Hilfe, ich bin ein(e) Studienabbrecher(in)

Neu anfangen, oder durchziehen? Copyright: Seleneos / photocase.de

Neu anfangen, oder durchziehen?
Copyright: Seleneos / photocase.de

Das Studium abbrechen – mach ich’s? Mach ich’s nicht? Für viele Studierende eine regelrechte Horrorvorstellung. Nicht so für Anna* und Max*, die beide beschlossen haben, ihr jetziges Studium an den Nagel zu hängen. Wie es dazu gekommen ist, welche Gründe dafür sorgen, dass Studierende ihr Studium abbrechen und warum ein Studienabbruch nicht das Ende der Welt bedeuten muss, das sind die Schwerpunkte des heutigen Beitrags.

Manche Entscheidungen gehen einem leicht von der Hand. Manche wiederum treiben einen regelrecht zur Verzweiflung, besonders dann, wenn viel von ihnen abhängt. Wer sich mit dem Gedanken auseinandersetzt, sein Studium nicht zu Ende zu bringen, sieht sich unvermittelt einem Bombardement von Fragen ausgesetzt. Die meisten davon werden zu allem Überfluss in einem vorwurfsvollen, besorgten oder besserwisserischen Tonfall gestellt, der vor allem für eins sorgt: Noch mehr Zweifel.

Wer in Erwägung zieht, sein bzw. ihr Studium vorzeitig zu beenden und keinen Abschluss zu machen, hat es sich in der Regel alles andere als leicht gemacht. Drohende Zukunftsängste und -sorgen, die eigene Unsicherheit darüber, wie es nach dem Abbruch weitergehen soll und was das nächste Umfeld zu dieser Entscheidung sagt, beherrschen die Gedanken von StudienabbrecherInnen. Folgende Fragen rattern in Dauerschleife durch die Gehirnwindungen und sorgen für schlaflose Nächte: Höre ich ganz auf? Fange ich etwas Neues an? Bringe ich das Alte zuerst zu Ende? Reicht meine Energie überhaupt noch dafür? Möchte ich etwas fertigstudieren, was mir überhaupt nicht liegt oder in welchem Bereich ich niemals berufstätig sein werde?

Zwei Studierende berichten über ihre Entscheidung

Auf den ersten Blick haben Anna und Max bis auf die Tatsache, dass sie beide zwischen Anfang und Mitte Zwanzig sind, wenig gemeinsam. Was sie verbindet, ist ihre Entscheidung für einen Studienabbruch – wenn auch aus unterschiedlichen Gründen.

Warum bricht Max sein BWL-Studium im fünften Semester ab, obwohl er kurz vor dem Abschluss steht? „Klar war es nicht einfach, so kurz vor Schluss das Handtuch zu werfen“, sagt Max. „Dabei wusste ich schon im ersten Semester, dass mir das Studium nicht liegt. Ich habe mich meinen Eltern zuliebe fünf Semester lang durchgequält. Aber ich konnte einfach nicht mehr.“ Dabei fehlen ihm nur noch zwei Leistungsnachweise: Eine Klausur und die Bachelorthesis. Wie es jetzt für ihn weitergehen soll, weiß er aber genau: „Ich fange jetzt endlich das Studium an, das mich interessiert – Architektur.“ Dafür hat er auch schon verschiedene Vorlesungen besucht und hatte bereits einen Termin bei der Studienberatung. Dass die Jobchancen eher mau sind, ist ihm bewusst. Er hofft aber, mit seinem Engagement zu punkten und darauf, dass künftige ArbeitgeberInnen ihm trotz des Knicks im Lebenslauf eine Chance geben.

Ab hier Endstation. Wer das Studium abbricht, weißt oft nicht, wie es weitergehen soll.

Ab hier Endstation. Wer das Studium abbricht, weißt oft nicht, wie es weitergehen soll.

