Schluss mit Schreibblockaden

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Ob Papers, Essays, Seminar- oder Abschlussarbeiten – kaum ein Studiengang kommt ohne eine schriftliche wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Fragestellungen aus. Je nach Studiengang überrollt euch jedes Semester eine Flut davon. Um allmählich eine gewisse Schreibroutine zu entwickeln und euch die Angst vor dem leeren Blatt zu nehmen, findet ihr hier einige Ansätze um Schreibblockaden zu überwinden – oder im besten Fall erst gar nicht entstehen zu lassen!

Es liegen ganze Welten zwischen den Texten, die ihr zu Schulzeiten verfassen musstet, und den wissenschaftlichen Arbeiten, die ihr an der Uni einreichen müsst. Gerade, wenn es sich um eure erste Seminararbeit handelt, steht ihr vielleicht vor einer großen Herausforderung, an der ihr aus zwei Gründen scheitern könnt:

Ihr nehmt das Ganze zu locker, übergeht die Basics wissenschaftlichen Schreibens und liefert eine schnell heruntergeschriebene Arbeit ab, ohne euch die Mühe zu machen, sie sorgfältig zu überarbeiten. Oder aber ihr neigt aus Angst vor Fehlern dazu, die Arbeit ewig vor euch herzuschieben und euch mit allem anderen zu beschäftigen, nur nicht damit – und frönt damit der Prokrastination. Trotz schlechten Gewissens starrt ihr auf weiße Monitore und wisst nicht, wo ihr anfangen sollt. Woher kommt das?

Ein paar Irrtümer rund ums Schreiben

Selbst im wissenschaftlichen Bereich kursieren noch immer einige Irrtümer und Mythen, die sich um das Verfassen von guten bis sehr guten Texten drehen.

Faktencheck: Welche Irrtümer kursieren rund ums Schreiben?
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Einige von ihnen beziehen sich auf die Art des Schreibens von Texten und die äußeren Bedingungen, unter denen Texte entstehen, während andere mit inneren Überzeugungen – sogenannte Glaubensmuster – zu tun haben.

Im nachfolgenden Abschnitt möchte ich auf einige dieser Annahmen eingehen und sie auf ihre Richtigkeit hin überprüfen. Warum? Weil keinerlei Magie hinter dem Schreiben von Texten jeglicher Art steckt, sondern ein gut sortierter Werkzeugkasten verschiedener Fähigkeiten, die ihr im ersten Schritt erlernen und im zweiten Schritt verbessern könnt, wenn ihr erst einmal einige dieser lästigen Blockaden abgeschüttelt habt.

Irrtum Nr. 1 : Exzellente Texte entstehen in einem Rutsch bzw. aus einem Guss. Wenn sie nicht auf Anhieb gelingen, sind sie miserabel. 

Die Angst vor dem leeren Blatt. Völlig unbegründet?
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Das ist definitiv eine falsche Annahme und wer auch immer behauptet hat, dass die besten Texte in einem Durchgang geschrieben werden, ist auf dem Holzweg. Jede Textform benötigt Zeit für Überarbeitung – und wissenschaftliche Texte bilden da keine Ausnahme. Die Überarbeitung beinhaltet nicht nur formale Korrekturen wie Zeichensetzung, Grammatik oder Rechtschreibung, sondern auch und vor allem eine inhaltliche Korrektur. Letzteres betrifft zum einen den Stil (eine wissenschaftliche Arbeit verlangt einen anderen Stil als etwa ein Prosatext), zum anderen aber auch die innere Logik eines Textes – etwa ob gezogene Schlussfolgerungen gerechtfertigt sind, ins Leere gehen oder sich widersprechen.

Tatsächlich durchläuft ein inhaltlich und formal ansprechender Text mehrere Korrekturdurchläufe, bis er abgabebereit ist. Deshalb spielt der Zeitfaktor eine nicht unwesentliche Rolle.

Irrtum Nr. 2: Die Einleitung zu einer wissenschaftlichen Arbeit wird direkt am Anfang geschrieben.

Auch wenn die Einleitung dazu dient, in die Fragestellung eurer Arbeit einzuführen und kurz ihren Aufbau sowie ihre Zielsetzung darzustellen, so ist es trotzdem vertane Zeit, wenn ihr die Einleitung direkt am Anfang eurer Arbeit schreibt. Wieso? Das ist relativ simpel zu erklären: Solange eure Arbeit noch nicht endgültig steht, werdet ihr im Verlauf des Schreibprozesses immer wieder Passagen umschreiben, einzelne Gliederungspunkte neu sortieren und/oder ganz streichen, was eure eingangs verfasste Einleitung zwangsläufig über den Haufen werfen wird. Daher mein Tipp: Die Einleitung erst dann schreiben, wenn der formale und inhaltliche Teil der Arbeit fertig und abgeschlossen sind, sprich der Haupt- und Schlussteil eurer Arbeit stehen.

