Eine Wohnung für alles

Mehrstöckiges Haus

Mehrstöckig und zweckmäßig: das Studierendenwohnheim.

Ein Jahr und verschiedene Stationen in Europa, bei denen ich bei wildfremden Menschen einzog oder mit ständig wechselnden Gästen in einem kleinen Hostel schlief, bereiteten mich nur teilweise auf meine neue Wohnsituation in Stuttgart vor. Das erste Mal einen Mietvertrag zu unterschreiben, das erste Mal ein Zimmer auf Dauer zu beziehen, das zu einem mehrstöckigen Haus, vollgepackt mit anderen Studierenden gehört, war aufregend und beklemmend zugleich.

Ich bewarb mich aus reiner Not für einen Wohnheimplatz. Die Situation in Stuttgart ist prekär, denn bezahlbare Wohnungen für Studierende ohne Kontakte sind nicht mehr als hypothetische Idealvorstellungen frischgebackener Abiturienten. Die ZEIT veröffentlichte vergangene Woche eine Erhebung, in welcher Stuttgart zu den Top Drei der deutschen Städten mit der stärksten prozentualen Erhöhung der Nettokaltmieten zwischen 2004 und 2014 zählt.

Dagegen kostete mein Zimmer im Wohnheim mit einer Größe von zwölf Quadratmetern unschlagbare 225 Euro warm, mein Anteil an der GEZ-Gebühr für die Wohnung betrug einen Euro monatlich und durch die fußläufige Nähe zum Campus und meinem Institut, sparte ich mir zusätzlich das Semesterticket für den Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart (VVS). Für längere Strecken nutzte ich einfach meinen Studierendenausweis, der ab achtzehn Uhr werktags und an Sonn- und Feiertagen ganztägig auch als Fahrausweis gilt.

Beer Pong, Tanzen und laute Musik

Da mir die Vorteile eines Wohnheimplatzes schon sehr früh bewusst waren, bewarb ich mich bereits circa sechs Monate vor Semesterbeginn beim Studierendenwerk Stuttgart. Als ich nach einigen Monaten immer noch kein Angebot erhalten hatte, schickte ich eine Nachfrage per Mail, woraufhin mir umgehend ein Platz angeboten wurde. Dass sich mehrmalige Anfragen, auch telefonisch, bei der Bewerbung auszahlen, habe ich inzwischen auch von anderen Bewohnern und Bewohnerinnen bestätigt bekommen.

Mensch fällt in Waschmaschine

An den Waschmaschinen zu verzweifeln, gehört dazu.

Nach dem Einzug lernte ich unglaublich viele Leute kennen. Den ersten Abend verbrachte ich in der Gemeinschaftsküche und in dem Glauben, ich würde mich mit meinen neuen Mitbewohnern anfreunden, bis sich meine Gesprächspartner plötzlich nach Hause verabschiedeten. Diese Begegnung sollte symbolisch für die kommenden zwei Jahre im Wohnheim werden. Untermieter, auslaufende Verträge, Kündigungen, Neueinzüge und besuchende Freunde, es herrschte reger Durchgang. Ich besuchte alle Einführungsveranstaltungen und Erstsemesterpartys mit anderen Studienanfängern und Studienanfängerinnen aus meinem Wohnheim und machte dabei nicht nur mit meinen, sondern auch mit deren Kommilitonen und Kommilitoninnen Bekanntschaft. Wir feierten auch bei uns, und zwar genau so, wie man es sich als Erstsemester vorstellt: mit Beer Pong, Tanzen und lauter Musik.

Das Bad musste ich mit sechzehn Leuten teilen

In den ruhigeren Zeiten kochten wir, musizierten, gingen ins Fitness-Studio oder hingen einfach zusammen ab. Sich in einer neuen Stadt mit neuem Lebensmittelpunkt und vielen fremden Gesichtern ein Sozialleben aufzubauen, kann sicher sehr schwierig und frustrierend sein. Mir half die neue Wohnsituation sehr, mich in der Fremde aufgenommen zu fühlen. Nicht nur, dass ich Gleichgesinnte um mich hatte, mit denen ich über alles reden konnte. Wenn mir etwas fehlte, konnte ich es im Zimmer nebenan ausleihen. Bei Fragen zur Universität, musste ich nicht lange auf einen persönlichen Erfahrungsbericht warten und wenn es mir mal schlecht ging, waren besorgte Mitbewohnerinnen zur Stelle. Das Wohnen im Kollektiv erleichtert vieles, gerade bei der Eingewöhnung in ein neues Umfeld.

Warum bin ich ausgezogen? Es war nicht alles rosig. Das Zimmer war klein, das Bad musste ich mit sechzehn Leuten teilen, manchmal wurde gestohlen. So ideal ich meinen Leben in einer riesigen Wohngemeinschaft anfangs auch fand, mit dem Einzug des Alltags kam der Wunsch nach Ruhe und nach Platz. Mittlerweile hatte ich bereits mehrfach Arbeit gefunden und ich war sicher, mir eine eigene Wohnung mit einem Nebenjob auch finanziell leisten zu können. Zudem hatte ich die richtigen Leute getroffen und konnte so letztlich in eine bereits bestehende, sehr kleine Wohngemeinschaft einziehen. Von hier kann ich mit einem Lächeln auf meine Zeit im Studierendenwohnheim zurück blicken: das war ein Kopfsprung ins Studentenleben, zum Glück ist er gelungen.

Anna

One thought on “Eine Wohnung für alles

  1. Greg sagt:

    Hallo Anna,
    ich habe im Freundeskreis ähnliche Erfahrungen gemacht. Die meisten, die in einem Wohnheim gewohnt haben, sind nach ein paar Monaten wieder ausgezogen. Die Gründe waren mit deinen fast identisch. Nach ein paar Monaten kennt man auch schon ein paar Leute in der Stadt und kann auch selbst eine WG gründen…dann sind die Wohnungen auch etwas bezahlbarer.

    VG
    Greg

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