Anna hat bis zum 1. Staatsexamen durchgehalten. „Ich wollte etwas in der Hand haben“, begründet sie ihren Entschluss. „Aber ins Referendariat gehe ich nicht mehr. In meinen Praktika habe ich gemerkt, dass mir das Unterrichten zwar liegt, ich aber auf keinen Fall mein Leben lang Kinder unterrichten will.“ Eine reichlich späte Erkenntnis, möchte man ihr spontan vorhalten. Anna wischt die Bedenken beiseite, noch bevor sie ausgesprochen werden. „Ich bin keine Träumerin“, sagt sie. „Die Entscheidung gegen die relativ sichere Beamtenlaufbahn habe ich mir gut überlegt. Gerade deshalb habe ich mich rechtzeitig nach Alternativen umgesehen und habe verschiedene Schulbuchverlage kontaktiert. Natürlich hat es viele Absagen gehagelt, weil mir ja die Berufspraxis fehlt. Aber ein Verlag hat mir die ersehnte Zusage gegeben. Und dort möchte ich mich richtig reinhängen und zeigen, dass ich es wirklich will.“

Gründe für den Studienabbruch sind vielfältig

Kein Abschluss, kein Plan? Ängste und Sorgen ohne Silberstreif am Horizont.

Kein Abschluss, kein Plan?  Aber: Es gibt trotz allem einen Silberstreif am Horizont.

Wie Anna und Max geht es vielen Studierenden. Manche ziehen rechtzeitig die Notbremse und wechseln frühzeitig den Studiengang, andere brechen das Studium kurz vor dem Abschluss ab. Die Gründe für einen Studienabbruch sind dabei vielfältig. Oft geht es um Leistungsprobleme oder Schwierigkeiten bei der Finanzierung des Studiums, etwa, wenn kein Bafög-Anspruch besteht und man ein sehr zeitintensives Studium mit vielen Anwesenheitspflichten betreibt. Doch auch andere Gründe können zu der Entscheidung für oder gegen das Studium führen. Das kann dann der Fall sein, wenn die Vorstellung vom Studium mit der Realität heftig aufeinanderprallt – wenn beispielsweise das Studium als viel zu theorielastig empfunden wird (das Gegenteil ist seltener der Fall), obwohl man eher praktisch veranlagt ist.

Neben den Studieninhalten ist manchmal die Organisation an der Universität der Auslöser für Abbruchsgedanken – Studierende fühlen sich unzureichend betreut oder durch bestimmte Klausuren regelrecht „ausgesiebt“. Wenn die Studienbedingungen vorne und hinten nicht stimmen, ist es sinnvoll, über mögliche Alternativen nachzudenken: Manchmal genügt es dann, nicht das gesamte Studium hinzuschmeißen, sondern den lediglich Studienort zu wechseln – beispielsweise von einer Massenuniversität zu einer kleineren, die ein ausgewogeneres Studierendenden-DozentInnen-Verhältnis aufweist.

Was sich auf jeden Fall empfiehlt, ist der Gang zur Studienberatung. So könnt ihr möglichen vorgeschobenen Gründen auf die Schliche kommen. Hinter einem Prokrastrinationsverhalten steckt möglicherweise die Angst, den eigenen Ansprüchen (oder denen der Eltern) nicht gerecht zu werden. Motivationslosigkeit kann ebenfalls verschiedene Ursachen haben – etwa das Gefühl, für die DozentInnen nur eine weitere Matrikelnummer darzustellen und somit völlig austauschbar zu sein.

Manchmal sorgen finanzielle Ängste dafür, dass man den Abbruch des Studiums in Erwägung zieht. Hier findet ihr Informationen der Universität Stuttgart zum Thema Studienfinanzierung. Unter Umständen ist es eine Überlegung wert, für einen begrenzten Zeitraum einen Studienkredit aufzunehmen, um finanzielle Engpässe zu überbrücken.

Überforderung, Ängste und andere Hürden

Prüfungs- und Versagensangst spielen bei solchen Überlegungen oft ebenfalls eine große Rolle – und bevor das eigene Versagen Schwarz auf Weiß per Exmatrikulation in den Briefkasten flattert, kommt man dieser Erfahrung am besten zuvor, indem man sich intensiv mit den Gründen auseinandersetzt.

