Praktikum im Land der Pyramiden

Die typischen Zielorte für ein Auslandspraktikum sind die USA, Spanien oder England. Aber was ist mit der anderen Seite der Welt? Khalid hat in Kairo sein Auslandspraktikum gemacht. Er hat Internationale Betriebswirtschaft – Interkulturelle Studien studiert und war in Ägypten bei der DAIHK im Consulting sechs Monate  tätig. Heute erzählt er uns davon.

Für viele deutsche Touristen ist Ägypten ein klassisches Ziel, wenn sie günstig in die Sonne möchten. Immer gutes Wetter, Strand und günstigere Lebensbedingungen, als in Deutschland. Aber für den Absolventen Khalid war es mehr als nur Urlaub. Er hat in Kairo gelebt und als Praktikant gearbeitet. Und das zu der Zeit, als der arabische Frühling aktuell war.

Ein Interview mit Khalid

Wieso hast du ein Auslandspraktikum gemacht?

Ich bin schon seit meiner Jugend daran interessiert, wie Menschen in anderen Kulturen ihren Alltag meistern. Ich habe ein besonderes Interesse an der arabische Kultur, aufgrund meiner palästinensischen Wurzeln. Inzwischen betrachte ich es als meine persönliche Identitätsfindung als Bi-kultureller zwischen der deutschen und der palästinensischen beziehungsweise arabischen Kultur. Das beeinflusste auch die Wahl meines Studiums, sowie das Interesse in einem internationalen Umfeld tätig sein zu wollen. Um herauszufinden, ob eine Beschäftigung im arabischen Raum auch das Richtige für mich ist, entschied ich mich zunächst für ein Studiensemester in Kairo, wo ich anschließend ein Praktikum absolviert hatte.

Wie bist du zu deinem Praktikum gekommen?

Während meines Bewerbungsprozesses befand ich mich ja wie gesagt schon in Kairo. Mein damaliger Kommilitone aus Deutschland hatte sich bei der DAIHK beworben und fragte mich, ob solch ein Praktikum auch für mich in Frage käme. Ich fand die Stellenausschreibung interessant und bewarb mich daraufhin dort. Die DAIHK ist die grösste bilaterale Wirtschaftsorganisation im Rahmen der deutsch-arabischen Beziehungen. Sie spielt eine zentrale Rolle in der wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Ägypten und Deutschland.

Was hast du bei der Planung beachtet? 

Neben meinem kulturellen Interesse, habe ich in erster Linie die Richtlinien meiner Hochschule in Bezug auf die Anerkennung des praktischen Studiensemesters beachten müssen. Dazu gehören unter anderen die Gewährleistung von mindestens 100 Präsenztagen innerhalb des Praktikumszeitraums, ohne Urlaubs- und Krankheitstagen. Das hat man uns so oft gesagt, dass ich es bis heute noch weiß. Da ein Praktikum bei einer Handelskammer nicht vergütet wird, habe ich darauf geachtet rechtzeitig Auslands-BAföG zu beantragen. In meinem Fall war es so, dass ich das BAföG ein halbes Jahr vor Antritt des Praktikums beantragen musste, sodass ich es auch rechtzeitig empfangen konnte. Ich hatte mich auch bei meinem Kreditkartenunternehmen über Fremdwährungsumrechnungen und -gebühren und die Möglichkeit kostenlos Bargeld abheben zu können, informiert. Zudem habe ich mich über die Reisebestimmungen für deutsche Staatsbürger informiert. Zu der Zeit war es auch wichtig immer die politische Lage Ägyptens, nach der Revolution von 2011 und nach der militärischen Machtübernahme in 2013, im Auge zu behalten. Natürlich war es auch wichtig genügend Zeit für die Praktikums- und Wohnungssuche einzuplanen. Bezüglich der Wohnungssuche vor Ort hatte ich nur eine zusätzliche Woche vor Praktikumsbeginn eingeplant, was definitiv nicht ausreichend war. Die Bewerbungen für das Auslandspraktikum habe ich über sechs Monate vor Praktikumsbeginn abgeschickt. Nach unzähligen Absagen war ich kurz davor aufzugeben, aber nach einer langen Wartezeit erhielt ich fünf Zusagen, davon drei aus Ägypten. Ich hatte nun überraschenderweise die Wahl mir einen Praktikumsplatz auszusuchen.

