Zu doof zum Studieren? Zweifel essen Seele auf

Aufgeben? Bloß nicht!

Aufgeben? Bloß nicht! Quelle: pixabay.com

Die meisten von uns kennen und fürchten sie – die Zweifel an sich selbst, den eigenen Fähigkeiten und der eigenen Leistung. Nichts scheint gut genug zu sein, ganz egal, wie viel Zeit und Mühe investiert wird. Dabei spielt es oft keine Rolle, ob es sich um die Seminararbeit handelt oder das tägliche Lernpensum, das bewältigt werden muss. Immer wieder taucht die Frage auf, ob man überhaupt für das Studium geeignet ist. Nur wenige sprechen offen aus, worüber sie tage- und nächtelang nachgrübeln: „Bin ich gut genug? Schaffe ich das? Und was ist, wenn ich versage?“ Und schon nimmt das Gedankenkarussell seinen Lauf … 

Über prokrastinierende Studierende wird gerne gewitzelt und Prokrastination wird häufig als reine Faulheit abgetan. Von Fall zu Fall liegen allerdings unterschiedliche Gründe für ein aufschiebendes Verhalten vor. Ob Prüfungen wiederholt aufgeschoben, Seminare ausschließlich nach den zu erbringenden Leistungen ausgewählt werden oder aber Hausarbeiten künstlich in die Länge gezogen werden – all diese Beispiele haben in der Regel sehr wenig mit Faulheit zu tun, sondern resultieren sehr oft aus dem grundlegenden Gefühl, nichts auf die Reihe zu bekommen. Da wird dann alles Mögliche versucht, um das Risiko eines möglichen Scheiterns zu minimieren. Besser gar nichts tun, als das Falsche.

Perfektionismus im Überfluss

Perfektionistisch veranlagte Studierende, die das Studium mit hohen Erwartungen und Anforderungen an sich selbst bestreiten, bewegen sich oft zwischen den Extremen: Sie machen zu viel, zu intensiv – oder das Gegenteil. Man kennt sie oft als diejenigen, die jede Vorlesung, jedes Seminar und jede Übung so intensiv vor- und nachbereiten, dass alles andere auf der Strecke bleibt. Freizeit, Erholung und soziale Kontakte? Fehlanzeige.

Äußerlich zieht sich das Studium in die Länge, wenn Prüfungsleistungen immer wieder verschoben werden, mit dem Argument, sich ungenügend vorbereitet zu haben (bzw. zu fühlen). Dabei ist es unerheblich, wie die tatsächliche Vorbereitung aussieht. Wer an Selbstzweifeln leidet und sich immer wieder hinsichtlich des eigenen Leistungsvermögens, der Intelligenz, Konzentrationsfähigkeit (…) unsicher ist und im Vergleich mit den Kommilitoninnen und Kommilitonen gefühlt schlechter abschneidet, erreicht unter Umständen niemals den Punkt, an dem er oder sie zufrieden ist. Innerlich (und manchmal auch äußerlich) zu immer mehr Perfektion und Leistung getrieben, blockiert man sich auf diese Weise selbst. Hohe Ansprüche zu haben ist lobenswert, wenn aber die eigenen Ansprüche überzogen sind, ist ein Scheitern beinahe vorprogrammiert.

So werden in Prüfungen trotz guter Vorbereitung leere Blätter abgegeben (um nicht dem Risiko ausgesetzt zu sein, schlecht abzuschneiden), zu viele Seminare für ein einzelnes Semester gewählt und viele (nicht einhaltbare) Pläne zum Lernen erstellt, die vor allem eines dokumentieren: All das, was einem der überzogene Perfektionismus abverlangt. Und es dabei gleichzeitig blockiert.

Wer ist betroffen?

Überforderung und Selbstzweifel treten häufig auf.

Überforderung und Selbstzweifel treten häufig auf. Quelle: pixabay.com

Besonders häufig werden Studierende von Selbstzweifeln geplagt, die sich hinsichtlich ihrer Studienwahl unsicher waren und sich immer wieder die Frage stellen, ob sie das Richtige studieren. Dabei handelt es sich keineswegs um ein reines Luxusproblem, wenn man sich die gegenwärtigen Zahlen ansieht: Mit 240 staatlichen und ca. 100 privaten Hochschulen allein in Deutschland und 14.500 Studiengängen (von denen ca. 8.700 grundständig sind) kann man sich bei der Studienwahl durchaus überfordert fühlen. Sich aus dieser Masse an Möglichkeiten heraus für ein Studium zu entscheiden und damit auch noch richtig zu liegen, ist die eine Hürde. Die andere besteht darin, dass Studiengangswechsel in Deutschland – aus welchen Gründen sie auch erfolgen – noch immer ungerne gesehen sind und zumindest gut begründet werden müssen.

Zu den Betroffenen zählen außerdem Studierende, die als Erste in ihrer Familie einen Studienabschluss anstreben und deshalb zum Teil besonders hohe Erwartungen an ihre Leistungen haben, unter Umständen auch, um ihre Familie nicht zu enttäuschen. Eine gute Anlaufstelle für diese Gruppe ist zum Beispiel arbeiterkind.de. Es handelt sich dabei um

„… eine gemeinnützige Initiative mit mittlerweile bundesweit 6.000 (Stand Frühjahr 2015) ehrenamtlichen Mentorinnen und Mentoren in 75 lokalen Gruppen, die Schülerinnen und Schüler aus Familien, in denen noch niemand oder kaum jemand studiert hat, zum Studium ermutigt und sie vom Studieneinstieg bis zum erfolgreichen Studienabschluss unterstützt.“

Aber auch die Umstellung von der Schule zur Universität kann sich unter Umständen als eine große Herausforderung herausstellen: Wer schulisch mit Topnoten glänzte, könnte besonders in den ersten Semestern Leistungsbußen einfahren, die er oder sie sich oft nicht anders als mit der eigenen Unfähigkeit erklären kann. Wer beispielsweise nicht mehr als einige Stunden zur Klausurvorbereitung investiert hat, wird sehr bald merken, dass diese Lernstrategie im universitären Kontext in den seltensten Fällen aufgeht. Dann folgt das böse Erwachen und die ersten Zweifel nagen an der eigenen Kompetenz.

