Neuland Studium: Wenn die Eltern keine Akademiker sind

Für die einen ist das Abitur und ein sich daran anschließendes Studium so sicher wie das Amen in der Kirche, während andere lange mit der Entscheidung für oder gegen ein Studium ringen. Wie kommt dieser Unterschied zustande? Welche Rolle spielt das Umfeld, in dem man groß wird – und welche Hürden müssen junge Studierende bewältigen, die als Erste in ihrer Familie studieren? Anna* und Thomas* erzählen von ihren Erfahrungen.

Anna (22) studiert Architektur (Bachelor)

Traumberuf Architektin.
Quelle: Pixabay.com

In Annas Familie ist sie die Erste, die ein Studium aufgenommen hat. „Meine Eltern waren anfangs so gar nicht begeistert“, sagt sie. Weder ihr Vater noch ihre Mutter haben studiert und auch sonst ist sie in der Verwandtschaft eine Pionierin. Ihre Eltern leben das traditionelle Ehemodell: Der Vater arbeitet als Beamter für eine Behörde, die Mutter ist in erster Linie für die Erziehung der Kinder und den Haushalt zuständig. Anna hat zwei jüngere Geschwister – einen Bruder im Grundschulalter und eine Schwester, die kurz vor ihrem sechzehnten Lebensjahr steht. „Aber ich wollte unbedingt studieren. Mein Traumberuf lässt sich nur mit einem Studium verwirklichen“, fährt sie fort.

Ihr Ziel ist es, als Architektin zu arbeiten und sie wusste auch ganz genau, wo sie studieren wollte: Japan sollte es sein. Aber der Weg dorthin war und ist steinig – und vor allem auch teuer. „Meine Eltern haben versucht, mir meinen Traum auszureden. Nicht, weil sie es mir nicht zutrauen, sondern weil es bei uns nicht üblich ist, dass man studiert, außer man möchte Arzt oder Jurist werden.“ Dann lacht sie. „Aber mit beidem kann man mich jagen.“ Das Schwierigste sei für sie gewesen, niemanden zu haben, den sie um Rat fragen konnte. „Fast alle Infos musste ich mir alleine beschaffen, was ja schon schwierig genug für ein Studium innerhalb von Deutschland ist. Im Ausland gibt es aber noch ganz viele andere Dinge zu berücksichtigen, die ich anfangs so gar nicht auf dem Schirm hatte.“ Deshalb sei das erste Semester besonders schlimm gewesen. Zusätzlich zu allem anderen musste sie nämlich noch Japanisch lernen. Ihre Basiskenntnisse reichten dafür bei Weitem nicht aus. „Ich war immer wieder kurz davor, einfach alles hinzuschmeißen“, sagt sie. „Aber aufgeben kommt nicht infrage.“ Sie hofft, dass ihre Geschwister es in Zukunft leichter haben.

Thomas (23) studiert Deutsch und Geschichte (Lehramt an Gymnasien)

Lehen und lernen.
Quelle: Pixabay.com

Thomas hat ähnliche Erfahrungen gemacht. Seinen Eltern gehört eine gut laufende Werkstatt, für deren Erhalt beide Eltern hart arbeiten. Sein Vater ging lange Zeit davon aus, dass er die Werkstatt eines Tages übernehmen würde.

Tatsächlich sah es anfangs auch so aus. „Ich war ein durchschnittlicher Schüler, nicht besonders gut, nicht besonders schlecht. Als ich in die zehnte Klasse kam, hatte ich immer weniger Lust auf die Schule. Freunde zu treffen und zu zocken war wichtiger. Und da ich sowieso den Laden meiner Eltern übernehmen sollte, war es für beide okay, als ich nach der Zehnten aufhörte und eine Ausbildung zum Mechatroniker begann.“ Thomas zuckt die Schultern. „Obwohl ich öfter in der Werkstatt ausgeholfen habe, habe ich ziemlich schnell gemerkt, dass das nicht mein Weg ist.“