Was war deine schönste Erfahrung?

Eine meiner schönsten Erfahrungen war es die Möglichkeit zu haben mit Menschen in den unterschiedlichsten beruflichen Positionen aus unterschiedlichen Kulturkreisen kennen zu lernen und Kontakte knüpfen zu können. Alles war dabei – von Geschäftsleuten bis hin zu Politikern und Vertretern von internationalen Institutionen, wie der Internationale Währungsfonds. Ich konnte Wirtschaftspolitik zwischen Deutschen, Ägyptern und gelegentlich auch anderen Internationals hautnah miterleben. Außerdem hatte ich noch nie in meinem Leben so viele Nationalitäten in einem Land kennengelernt, wie in Ägypten. Ich habe fast alle arabische und viele afrikanische Nationalitäten allein in Kairo getroffen. Im Norden, in Alexandria traf ich viele Ägypter, die ihren Ursprung in Griechenland hatten. Und im Süden nahe der Grenze zum Sudan waren es hauptsächlich Nubier. Ich hatte auch erst in Ägypten das erste Mal einen Palästinenser aus dem Gaza-Streifen kennengelernt. In Israel und auch im Westjordanland ist es für mich inzwischen fast unmöglich jemanden von dort anzutreffen.

Was war deine schlechteste Erfahrung?

Um ehrlich zu sein, habe ich in Bezug auf das Praktikum keine Erinnerung, die ich als schlecht bezeichnen würde. Gesellschaftlich hatte ich aber einige schlechte Erfahrungen machen müssen. Ich wurde gelegentlich wegen meiner palästinensischen Herkunft in Ägypten diskriminiert. Insbesondere während der Wohnungssuche hatten einige Vermieter, aufgrund meiner Herkunft, abgelehnt mir eine Wohnung zu vermieten. Begründet wurde dies mit der Angst, dass ein palästinensischer Mieter ein Anhänger, der im Gaza-Streifen regierenden Hamas sein könnte. Mein deutscher Pass half mir dabei auch nicht wirklich. Da ich arabisch aussehe und natürlich auch arabisch spreche, wurde ich dort als Araber angesehen und nicht als Deutscher. Letztendlich konnte ich nach einer entnervenden Suche doch noch eine Wohnung finden. Irgendwie klappt es ja dann doch.

Wie ging es nach dem Praktikum weiter?

Zurück in Deutschland musste ich erst realisieren, dass ich tatsächlich wieder in Deutschland war und mein altes Leben nun weiterging. Das hatte einige Tage gebraucht. Komischerweise hatte ich erst dann einen Kulturschock. Ich denke, es liegt daran, dass ich mich an das Leben, also die Arbeit und die erste eigene Wohnung in Ägypten schnell gewöhnt hatte. Inzwischen war ich insgesamt ein Jahr in Ägypten gewesen. Mir gefiel dieses Leben. Durch das folgende Semester in Deutschland bin ich automatisch in die gewohnten Bahnen zurückgekehrt. Ich musste nun mein Praktikum anerkennen lassen. Außerdem hatte ich noch offene Kurse, die ich absolvieren musste. Ich suchte auch nach einem weiteren Praktikum und eine Werkstudententätigkeit in Deutschland für meine anderen BWL-Schwerpunkte. Das Praktikum bei der DAIHK umfasste vielmehr meinen Kultur- und Management-Schwerpunkt. Mir war es wichtig noch, während des Studiums unterschiedliche Arbeitsfelder kennen zu lernen.