Irrtum Nr. 3: Ich kann sowieso nichts Gutes aufs Papier bzw. den Monitor bringen.

Kann ich nicht – kann ich doch!
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Hier kommt eine Überzeugung ins Spiel, der oftmals eine lange Leidensgeschichte vorausgeht, beginnend in der Schulzeit, wenn die eigenen Texte wiederholt von Lehrkräften in der Luft zerrissen wurden.

Aber auch gut bewertete Texte können vor dem Hintergrund von empfundener Unzulänglichkeit entstehen, wenn der oder die Verfasserin die Bewertung nicht auf ihre eigene Leistung zurückführt, sondern auf die (positive) Voreingenommenheit der Lehrkraft. So bleibt die Bildung einer wachsenden Schreibkompetenz aus, verbunden mit einer wiederholten Erfahrung von Verunsicherung, weil die erhaltene Bewertung mit der empfundenen Qualität der Leistung weit auseinanderklafft (Münchhausen-Syndrom). Empfehlenswert ist daher der Besuch der Schreibwerkstatt der Universität Stuttgart, wo ihr rund ums wissenschaftliche Schreiben beraten werdet und Hilfestellungen zu euren Fragen erhaltet.

Irrtum Nr. 4: Erst wenn ich alle erdenkliche Literatur zu einem Thema gelesen habe, kann ich mit dem Schreiben beginnen.

Verloren im Bücherdschungel.
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Woche um Woche verstreicht, der gelesene und exzerpierte Bücherberg wird immer größer, aber wenn ihr die Textdatei mit eurer Seminar- oder Abschlussarbeit aufruft, herrscht gähnende Leere in eurem Kopf und auf eurem Monitor.

Natürlich ist eine sorgfältige Literaturrecherche wichtig, bevor ihr mit dem eigentlichen Verfassen beginnt. Aber sorgfältig heißt eben nicht, dass ihr den Anspruch erfüllen müsst, die gesamte Literatur zu einem Thema rezipiert zu haben, sondern nur den Teil, der auf eurer Thema bzw. eure Fragestellung zugeschnitten ist. Dazu müsst ihr meist aktuelle Forschungsliteratur heranziehen und nicht schon bei Adam und Eva beginnen. Hier empfiehlt es sich, sich im Zweifel bei den Dozierenden zu erkundigen.

Irrtum Nr. 5: Nur in der „richtigen“ Stimmung kann ich gut schreiben.

In der perfekten Stimmung zum Schreiben.
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Ihr sitzt stundenlang vor dem Rechner und wartet auf die richtige Eingebung, um mit dem Schreiben beginnen zu können. Oder aber ihr verbringt Stunde um Stunde damit, Unterlagen zu wälzen, Recherche zu tätigen und eure Notizen durchzugehen, um bloß nicht schreiben zu müssen. Was steckt dahinter?

Mit Sicherheit habt ihr vom Konzept des „Flow“ gehört. Falls nicht, hier eine kurze Definition: Beim „Flow“ handelt sich um einen „Zustand höchster Konzentration und völliger Versunkenheit in eine Tätigkeit“. Was ihr in diesem Zustand erlebt, ist von positiven Gefühlen begleitet und macht euch die Tätigkeit sehr angenehm. Die Dinge scheinen wie von selbst zu laufen. Doch darauf zu warten, dass dieser Zustand eintritt, ist wenig hilfreich. Denn um in einen „Flow“ zu kommen, müsst ihr überhaupt erst einmal mit der Tätigkeit beginnen. In unserem Fall bedeutet dies konkret, dass ihr euch ans Schreiben machen müsst – und wenn es zu Beginn nur unsortierte Stichpunkte sind!

Mögliche Ursachen für Schreibblockaden

Nachdem wir nun mit 5 Irrtümern aufgeräumt haben (es gibt natürlich noch sehr viel mehr), wenden wir uns einigen Strategien zu, wie ihr Schreibblockaden – die oftmals mit Denkblockaden einhergehen – verhindern könnt, noch bevor sie auftauchen bzw. sie überwinden, wenn sie bereits aufgetreten sind.

