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Das Steinheimer Becken auf der Ostalb

Unerwarteter Schwabenstein

Das rund 3,5 Kilometer durchmessende Steinheimer Becken auf der Ostalb ist längst nicht so bekannt wie das 24 Kilometer große Nördlinger Ries, das die Pioniere der Impaktforschung seit den 1960er Jahren (also der Erforschung von Meteoriteneinschlägen und deren Auswirkungen) intensiv untersuchen. Mit seinem ringförmigen Becken und dem prominenten Zentralhügel in seiner Mitte bildet der Steinheimer Meteoritenkrater aber eine ganz besondere morphologische Erscheinung. Dr. Martin Schmieder vom Institut für Planetologie der Uni Stuttgart und Dr. Elmar Buchner vom Rieskratermuseum Nördlingen haben die Steinheimer Impaktgesteine nach jahrelangem Dornröschenschlaf noch einmal unter die Lupe genommen und dabei Erstaunliches entdeckt.

Vor rund 14,6 Millionen Jahren im Miozän durch den Einschlag eines Doppelasteroiden entstanden, bildet das Steinheimer Becken zusammen mit dem überwiegend in Bayern liegenden Ries eines von wenigen Doppelkratersystemen auf der Erde. Dabei ist gerade das kleinere und gut erhaltene Steinheimer Becken mit seiner markanten Kraterform ein Musterbeispiel für einen kleineren Meteoritenkrater des komplexen Typs – nirgendwo sonst auf der Erde können die Meteoritenforscher einen solchen Krater besser studieren als auf der Ostalb. Der Kratersee, der sich im Steinheimer Becken kurz nach dessen Aussprengung bildete, lieferte zahlreiche, teils endemische Tier- und Pflanzenfossilien und trug Mitte des 19. Jahrhunderts maßgeblich zur Evolutionslehre bei.
Neben den bei Sammlern begehrten Steinheimer „Strahlenkalken“, speziellen Bruchstrukturen im Weißjurakalkstein der Schwäbischen Alb, die Geologen international als shatter cones bezeichnen, sind Trümmergesteine (so genannte Impakt-Brekzien) und durch die Stoßwelle geschockte Minerale Zeugen der kosmischen Katastrophe. Zuletzt wurden während Bauarbeiten auf dem Steinheimer Zentralhügel völlig neuartige „Strahlenknollen“ aus den dort herausgehobenen Schichten des Opalinustons geborgen, die Neues zur Entstehung von Strahlenkegeln in irdischen Meteoritenkratern erzählen.


Strahlenkegel (shatter cone) im Weißjurakalk des Steinheimer Beckens.  (Fotos: Schmieder)
Strahlenkegel (shatter cone) im Weißjurakalk des Steinheimer Beckens. (Fotos: Schmieder)
Mikroskopische Dünnschliffaufnahme des Steinheimer Schwabensteins mit einem rund 0,5 mm großen Gesteinsschmelzepartikel (dunkel, Bildmitte) bei gekreuzten Polarisatoren.
Mikroskopische Dünnschliffaufnahme des Steinheimer Schwabensteins mit einem rund 0,5 mm großen Gesteinsschmelzepartikel (dunkel, Bildmitte) bei gekreuzten Polarisatoren.

 

Seitdem das Geologische Landesamt Baden-Württemberg vor allem in den 60er und 70er Jahren zahlreiche Bohrungen im Steinheimer Becken durchgeführt hat, lagern Dutzende von Bohrkernen im Keller des Steinheimer Meteorkratermuseums. In den Kernen wird anschaulich, wie der Steinheimer Meteoritenkrater in den zertrümmerten Jura-Kalksteinen von Impaktbrekzien ausgefüllt wird, die ihrerseits durch die Ablagerungen des miozänen Kratersees überlagert werden. Anders als zuvor angenommen, so fanden Schmieder und Buchner bei den neuerlichen Untersuchungen heraus, liegt auch im Steinheimer Becken ein so genannter Suevit. Dieser „Schwabenstein“, dessen Namensgebung weltweit für derartige Impaktgesteine steht, ist eigentlich vom benachbarten Nördlinger Ries bekannt. Charakteristisch für den Suevit sind durch den Meteoriteneinschlag aufgeschmolzene und wiedererstarrte Gesteinspartikel, die im Steinheimer Becken ihrerseits exotische, Nickel- und Kobaltreiche Eisensulfidkristalle und Nickeleisenkügelchen führen. Der Geologe kann diese seltenen Elemente sozusagen als geochemischen Fingerabdruck des Steinheimer Meteoriten identifizieren.
Entgegen der bisherigen Annahme, dass das Steinheimer Becken durch einen Steinmeteoriten geschlagen wurde, sprechen die Suevit-Funde der Stuttgarter Geologen nun stark für den Einschlag eines Eisenmeteoriten. Gegenwärtig untersuchen Schmieder und Buchner zudem neu entdeckte Karbonatschmelzen in den Steinheimer Kalksteinen, die anderswo auf der Erde in ähnlicher Form nur von sehr wenigen Stellen, so etwa vom Haughton-Krater in der Arktis Kanadas, bekannt sind.
Martin Schmieder/amg
 



Kontakt

Dr. Martin Schmieder
Institut für Planetologie
Tel: 0711/685-81315
e-mail: martin.schmieder@geologie.uni-stuttgart.de