Dieses Bild zeigt

Prof. Kirsten Dickhaut untersucht magische Gestalten der christlichen Welt

Die dunkle Seite der Renaissance

Die Renaissance gilt als Übergang zwischen dem „dunklen“ Mittelalter und der Aufklärung. Doch auch die Epoche des geistigen Erwachens hat ihre dunklen Seiten. Prof. Kirsten Dickhaut vom Institut für Literaturwissenschaft (Romanische Literaturen I) spürt ihnen nach.
[Foto: Alinari Archives / Magliani]

Prof. Kirsten Dickhaut (c) Martin Stollberg
Prof. Kirsten Dickhaut

„Magische(s) Gestalten in der christlichen Welt“ heißt das von der Fritz Thyssen Stiftung geförderte und in Kooperation mit dem Stuttgart Research Center (SRC) Text Studies durchgeführte Projekt, das sich mit der Bedeutung von Zauberern, Magiern und Hexen sowie deren „Lenkung der Dinge“ beschäftigt. Sein Ausgangspunkt ist ein merkwürdiges Phänomen: Wie kann es sein, dass auf den Marktplätzen der Renaissance so genannte Hexen verbrannt wurden und fast zeitgleich am selben Ort auf ephemeren Bühnen Komödien aufgeführt wurden, in denen es vor Hexen und Magiern nur so wimmelt? Nach Texten, die teilweise die Inquisitoren selbst verfasst hatten? Wo doch der bloße Verdacht, sich mit Zauberei auszukennen, ausreichte, um auf dem Scheiterhaufen zu landen – Behauptungen, deren Geständnis unter Folter schnell erpresst waren?

„Die Renaissance war eine widersprüchliche Zeit“, erklärt Kirsten Dickhaut. Die Sicht auf diese Epoche sei lange Zeit aufklärerisch dominiert gewesen, im Blickfeld standen Genies wie Michelangelo oder Leonardo da Vinci. „Diese eindimensionale Sichtweise wollen wir aufbrechen und zeigen, dass die Renaissance nicht nur die Vorstufe der Aufklärung, sondern auch eine Fortsetzung des Mittelalters darstellt. Es geht quasi um eine epochale Neukonfigurierung.“

Die Argumente für diese These suchen Dickhaut und ihre Gruppe in den literarischen Texten der italienischen Renaissance, darunter Niccolò Machiavellis „La Mandragola“ (Doktorand Stefan Bayer) und Torquato Tassos Epos „Gerusalemme Liberata“ (Doktorandin Irene Herzog). Die Werke dieser Zeit enthalten zahlreiche magische Gestalten. Eine systematische Darstellung dieser Figuren, ihrer anthropologischen Bedeutung und ihrer handlungsstrukturierenden Funktion gibt es bisher jedoch nicht. Dabei ist ihre Erforschung schon deshalb interessant, weil Literatur damals epistemischen Charakter und damit den Status eines Belegs hatte. „Wenn Autoren beschreiben, wie ihre Figuren zum Beispiel Hagel kochen oder Liebeszauber ausüben, dann galt dies als Beweis, dass eine Hexe oder ein Zauberer in der Lage ist, Metamorphosen zu verursachen“, erklärt Dickhaut – auch wenn kein Mensch solche Verwandlungen je gesehen hat. „Die entscheidende Rolle spielt die Imagination.“

Legitimation der Hexenverfolgung

In der dämonologischen Literatur des Mittelalters und später auch in der Inquisition kam dabei dem Einfluss von Drogen eine Schlüsselrolle zu. Nach dem Konsum von Fliegenpilzen und anderen Suchtmitteln konnte man schon die Fantasie entwickeln, auf einem Besen zu fliegen. Die Mediziner des Mittelalters konstatierten jedoch nüchtern, dass dies nur unter Drogen möglich ist.

 

Hieronymus Bosch: Der Zauberer, um 1502.  (c) Saint-Germain-en-Laye, Musée Municipal
Hieronymus Bosch: Der Zauberer, um 1502.