Perfektion lähmt.
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Noch einmal: In den seltensten Fällen haben Schreibblockaden damit zu tun, dass man zu faul dafür ist, den geforderten Text zu verfassen. Stattdessen steht oft der Glaube im Vordergrund, an dieser Aufgabe zu scheitern (Versagensangst) – oder direkt beim ersten Anlauf einen fehlerfreien, treffend formulierten Text aufs Papier bzw. den Monitor bringen zu müssen (Leistungsdruck). Ein weiterer Punkt ist die Suche nach dem vermeintlich perfekten Einstieg in den Text, der den Schreibprozess blockiert. Manchmal fehlt auch einfach ein konkreter Plan bzw. eine Struktur, um den Text schreiben zu können. Und auch negative Vorerfahrungen hemmen den Schreibfluss, statt ihn zu fördern. Höchste Zeit also, diese Blockaden anzugehen!

How to: Schreibblockade(n) überwinden

Planlos – und jetzt?
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Schritt 1: Ursachenforschung betreiben! Findet zunächst heraus, was euch wirklich blockiert – und das ist meistens nicht der noch anstehende Haushalt. Ist eure Fragestellung nicht klar genug abgegrenzt? Wisst ihr nicht, welche Literatur für euer Thema relevant ist? Habt ihr keine Ahnung, welches Thema ihr überhaupt wählen sollt? Handelt es sich um eure erste wissenschaftliche Arbeit und ihr wisst nicht, wie der formale Aufbau aussieht und welche Regeln ihr berücksichtigen müsst? Findet heraus, was euch blockiert und vom Schreiben abhält!

Schritt 2: Ursachen bewältigen! Ihr habt eine erste Ahnung, was euch am Schreiben hindert. Zum Beispiel treffen gleich mehrere Punkte zu: Ihr seid im ersten Semester, habt noch nie eine Seminararbeit geschrieben und das Thema könnt ihr aufgrund mangelnder Erfahrung noch gar nicht selbst eingrenzen, geschweige denn überblicken. Was tun? In diesem Fall vereinbart ihr schleunigst einen Termin mit eurem Dozenten oder eurer Dozentin, um die Arbeit und ihre Fragestellung zu besprechen. Bereitet euch auf das Gespräch am besten mit Notizen vor, damit ihr eure Fragen an Ort und Stelle loswerden könnt und nicht planlos vor euch hinstottert oder Wichtiges zu fragen vergesst.

Keine zündende Idee?
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Schritt 3: Ideen sammeln und Struktur herstellen! Vor dem aktiven Schreiben lohnt es sich, ein paar grobe Ideen zu sammeln. Welche Aspekte beinhaltet das Thema der Arbeit, welche gehen darüber hinaus und sind eher ein Thema für den Schlussteil bzw. Ausblick? Wo werden in der Forschung kontroverse Meinungen vertreten, wo liegen Gemeinsamkeiten vor? Stellt dabei Fragen wie: Worauf zielt mein Text ab? Welche Frage(stellung) soll er beantworten? Was reflektiert er? Wo spricht er neue, bislang unbeachtete Aspekte an? Wo geht er konform mit bestehender Forschung, wo nicht? Handelt es sich um ein Review von Studien?

Anhand solcher und ähnlicher Fragen könnt ihr euch zu Beginn des Schreibprozesses entlanghangeln, um eine erste Struktur in den Text zu bekommen. Sobald ihr diese Fragen beantworten könnt, wird es Zeit für die formale Struktur der Arbeit. Informiert euch über die wissenschaftlichen Standards, denen ihr genügen müsst. Schaut euch Beispiel-/Musterhausarbeiten an, die oftmals von den Lehrstühlen bereitgestellt werden, um euch einen ersten Eindruck davon zu geben, wie eure Arbeit v. a. formal aufgebaut sein soll. Zwischen den einzelnen Studiengängen – und zuweilen auch den einzelnen Dozierenden – bestehen zudem immer wieder Unterschiede hinsichtlich der Zitation, also macht euch vorher schlau, mit welcher Zitation ihr arbeiten müsst.

Zeit zu schreiben – und zwar genau jetzt!
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Schritt 4: Schreiben! Ja, aber … Kein Aber! Die Fragestellung steht, eine sinnvolle Gliederung habt ihr ebenfalls erarbeitet (am besten auch mit dem/der Dozierenden abgesprochen), dann heißt es jetzt: Ran ans Schreiben! Hier dürft ihr nur nicht in die Perfektionsfalle tappen! Was damit gemeint ist, habe ich in den Irrtümern 1 bis 5 ausführlich besprochen.