Wie war dein Arbeitsalltag? Deine Aufgaben?

Es gab keinen bestimmten Arbeits- oder Zeitplan, an den ich mich halten musste. Wenn es einen guten Grund gab, konnte ich einen Arbeitstag auch nach sechs Stunden beenden. Es kam aber auch vor, dass an Events mehr als acht Stunden gearbeitet wurde. Wichtiger war es, die mir auferlegten Aufgaben ordentlich und sehr genau abzuwickeln. Ich durfte größtenteils selbstständig arbeiten, was aber nicht heißt, dass mir nicht geholfen wurde. Ich habe hauptsächlich an Sektorstudien über die ägyptische Volkswirtschaft für deutsche Investoren gearbeitet. Die Erarbeitung solcher Studien kann man durchaus mit dem Aufwand und Umfang einer Bachelorarbeit vergleichen. Damit wird einem eine große Verantwortung zugeteilt, was die Flexibilität und Genauigkeit in Bezug auf die Arbeits- und Zeitplanung erklärt. Gelegentlich habe ich auch auf Anfrage von deutschen Unternehmen produktspezifische Marktanalysen gemacht. Für ägyptische Investoren habe ich Artikel über deutsche Städte beziehungsweise Regionen und deren attraktivsten Industrien verfasst. Ansonsten habe ich an Events Unternehmer oder Politiker betreut, den Preisindex für deutsche Expats aktualisiert, gelegentlich von und in Arabisch übersetzt und auch meine Betreuerin auf Termine begleitet.

Was war deine größte Herausforderung?  

Die größte Herausforderung war mit der großen Verantwortung umzugehen, da eben von mir erwartet wurde fast gänzlich selbstständig zu arbeiten. Es ist toll, wenn einem Studenten eine gewisse Verantwortung übertragen wird, aber man will schließlich seine Arbeit nicht falsch machen. Vor allem, wenn deine Arbeit deutschen Investoren zur Verfügung gestellt wird. Ich überarbeitete meine Studien mehrfach, um eine Nachvollziehbarkeit zu gewährleisten. Bei einer hohen Seitenzahl verliert man leicht den Überblick. Ich kontrollierte ebenfalls meine Quellen auf Glaubwürdigkeit. Das hat immer sehr viel Zeit in Anspruch genommen. Es ist nicht dasselbe wie bei einer Hausarbeit, für die die Literatur bereits vorhanden ist. Aber mit der Zeit hatte ich ein Gefühl dafür entwickelt, was jedoch nur das Unbehagen bezüglich der großen Verantwortung nahm. Der Zeitaufwand blieb der Gleiche.

Hast du etwas von den Aufständen mitbekommen?