Eine einschneidende Änderung dieser Deutung brachte der „Hexenhammer“ (lateinisch Malleus maleficarum), jenes 1486/87 erschienene Werk des Dominikaners Heinrich Kramer, das fortan die Hexenverfolgung legitimierte. Das geschichtswissenschaftlich gut, literaturwissenschaftlich jedoch kaum untersuchte Werk basiert unter anderem auf antiken Mythen und der Bibelexegese. Es versucht daran zu belegen, dass es tatsächlich Hexen gibt, die fliegen oder andere Metamorphosen, kurz, Schadenszauber vollbringen können.

Verschärft wurde dieser Wahn zum einen durch den Buchdruck, der den Hexenhammer zum großen Bestseller des 16. Jahrhunderts machte. Und zum zweiten bediente sich auch die Reformation des Werks. „Luther interpretierte nicht metaphorisch, sondern nahm Bibelstellen zum Umgang mit Zauberern wörtlich“, erläutert Dickhaut. Ein eleganter Weg, um missliebige Katholiken zu diffamieren und die Andersgläubigen loszuwerden – ein Weg, der in umgekehrter Richtung ohnehin gang und gäbe war.

Bedeutung der Naturwissenschaften

Ein anderer Aspekt, den die Gruppe um Dickhaut zusammen mit dem SRC Text Studies und dessen neuer Abteilung für gesprochene Rede und Bild bearbeitet, ist der Versuch, das Theater der Zeit in seinen Entstehungsplänen und Aufführungsbedingungen wie Licht- und Raumverhältnissen zu rekonstruieren. Das besondere Interesse gilt dabei der Rolle der „magia naturalis“, dem Vorläufer der Naturwissenschaften. Die stark voranschreitende Technikentwicklung ermöglichte Bühnentechniken, mit denen sich die illusionistische Welt nachbauen und der Zuschauer immer mehr in diese hineinnehmen ließ. In dem Teilprojekt „Der Magus auf der Bühne“ untersucht Doktorand Stefan Bayer dies für die Komödie des 16. Jahrhunderts. Theatergebäude gab es damals noch nicht. Daher wurden die Theaterfiguren kurzerhand in Watte verpackt und an einer Seilwinde über die Bühne gezogen. „Das wirkte dann, als ob sie schweben“, beschreibt Dickhaut die Szenerie. Ähnlich entstand das Fegefeuer: Die Flammen wurden gemalt und von einer Windmaschine in Bewegung gebracht, ein deus ex machina blies aus dem Untergrund die Teufelchen hinein.

 

Dosso Dossi, Giovanni Luteri: Circe, die Zauberin, ca. 1520 (c) Alinari Archives / Magliani
Dosso Dossi, Giovanni Luteri: Circe, die Zauberin, ca. 1520

Kein Randphänomen

Nur aus aufklärerischer Sicht seien die magischen Gestalten der Renaissance ein Randphänomen, meint Dickhaut. „Tatsächlich sind sie ein zentrales Thema.“ Diese Diskrepanz in der Wahrnehmung könnte auch damit zusammenhängen, dass nicht nur die Inquisitoren, sondern auch die Autoren meist Männer waren, während auf Seiten der Opfer mit rund 70 Prozent vor allem Frauen verurteilt wurden. Dies führt nicht nur zu einer stark männlich dominierten Literaturgeschichte, sondern auch zu einer Vorstellung von Herrschaftswissen, die stark männlich geprägt ist. Eine stärkere Berücksichtigung der fiktionalen Rolle von Hexen in der Literaturwissenschaft könne daher die Sicht auf die Renaissance verrücken: „An ihnen spiegelt sich, was in der Zeit verhandelt wurde.“

Andrea Mayer-Grenu

Magische(s) Gestalten in der christlichen Welt

Über die Bedeutung von Zauberern, Magiern und Hexen und ihre »Lenkung der Dinge« in der italienischen Literatur der Renaissance

Zur Projektseite

Prof. Kirsten Dickhaut
Institut für Literaturwissenschaft (Romanische Literaturen I)
Tel. 0711/685 83110
E-Mail

Kurzporträt

Dieses Bild zeigt Mayer-Grenu
 

Andrea Mayer-Grenu

Wissenschaftsreferentin; Forschungspublikationen