Aber auch ohne zu einer Risikogruppe oder Minorität zu gehören, können einen Selbstzweifel im Laufe des Studiums überkommen.

Wenn die Selbstzweifel die Oberhand gewinnen

Keine Angst mehr vor dem weißen Blatt.

Keine Angst mehr vor dem weißen Blatt. Quelle: pixabay.com

Manche kennen es als die „Angst vor dem weißen Blatt“, die Angst davor, einen unwiderruflichen Anfang zu machen, der den eigenen überhöhten Erwartungen einfach nicht gerecht wird bzw. werden kann. Die Gegenmaßnahme, zu der dann häufig geraten wird – nämlich einfach drauf loszulegen – wirkt eher hinderlich als förderlich. Denn wer perfekt abliefern möchte, erwartet von sich selbst, die Perfektion von Anfang an zu zeigen. Jeder Entwurf muss so gut sein, dass er theoretisch schon das Endprodukt darstellen könnte.

Dadurch steigt der Druck massiv an und um ihm irgendwie zu entgehen, wird alles Mögliche unternommen: Wahlloses Surfen im Internet, Zocken vor dem PC oder der Konsole, Ordnung schaffen, das Schreiben weiterer To-do-Listen und Wochenpläne … Im Hintergrund regiert allerdings nach wie vor das schlechte Gewissen, das man immer wieder beiseiteschiebt, indem man weitere Dinge (er)findet, die jetzt sofort erledigt werden müssen.

Gegenmaßnahmen: Zweifel bändigen

Wenn die eigenen Selbstzweifel überhandnehmen, wird es höchste Zeit, sich um Unterstützung zu kümmern. Dabei kann es sich natürlich um euer eigenes Umfeld handeln, etwa eure Freundinnen und Freunde, eure Familie, andere Studierende – oder um universitäre Anlaufstellen wie die Fachstudienberatung sowie die psychologische Beratung. Gerade über letztere habe ich in meinem Beitrag ausführlich berichtet. Versucht nicht krampfhaft, eure Sorgen und Unsicherheiten alleine auszuhalten, sondern holt euch Hilfe ins Boot. Das schafft einerseits etwas Distanz zu den eigenen Gedanken und Zweifeln und sorgt andererseits dafür, dass ihr euch nicht isoliert. Unten habe ich einige Beispiele angeführt, wie ihr ein Gegengewicht zu den negativen Gedanken und Gefühlen schafft.

Einige Tipps, um die Zweifelgedanken zu regulieren

  • Grübeln, Zweifeln und Hadern zeitlich begrenzen.

Das bedeutet, wenn ihr partout nicht von euren Negativgedanken loskommen könnt oder ihr gerade mitten in einer Gedankenschleife hängt, nehmt euch bewusst einige Zeit, um alle Zweifel zuzulassen. Dazu könnt ihr euch einen kleinen Wecker stellen, der euch lautstark an den Ablauf der „Sorgenzeit“ erinnert.

  • Zweifel, Sorgen und Ängste fixieren.

Schreibt euch diese Dinge von der Seele – tagsüber beim Lernen, auf dem Weg zur Uni oder zum Nebenjob und ganz besonders, wenn euch diese Gedanken vor dem Einschlafen plagen. Klingt simpel – aber was ihr aufs Papier bannt, ist erst einmal „gebändigt“, während es rein gedanklich weiterwuchern würde.

  • Darüber reden.

Es geht nicht ums Zerreden oder ums tatenlose Jammern, vielmehr geht es darum, dass ihr eure negativen Gedanken nicht in euch hineinfresst – denn das geht definitiv an die Substanz. Ihr wärt überrascht, wie vielen Studierenden es ähnlich ergeht. Nur reden die wenigsten offen darüber.

  • Sich ihre bzw. seine Stärken bewusstmachen.

Wenn die Unsicherheit wächst und das Versagen geradezu vorprogrammiert scheint: Es kann helfen, wenn ihr euch nicht an euren Schwächen und Fehlern festbeißt, sondern auch gleichzeitig die Fähigkeiten und Eigenschaften vor Augen führt, in denen ihr brilliert. Dafür müssen sie nicht zwangsläufig fachspezifisch sein, sondern können sich auf den zwischenmenschlichen Bereich beziehen, auf sportliche Betätigung – was immer euch einfällt. Wir sind Weltmeisterinnen und Weltmeister darin, Fehler und Schwächen aufzudecken. Aber wenn es um das geht, was uns gut gelingt und/oder leicht von der Hand geht, geraten wir ins Schwimmen. Deshalb: Auf das fokussieren, was ihr könnt!

  • Sich vergangene Erfolge ins Gedächtnis rufen.

Oft wiederholt, aber dennoch wichtig: Es gibt bereits Situationen und Anforderungen, die ihr in eurem Leben gemeistert habt – schulische, sportliche und/oder soziale. Wann immer euch Zweifel und Sorgen im Wege stehen, erinnert euch an diese Momente und imaginiert sie so lebhaft, wie es euch gelingt. Was ihr früher geschafft habt, könnt ihr wieder schaffen. Und selbst dann, wenn es einen zweiten oder dritten Anlauf erfordert.

Alles Gute dafür!

Romy

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