Ich hatte von der Revolution nichts mehr mitbekommen, aber von den Aus- und Nachwirkungen der Revolution. Ich war dabei als die Ägypter am 30.06.2013 vor dem Präsidentenpalast gegen den seit einem Jahr gewählten Präsidenten Mohammed Mursi demonstrierten. Die Demonstration war sehr friedlich und hatte vielmehr etwas von einem großen Festival, als von einer Demonstration. Das lag auch daran, dass das Militär nicht gegen die Demonstranten vorgegangen ist, wie bei der Revolution, sondern sich für die ägyptische Bevölkerung in diesem Fall aussprach. Jedoch hat das Militär im Laufe der Nacht eine Machtübernahme gestartet und den damaligen Präsidenten von seinem Amt abgesetzt. Seitdem gab es eine starke Militärpräsenz und auch Aufstände von Befürwortern des Präsidenten auf den Straßen. Darauf wurde mit einer mehrmonatigen Ausgangssperre geantwortet. In bestimmten Gebieten – auch in meinem Wohnviertel – wurden sogar Mauern zum Schutz hochgezogen. Für mich wurde es relativ schnell zum Alltag Panzerwägen und Soldaten auf den Straßen zu sehen, was aber am üblichen Alltag wenig änderte. Ich konnte immer noch alles tun, was ich vorher auch tat. Man wurde nur öfter anhand der Personalien kontrolliert. Ich konnte auch relativ einfach die Ausgangssperre umgehen, da mein Wohnviertel an drei Orte angrenzte. Wenn ich nachts noch zum Kiosk um die Ecke wollte, war ich schon in einem anderen Ort. Diesbezüglich zeigten die Wachsoldaten Verständnis. Mit der Zeit wussten sie auch, wer ich bin und machten auch Ausnahmen. Als ein neuer Präsident gewählt wurde gab es wieder häufiger Demonstrationen und auch Anschläge auf Polizeistellen. Die Demonstrationen gingen häufig durch mein Wohnviertel, da ich in einem Diplomatenviertel und nur einige Meter vom Parlament, von Botschaften und Ministerien entfernt wohnte. Aber es gab keine Anschläge oder Ausschreitungen in meinem Umfeld. Ich habe mich natürlich nicht in den Gegenden aufgehalten, in denen dies der Fall war. Ich habe es trotz allem gemocht, dort zu leben.

Welche Gefühle hast Du, wenn Du an die Zeit dort denkst?

Ich war sehr von der Vielfältigkeit und der ägyptischen Gastfreundschaft angetan. Außerdem habe ich viele Internationals in Ägypten kennengelernt, überwiegend Studenten und Journalisten. Es war sehr einfach Kontakte zu knüpfen, auch mit Einheimischen. Ich war auch sehr von der Architektur fasziniert, die vom französischen und britischen Kolonialismus und auch vom Islam sehr beeinflusst ist. Ägypten stellt für mich ein Bindeglied zwischen Europa, Afrika und der arabischen Welt dar. Kairo wird auch als politische und kulturelle Hauptstadt der gesamten arabischen Welt bezeichnet. Was ich mit am meisten vermisse, ist nach einer Party nach Hause zu gehen und den Muezzin dabei zu hören, wie er zum Morgengebet ruft. Für mich hat es viel weniger eine religiöse Bedeutung, sondern stellt vielmehr eine Erinnerung an die Zeit dar. Dass ein neuer Tag anbricht und neues auf mich wartet.

Hast du Tipps für Studenten, die auch ins Ausland möchten?

Don’t take anything for granted! Informiert euch in jeglicher Hinsicht lieber einmal mehr als einmal zu wenig über das Land, in dem ihr ein Auslandspraktikum machen wollt. Plant genug Zeit für die Vorbereitung eures Auslandspraktikums und -aufenthaltes ein. Das gilt vor allem für die Wohnungssuche. Bevor ihr euch für eine Wohnung entscheidet, schaut euch die Wohnung sehr genau an und auch die Gegend in der ihr wohnen werdet. Zeigt Empathie. Versucht nicht nach deutscher Logik eine andere Kultur zu verstehen. Das kann unbewusst zu Vorurteilen führen. In anderen Kulturen tickt man anders und bestimmte Verhaltensweisen können einem befremdlich vorkommen. Versucht euch das befremdliche Verhalten verständlich zu machen.

Vielen Dank für deine Zeit!

Wer mit Katzen spielt, darf Kratzer nicht scheuen. Das ägyptische Sprichwort sagt viel über die Erfahrungen von Khalid:  Eine Auslandserfahrung besteht nicht nur aus Abenteuer und Spaß, sondern auch aus Verantwortung und viel Arbeit. Ein Auslandspraktikum ist aber trotz Herausforderungen und nicht immer nur Easygoing immer eine Chance eine neue Welt kennen zu lernen. Wenn ihr auch Interesse habt, ein Auslandspraktikum zu machen, könnt Ihr Euch an das Internationale Zentrum der Uni Stuttgart wenden.

Feven

 

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