Er erklärt, dass vor allem sein Vater ihm diese Entscheidung übel nahm, während seine Mutter ihn dabei unterstützte, herauszufinden, wie es nach der abgebrochenen Ausbildung weitergehen sollte. Schließlich entschied er sich, das Abitur nachzuholen. Tagsüber half er in der Werkstatt aus, abends fand er sich auf der Schulbank wieder. Inzwischen studiert er seit drei Semestern. Besonders im ersten Semester hatte er große Schwierigkeiten, sich an der Uni zurechtzufinden. Es war ihm nicht in den Sinn gekommen, sich an jemanden zu wenden, der seine Lage verstand. Er wollte es mit sich selbst ausmachen, vor allem, um seinem Vater zu beweisen, dass er die richtige Entscheidung getroffen hatte. Inzwischen sieht er das anders: „Man muss es sich nicht schwerer machen, als nötig. Die Energie, die ich am Anfang in Organisation und Finanzierung gesteckt habe, hätte ich ebenso gut für die Inhalte gebrauchen können. Aber hinterher ist man oft schlauer.“ Mit dem Wissen von heute würde er einiges anders machen.

Neuland Studium

Neuland betreten – wo geht’s lang?
Quelle: Pixabay.com

Anna und Thomas sind keine Einzelfälle. Während es für angehende Studierende, deren Eltern bereits ein Studium abgeschlossen haben, kaum einen Zweifel darüber gibt, ob und wie sie ein Studium bewältigen können – und sie darüber hinaus auf einen breiten Erfahrungsschatz zurückgreifen können – stehen andere mit leeren Händen da. Natürlich gibt es im Zeitalter des Internets unzählige Möglichkeiten, sich zu informieren, aber viele Ängste und Sorgen lassen sich dadurch trotzdem nicht beseitigen.

Denn das Problem beschränkt sich nicht auf den fehlenden Erfahrungsschatz, sondern geht weit darüber hinaus. Ein Studium anstelle einer vermeintlich „soliden“ Ausbildung stellt in Nichtakademiker-Familien oftmals keine Selbstverständlichkeit dar, was sich zuweilen auch im Habitus zeigen kann. Etwas überspitzt ausgedrückt: Während sich die einen mit einer gewissen Selbstverständlichkeit durch die Uni bewegen, handelt es sich für junge Erwachsene, die als Erste oder Erster studieren, um ein völlig neues Terrain,  das es zu erschließen gilt. Das beginnt bei so simplen Dingen wie den richtigen Anlaufstellen und endet bei diversen bürokratischen und finanziellen Hürden.

Nicht selten wird dabei Potenzial verschenkt, wenn junge Studierende aus Unkenntnis, fehlenden Ansprechpartnern und/oder Überforderung heraus ihr Studium abbrechen – oder es bis zur Zwangsexmatrikulation Semester um Semester verlängern. Viele sind sich über die Informations- und Fördermöglichkeiten im Unklaren, die ihnen häufig von den Universitäten selbst bereitgestellt werden. Eine weitere wichtige Anlaufstelle neben den universitären Beratungsstellen ist etwa ArbeiterKind.de. Ihr habt noch nie davon gehört? Dann wird es aber höchste Zeit!

Was ist ArbeiterKind.de?

ArbeiterKind.de ist eine gemeinnützige Unternehmensgesellschaft zur Förderung des Hochschulstudiums von Nicht-Akademikerkindern. Sie besteht aus Ehrenamtlichen, die sich dafür einsetzen, Schülerinnen und Schüler bundesweit über die Chancen und Möglichkeiten zu informieren, ein Studium aufzunehmen. Interessierte Schülerinnen und Schüler werden dabei vom Studienbeginn bis zum Berufseinstieg begleitet und sind nicht länger völlig auf sich alleine gestellt. Die Ehrenamtlichen schöpfen dabei aus ihren eigenen Erfahrungen als Noch-Studierende oder sind „Akademiker und Akademikerinnen erster Generation“. Doch warum ist das wichtig?

Studieren ist (k)eine Frage der Herkunft.
Quelle: Pixabay.com

Man kann im Grunde genommen gar nicht früh genug damit beginnen, Schülerinnen und Schüler auf ihre Möglichkeiten aufmerksam zu machen – aber mindestens ebenso wichtig ist es, eine Unterstützung anzubieten, die über die reine Informationsbereitstellung hinausgeht.

