Nach der Uni: Wenn Noten plötzlich nicht mehr alles sind

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Noten: Etwa wertlos als Kriterium für das Einstellungsverfahren? Copyright: Gratisography

Schnell noch ein Blick auf den Notenaushang im Institut… Erwartungen erfüllt? Notendurchschnitt versaut? Die Wichtigkeit der Noten und des persönlichen Notendurchschnitts sind wohl das Eichmaß der universitären Leistungserbringung – letztendlich weil sie sich gut quantifizieren lassen und einen direkten Vergleich zulassen. Aber wie sieht es nach dem Studium aus?
Der akut herrschende Fachkräftemangel müsste augenscheinlich ein Segen für jeden Bewerber sein. Schließlich reißen sich die Unternehmen um ausgebildete Fachkräfte und das Bewerbungen schreiben ist in graue Vergangenheit gerückt. So oder zumindest so ähnlich müssten die Darstellungen frisch gebackener Absolventen klingen – leider sieht die Realität häufig etwas anders aus. Ausgebildete Fachkräfte, insbesondere im akademischen Sektor, stehen dem enormen Bedarf gegenüber – aber leider ohne Arbeitsplatz.

Wie Samuel Taylor Coleridge es in seinem Gedicht wiedergibt:

„Water, water, everywhere, nor any drop to drink“

Ein halbwegs vernünftig abgeschlossenes Studium, eine rechtschreibfehlerfreie Bewerbung und ein Bewerbungsbild im Kommunionsanzug sollten ein Garant für eine erfolgreiche Bewerbung sein. Oder etwa nicht? Die Ernüchterung kommt bei den ersten Bewerbungsgesprächen oder nach den ersten versandten Bewerbungen. Trotz guter Studienleistung bekommt man keine Antwort, eine Absage oder wird eingeladen und bekommt trotzdem anschließend eine Absage. Diese Überraschung ist groß, wohl ebenso wie die Fehleinschätzung an die Bewerbungsverfahren. Fragen und Zweifel steigen im Bewerber auf: Sollten etwa nicht nur die Noten eine Rolle spielen? Dabei hat man während seines Studiums Unmengen Wissen angehäuft, für die Bachelorthesis noch 5 Quellen extra zitiert und das Studium in Regelstudienzeit absolviert. Aber was kann dann noch fehlen, an dem selbsternannten Prototypen des Vorzeigestudenten? Wir leben in einer beruflichen Gesellschaft, die einigen Fähigkeiten nur wenig Aufmerksamkeit zukommen lässt. Dies wohl vor allem, weil sie sich so schwer Quantifizieren lassen: Empathie, Anpassungsfähigkeit, Kreativität und allgemein Sozialkompetenzen – um nur ein paar zu nennen.

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Im Bloomberg Recruiter Report wurden 1320 Recruiter aus 600 Firmen befragt, was diese für Fähigkeiten suchen und leider kaum finden. Auch wenn dieser schwerpunktmäßig auf Master of Business Administration (MBA) abzielt, zeichnet sich dennoch ein Muster ab.

Aber sind Noten dann überhaupt wichtig?

Noten als unwichtig darzustellen wäre sowohl absurd als dass es auch jeglicher differenzierten Betrachtung die Argumentationsgrundlage rauben würde. Grundlegend muss man zunächst einmal überlegen wem man die Frage stellt – Google oder Daimler? Auch wenn sich heutzutage jedes Unternehmen als „innovativ“ und anders denkend krönt, sind es wohl nur die wenigsten denen man diese Eigenschaften wohl wirklich zuschreiben würde. Vor allem sind diese Statuten wohl kaum auf deren Bewerberwahl zu übertragen.

In einem Interview mit der New York Times sagte Laszlo Bock, Chief of Human Resources bei Google, dass Noten „wertlos als Kriterium für das Einstellungsverfahren sein“. Im April wiederholte Bock auf der People Analytics Conference sein Argument:
„Wir haben einen Haufen Analysen durchgeführt und herausgefunden, dass Noten wenig über deine nächsten 2 Jahre voraussagen, und für den Rest deiner Karriere vollkommen unerheblich sind“. Und wenn eine Firma Zugang zu enormen Datenmengen hat, ist Google wohl der richtige Ansprechpartner. Nebenbei zu erwähnen, dass sich jedes Jahr über 2 Millionen Bewerber um die begehrten Stellen beim Technology-Giganten bemühen.
Die Unternehmensberatung Ernst & Young will auch Bewerbern ohne Abschluss bzw. nur mit mittelmäßigen Studiennoten eine Chance geben. Ein beachtlicher Schritt, wenn man bedenkt wie elitär verschrien die Beraterbranche doch ist.

Darum Bewerbungsgespräche!

