ersten Mal nachgewiesen, dass sich Zinnhaare auf Schichten bilden, die deutliche mechanische Spannungsunterschiede aufweisen, und dass diese Differenzen die Triebkraft für das Wachstum der Zinnhaare sind“, so Mittemeijer.
Der genaue Blick auf die Spannungsverhältnisse in einem Material verrät viel über die Kräfte, die an elektronischen oder mechanischen Mikrosystemen zerren und möglicherweise deren Funktion beeinträchtigen. „Wir hoffen, dass unsere Erkenntnisse helfen, elektronische Bauteile wirksam vor dem Wachstum der Zinnhaare zu schützen“, sagt Matthias Sobiech. „Denn wir wissen jetzt, dass es darauf ankommt, die Unterschiede der Spannung in der Schicht abzubauen.“ Wie das konkret gelingen könnte, wollen die Forscher nun untersuchen.                                        uk

Modell der Triebkräfte für spontanes Zinnhaarwachstum auf zinnbeschichtetem Kupfer.

 

 

KONTAKT
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Prof. Eric J. Mittemeijer
Institut für Materialwissenschaft
Tel. 0711/689-3311
e-mail: e.j.mittemeijer@mf.mpg.de