Dabei gilt es jedoch mehrere Hürden zu überwinden: Viele scheuen sich davor, sich als „Arbeiterkinder“ zu outen. Bei einigen spielt auch das Elternhaus eine nicht unwesentliche Rolle, denn wer möchte (sofern man die Wahl hat) seine Eltern schon gerne als „Arbeiterin“ oder „Arbeiter“ titulieren? Aber auch die Eltern selbst können es ablehnen, sogenannten „Arbeitern“ zugeordnet zu werden. So können sich schon früh Hemmschwellen aufbauen, den beruflichen Hintergrund der Eltern zum Thema zu machen (oder machen zu müssen). Einige wollen außerdem ihren eigenen Weg gehen – und zwar unabhängig von ihrer Familie, häufig verbunden mit der Annahme, keine fremde Hilfe in Anspruch nehmen zu dürfen, sondern alles aus eigener Kraft heraus meistern zu müssen.

Umso wichtiger ist es, frühzeitig dafür zu sorgen, vermeintliche oder tatsächliche Stigmatisierungen durch die Bezeichnung „Arbeiterkinder“ aufzulösen, um stattdessen Aufklärung zu betreiben und etwaige Hemmschwellen abzubauen.

Was bietet ArbeiterKind.de?

Die wesentlichen Säulen von ArbeiterKind.de sind Informationsbereitstellung und Unterstützung in Form von Mentoring, und zwar von von der Schule bis zum Studium, vom Studium bis zum Abschluss – und schließlich vom Abschluss bis zum Berufseinstieg. Neben zentralen Fragen wie der Finanzierung eines Studiums (oder eines Auslandssemesters) oder der Bewerbung um Stipendien werden auch Fragen rund um den Studienalltag und die Studienorganisation beantwortet.

Gemeinsam statt einsam!
Quelle: Pixabay.com

Angehende Studierende profitieren vor allem von den persönlichen Erfahrungen ihrer Mentorinnen und Mentoren, die die mit dem Studium verbundenen Schwierigkeiten am eigenen Leib erfuhren und ihr daraus gewonnenes Wissen an künftige Studierende weitergeben wollen. Es geht auch darum, eine Community zu bilden, die vor ähnlichen Herausforderungen steht, um das Gefühl des Einzelkämpfertums im Studium abzuschwächen und junge Erwachsene ihr volles Potenzial ausschöpfen zu lassen.

Seit 2014 ist ArbeiterKind.de auch an der Universität Stuttgart vertreten. Ihr könnt euch per E-Mail an sie wenden oder euch in der Stuttgarter Gruppe zunächst einmal informieren. Kleiner Tipp: Jeden dritten Mittwoch eines Monats findet ein offener Stammtisch im Forum3-Café (Gymnasiumstraße, Haltestelle „Stadtmitte“) in Stuttgart statt, an dem ihr auch ohne Vorankündigung teilnehmen könnt.

Ich wünsche euch alles Gute fürs Studium!

Romy

*Namen geändert

Quelle: www.arbeiterkind.de, www.student.uni-stuttgart.de

Ich bin Romy, 29 Jahre alt und studiere Psychologie, meine zweite große Leidenschaft neben der Literatur. Zuhause bin ich vor allem in der Prosa, betreibe gelegentlich Lyrik und blogge außerdem seit einigen Jahren zu literarischen und psychologischen Themen. Mein Erststudium habe ich in Deutscher Literatur und Slavistik (BA) und anschließend Literaturwissenschaft: Germanistik (MA) abgeschlossen. Herzliche Grüße an alle Mitstudierenden! PS: Wir lesen uns.

2 thoughts on “Neuland Studium: Wenn die Eltern keine Akademiker sind

  1. Mark sagt:

    Wenn das Studium der Zahnmedizin alleine an Materialkosten, die man selbst tragen muss ca. 16T€ kostet, dann ist das natürlich für kinder von Nicht-Akademikern sehr schwer sich das zu leisten. Die Arbeit von arbeiterkind.de ist sehr sehr wichtig um diese Problematik zu durchbrechen. Sehr gut, und weiter so.

    1. Romy sagt:

      Hallo Mark,
      danke für deinen Kommentar!
      Ich sehe das anders: In deinem Beispiel spielt es meiner Meinung nach keine Rolle, ob es sich um Akademiker(eltern) handelt oder nicht – hier zählt tatsächlich der rein finanzielle Background bzw. die Finanzstärke, wenn man von Krediten etc. absieht.
      Nach einiger Recherche bin ich auf andere Kosten gekommen bin als du – es fallen ca. 10.000 EUR für das Studium der Zahnmedizin an (und auch darunter).
      Was die Bedeutung von ArbeiterKind.de angeht, stimme ich dir jedoch zu: Sie leisten einen wichtigen Beitrag für angehende Studierende.

      Liebe Grüße,
      Romy

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*