Unter Fremden: Linguistik

Wir teilen den Lerneifer, die Langeweile und die Stühle. Und doch verschwindet unser fachspezifisches Wissen mit uns aus dem Hörsaal, sobald wir ihn für die nächsten Studierenden räumen. Was verpassen wir eigentlich, wenn wir nichts voneinander lernen? Als symbolischer Aufruf für mehr Interdisziplinarität, berichte ich in einer fortlaufenden Reihe an Texten über fachfremde Seminare.

Neonlichter als Wörter

Wörter sind die Grundlage jeder Wissenschaft.

Der Hörsaal ist ein Ort, an dem man vorrangig Menschen kennen lernt, die an ähnlichen Themen interessiert sind, sofern sich diese mit dem Inhalt des Studiums überschneiden. So lernt man als Liebhaberin der deutschen Romantik (die Epoche, nicht der Herzschmerz) in einem literaturwissenschaftlichen Studium überproportional viele andere Interessierte dieses Themengebietes kennen. Auch als Philosophiestudentin umgibt man sich die meiste Zeit mit Leuten, die den kategorischen Imperativ wertschätzen oder über die moralische Entscheidungskraft von selbstfahrenden Autos diskutieren. Um dem inhaltlichen Einmauern entgegen zu wirken, widme ich mich in einer fortlaufenden Reihe an Texten dem unbefangenen Besuch von fachfremden Seminaren und Vorlesungen.

Studierende verschiedener Fachrichtungen befassen sich mit linguistischen Problemen

Der Titel der ersten fachfremden Veranstaltung, die ich besuche, klingt vielversprechend simpel: Einführung in die Linguistik. Ich möchte verstehen, über was der Dozierende spricht und dafür erscheint mir „Matrix Computations in Signal Processing and Machine Learning“ eher ungeeignet, eine Veranstaltung für Erstsemester und Erstsemesterinnen dagegen umso aussichtsreicher.

Wie können wir interdisziplinärer werden? (Copyright: Universität Stuttgart)

Wie können wir interdisziplinärer werden?
(Copyright: Universität Stuttgart)

Sowohl Studierende der Germanistik, der Anglistik und der Romanistik befassen sich mit linguistischen Problemen. Eine Studierende der Germanistik erzäht mir, um was es in der Einführungsvorlesung geht: „Die Linguistik ist eine Sprachwissenschaft. Sie setzt sich mit der Frage auseinander, wie eine Sprache funktioniert. Gliedern lässt sie sich in fünf Kernbereiche: Morphologie, Phonologie beziehungsweise Phonetik, Semantik, Syntax und Pragmatik.“

Linguisten entschlüsseln unter anderem, aus welchen Komponenten wir ein Wort zusammensetzen und untersuchen, wie und wo wir im Mund Konsonanten artikulieren. Dabei verwenden sie lernintensive Begriffe wie konkatenativ, Schwa und alveolar.

Der zweitgrößte Hörsaal der Stadtmitte ist bei meinem Besuch randvoll. Der Vorlesungsbeginn verzögert sich leicht, weil die Dozentin den Schalter für die Tafel nicht findet. Als sie beginnt, verwandelt sich die Masse an murmelnden und summenden Individuen in eine Schar an fleißig mitschreibenden Erstsemestern und Erstesemesterinnen.

Ein übungsreiches und forderndes Tutorium

Zum begleiteten Üben neben der Vorlesung, bieten Studierende älteren Semesters verschiedene, wöchentlich stattfindende, Tutorien an. Zumindest an einem der Tutorien sollte man regelmäßig teilnehmen. Sollte, weil die Anwesenheit nicht kontrolliert wird. Das Tutorium zur besten Zeit, dienstags um 15:45 Uhr, ist dennoch überfüllt. Die letzten Studierenden, die noch von anderen Vorlesungen in den Raum hetzen, müssen auf dem Boden Platz nehmen.

Wissenschaftliche Geräte

Wir können vom Wissen anderer profitieren.

Die Tutorin übt mit den Studierenden den Inhalt der Vorlesungen anhand von Übungsblättern. Die Studierenden müssen sich bereits mit den Begriffen auseinandgesetzt haben, um von der Menge nicht abgehängt zu werden. Das Tempo ist anspruchsvoll, gerade für die letzte Reihe, bei denen der Inhalt mancher Sätze durch eine konstante Grundlautstärke oft nur noch undeutlich ankommt. Ein übungsreiches und forderndes Tutorium kann die Studierenden ausreichend auf eine Klausur vorbereiten. Andererseits kann es manche Studierende auch leicht  abhängen. Hier könnte vielleicht eine Teilnehmerbegrenzung hilfreich sein.

Wie man sich optimal auf eine linguistische Klausur vorbereitet, erklärt mir erneut eine erfahrene Studentin: „Bei der Linguistik ist es nicht nur wichtig, theoretische Hintergründe und Regeln nachzuvollziehen, sondern auch die tatsächliche Anwendung ist von Relevanz. Daher sollte man bei Seminaren am Ball bleiben und die Ideen auch immer an konkreten Beispielen anwenden und selbst probieren!“

Jede wissenschaftliche Disziplin basiert auf Sprache. Man kann sich also leicht vorstellen, wie die Frage nach unserem Umgang mit ihr auch Diskurse in anderen Fachrichtungen auffrischen kann. Über Kommentare zu euren Erfahrungen mit interdisziplinären Projekten an der Universität Stuttgart, würde ich mich freuen.

Anna

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*