Der Text, den ihr jetzt schreibt, ist nichts weiter als ein Rohentwurf. Das bedeutet, er darf und soll noch geschliffen, überarbeitet und bei Bedarf auch umstrukturiert werden. Wichtig ist nur, dass ihr überhaupt erst in den Schreibfluss kommt. Flapsige Formulierungen, Stichpunkte statt ausgeschriebener Sätze sind an diesem Punkt noch völlig in Ordnung, solange ihr im Schreibfluss bleibt.

Schritt 5: Ruhen lassen! Auch wenn ihr eine knappe Deadline für die Abgabe habt, empfehle ich euch trotzdem, den fertigen Text einige Tage – im günstigsten Fall sogar einige Wochen – liegen zu lassen. Mit etwas zeitlichem Abstand kommt ihr leeren Worthülsen, unnötigen Wiederholungen und/oder inhaltlichen Fehlern im Allgemeinen viel eher auf die Schliche. Am besten funktioniert die Korrektur meiner Erfahrung nach, wenn ihr den Text ausgedruckt vor euch liegen habt und in die distanzierte Rolle eines bzw. einer Lektorin schlüpft, die sich den Text wohlwollend, aber auch kritisch vornimmt.

Nach Möglichkeit solltet ihr euren Text zusätzlich einem Freund oder einer Freundin geben, die mit dem Inhalt eher wenig anfangen kann. Weshalb? Je unvoreingenommener Lesende sind, desto klarer zeigt sich bei ihrer Lektüre, ob es euch gelungen ist, einen Sachverhalt verständlich darzustellen. Gerade hinter kompliziert verschachtelten und mit Fremdwörtern gespickten Formulierungen verbergen sich oft Unsicherheiten und Angst davor, als ahnungslos enttarnt zu werden. Falls ihr mit solchen Ängsten kämpft, solltet ihr erwägen, das Angebot der Schreibwerkstatt zu nutzen oder einen Termin mit dem Dozenten vereinbaren, um etwaige Unklarheiten oder Unsicherheiten zu beseitigen.

Schritt 6: Gut ist gut genug! Ihr habt euren Text fertiggeschrieben, ihn eine Weile ruhen lassen und ihn anschließend sorgfältig überarbeitet, vielleicht auch Freundinnen oder Freunden zum Lesen gegeben. Bevor ihr also zum hundertsten Mal eure Datei durchgeht und sie akribisch auf Fehler untersucht, stellt euch ehrlich die Frage, ob es nicht langsam genug ist. Auch wenn die Perfektionistinnen und Perfektionisten unter euch aufschreien mögen – gut ist gut genug.

Niemand erwartet von euch, dass eure Arbeit direkt nobelpreisverdächtig ausfällt – in der Regel geht es nur darum zu zeigen, dass ihr solide wissenschaftlich arbeiten könnt, d. h. konkrete Fragestellungen unter der Berücksichtigung wissenschaftlicher Regeln und Praktiken untersuchen könnt. Und dazu gehört es nun einmal, immer wieder zu üben. Jede Arbeit, die ihr verfasst, verschafft euch anhand des Feedbacks der Dozierenden einen ungefähren Eindruck davon, wo ihr gerade in eurer (Schreib-) Entwicklung steht.

Schritt 7: Belohnen! Ja, das gehört tatsächlich dazu. Nach all der getanen Arbeit wollt ihr eine positive Verbindung zum Schreiben aufbauen – also belohnt euch entsprechend! Gerade wenn mehrere Arbeiten anstehen, ist die Motivation, sich gleich wieder an die nächste zu setzen, eher im Keller. Um euch selbst zu überlisten und eine positive Assoziation zum Schreiben aufzubauen, solltet ihr euch auf jeden Fall etwas Gutes tun. Ihr wisst selbst am besten, mit welchen Belohnungen sich eure Motivation hervorlocken lässt.

Zusammengefasst:

  1. Ursachenforschung
  2. Ursachenbewältigung
  3. Ideen sammeln und strukturieren
  4. Rohentwurf herunterschreiben
  5. Ruhen lassen, dann überarbeiten
  6. Gut ist gut genug
  7. Selbstbelohnung

Gutes Gelingen beim Schreiben!

Romy

PS: Ihr habt weitere Ideen, wie man Schreibblockaden loswerden kann? Oder ihr habt eigene Schreibroutinen entwickelt? Lasst uns gerne daran teilhaben!

Quelle: www.duden.de

Ich bin Romy, 30 Jahre alt und studiere Psychologie, meine zweite große Leidenschaft neben der Literatur. Mein Erststudium habe ich mit dem Master in "Literaturwissenschaft: Germanistik" abgeschlossen. Herzliche Grüße an alle Mitstudierenden! PS: Wir lesen uns.

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