Im Bewerbungsgespräch soll geklärt werden, ob du in das Unternehmen, die Unternehmenskultur und in das Team passt. Warum sollte es den Arbeitgebern wohl sonst so wichtig wie sein, wie du deinen außeruniversitären Alltag gestaltest? Und nein, ich spreche nicht über das allseits beliebte Beispiel des Fußballvereins. Das hält wohl keiner vernünftigen Argumentation stand, wenn man bedenkt, dass man auch als Einzelkämpfer auf dem Platz aufgestellt werden kann, um dort dann ohne ausgefeiltes Teamplay das Lederknäuel ins Netz zu befördern.
Dazu kommen dann clevere und knifflige Fragen auf die dich dein universitäres Wissen nicht vorbereiten kann:

„Was denken Sie hat mehr Werbe-Potential – Eine Blumenladen oder ein Beerdigungsinstitut?“ – Google 2015

Den Unternehmen sind Noten wichtig und sie sind die Hürde und ein fiktiver Maßstab für das Bewerbungsgespräch bzw. die Grundvoraussetzung für den gewünschten Job. Im Gespräch will der Personaler aber herausfinden wie teamfähig man ist und ob die persönlichen Eigenschaften, in Verbindung mit den fachlichen Fähigkeiten zu dem betreffenden Job passen. Inzwischen ist jeder Job interdisziplinär und erfordert weitaus mehr als in seinem Fachgebiet gut ausgebildet zu sein. Vielen Studenten ist das bewusst, arbeiten jedoch trotzdem nicht gezielt an ihrer Persönlichkeit. Klingt das jetzt zu sehr nach Motivationscoach und „go for it“ Mentalität? Mag sein, dennoch sollte man nicht außer Acht lassen, dass einen ein Defizit im späteren Berufsleben einmal einholen kann.

Ich möchte gar nicht so dramatisch klingen, aber schlechte bis keine zwischenmenschlichen Kommunikationsfähigkeiten begrenzen die Aufstiegschancen wohl substanziell. Aber wer möchte das schon hören? An sich selbst und seiner Persönlichkeit arbeiten hat ja nicht gerade Hochkonjunktur. Und vielmehr sind wohl die meisten davon überzeugt, dass ihnen diese Fähigkeiten wohl im Blut liegen. Dem ist aber häufig nicht so.
Wohl jeder von uns hat schon es schon während seines Studiums erlebt, wie ungern Kommilitonen und „Freunde“ Studienunterlagen, Altklausuren oder Mitschriebe weitergeben. Diese Personen sind von Teamplayern Lichtjahre entfernt und erliegen der Illusion, dass sie sich im späteren Arbeitsleben ändern würden. Aber dann geht es nicht mehr um die Abschlussnote oder die miese Studienkonkurrenz, sondern um die nächste Beförderung oder die Stelle als Gruppenleiter. Diese „Ellenbogen-Mentalität“ kann natürlich nützlich sein, aber sich auch im Umkehrschluss gegen einen wenden, da sie das Vertrauen und das Teamgefühl schwächen.

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Zwischenmenschliche Interaktion: Wichtiger als Du denkst. Copyright: Helloquence by Stocksnap

Dennoch kein einseitiges Problem

Die Problematik ist dennoch nicht nur auf der Bewerberseite. Schließlich entgehen den Unternehmen so möglicherweise brillante und sehr passionierte Mitarbeiter mit enormen Entwicklungspotential – was denke ich jeder von uns mitbringt. Auf der anderen Seite verpassen viele Menschen die Gelegenheit für ihren Traumjob, weil ihnen die Zwischenmenschliche Interaktion schwerfällt. Aber du kannst ohnehin nur was an einer Seite was ändern und das sind die Fähigkeiten auf der Aktiva-Seite der Bewerbungsbilanz.

Ich möchte keinesfalls falsch verstanden werden und auch niemanden ermutigen anstatt zu lernen doch lieber die 2 Flaschen Gin der letzten WG-Party mit seinen Kommilitonen zu leeren. Das abgeschlossene Studium und ein gutes Abschlusszeugnis sind ein hervorragender Grundstein für eine erfolgreiche Jobsuche. Wie Maggie Stilwell von Ernst & Young ihre neue Unternehmensphilosophie zusammenfasst: „Die akademischen Qualifikationen werden auch weiterhin wichtig bleiben, wenn wir uns den Bewerber als Ganzes anschauen.“ Deine Noten sind letztendlich die Eintrittskarte in die Berufswelt und der Indikator wie gut du dich in komplexe Problemstellungen einarbeiten und dieses Wissen auf Verlangen abfragen kannst. Sonst würden Bewerber vermutlich direkt ohne persönliches Gespräch eingestellt, solange die Personalabteilung von den paar spannend formulierten Zeilen im Anschreiben überzeugt ist.

Rechtzeitig tätig werden

Natürlich kann und will ich das nicht auf jeden Berufszweig und jedes Stellenangebot verallgemeinern. Dafür ist jede Berufssparte zu sehr diversifiziert und die Konzerne bieten zu unterschiedliche Karrierechancen. Auch möchte ich hier keinesfalls den Eindruck erwecken, dass schlechte bis sehr schlechte Studienleistung gepaart mit außergewöhnlicher Sozialkompetenz einen perfekten Bewerber macht.

Vielmehr möchte ich einen Anreiz geben, dass es wirklich Sinn macht sich auch außeruniversitär weiterzubilden und dass man rechtzeitig über den eigenen Tellerrand schauen sollte. Dies betrifft aber nicht nur fachverwandte Themenbereiche, sondern auch persönliche Kompetenzen. Auch wenn die oben genannten Beispiele von Google und Ernest & Young nur der Anfang sind und man sie zum Teil als Experiment einstuft, sollte man sich überlegen, ob sich dieser Umschwung fortsetzt und einem durch frühzeitige Anpassung noch ganz andere Türen offenstehen.

Stefan

ist 2010 aus Westfalen für das Studium der Fahrzeugtechnik nach Stuttgart gekommen und arbeitet nebenher als wissenschaftliche Hilfskraft. Ansonsten fanatisch technikbegeistert und leidenschaftlicher Ruderer. Die restliche Freizeit wird vorzugsweise mit Musik und Literatur gefüllt :)

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