Auch wenn nur ungern offen darüber gesprochen wird, leidet eine Vielzahl der Studierenden an Lernschwierigkeiten, Schreibblockaden, Prüfungs- oder sogar Redeängsten. Manche haben einfach noch nicht die richtige Lernmethode für sich gefunden und verzweifeln regelmäßig angesichts der zu bewältigenden Stoffmenge, die am Ende des Semesters abgefragt wird. Andere haben massive Probleme mit der Konzentration oder verzetteln sich bei der Planung ihres Lernvorhabens, weil sie die Stoffmenge falsch eingeschätzt haben. Wiederum andere sitzen mit Bergen von Büchern Tag für Tag in der Universitätsbibliothek und starren stundenlang auf eine weiße Word-Datei – die sprichwörtliche Angst vor dem weißen Blatt bzw. Monitor.

Einige sind schlichtweg von der Selbstorganisation überfordert, die an der Universität vorausgesetzt wird. Kommen dann noch Ängste und/oder Hemmungen ins Spiel, die ein Nachfragen bei höheren Semestern oder DozentInnen erschweren, baut sich allmählich ein großer Druck auf, der in einen Kreislauf aus Überforderung, Hilflosigkeit, Wut und Angst münden kann. Um solche Ängste anzugehen, bietet die Universität Stuttgart in der Lernwerkstatt verschiedene Kurse an, in denen intensiv an diesen Problematiken gearbeitet wird. Und wenn auch das noch nicht genügt, empfiehlt sich der Gang zur kostenlosen psychologischen Beratung der Universität, um seine Probleme zu bearbeiten. Ihr profitiert in jedem Fall davon, wenn ihr euch aktiv Hilfe sucht.

Eine Runde aussetzen – oder Schlussstrich ziehen?

Der Studienabbruch ist entschieden? Dann ist es höchste Zeit für Plan B (C, D ...)!

Der Studienabbruch ist entschieden? Dann ist es höchste Zeit für Plan B (C, D …)!

Manchmal kann es sinnvoll sein, ein oder zwei Semester zu pausieren, bevor ihr euch endgültig gegen das Studium entscheidet. Auch dafür ist es notwendig, sich mit der Studienberatung bzw. dem Studierendensekretariat in Verbindung zu setzen, um alle Möglichkeiten auszuloten. Manchmal tun sich dabei Lösungswege auf, an die ihr nicht gedacht habt. Immer wieder kommt es vor, dass das Leben nicht wie geplant verläuft – und für genau solche Situationen ist es dann sinnvoll, sich ausreichend zu informieren und beraten zu lassen.

So, der Schlussstrich ist gezogen. Ist die Entscheidung endgültig gefallen? Dann zieht es durch. Und konzentriert euch auf das, was ihr als Nächstes tun wollt. Der Blick auf das Vergangene hat durchaus seine Berechtigung, aber wenn ihr langfristig eure Ziele erreichen wollt, müsst ihr sie a) überhaupt kennen und b) die nächsten Schritte dafür fest ins Auge fassen.

Die Tipps im Überblick

Und hier habe ich noch einmal die gesamten Tipps aufgelistet:

  • Gründe für den Abbruch evaluieren (auch verdeckte Sorgen/Ängste aufspüren)
  • Mit FreundInnen und/oder KommilitonInnen austauschen (Tipps einholen, Erfahrungen austauschen)
  • Lernwerkstatt besuchen und/oder psychologische Beratung in Anspruch nehmen
  • Studienberatung aufsuchen (Workshops, Einzel- und Gruppenberatung)
  • AkademikerInnenberatung bei der Agentur für Arbeit (über die Universität Stuttgart möglich)
  • Kontakt zum Bafög-Amt aufnehmen (um weitere Zahlungen bzw. Finanzierung zu klären)
  • Alternative Optionen abwägen (Ausbildung, Dualstudium, Auszeit in Form eines FSJ, FÖJ, BFD, Au-pair, Work & Travel)
  • Eine Entscheidung treffen
  • Hinter der Entscheidung stehen
  • Durchstarten

Ich wünsche euch alles Gute für eure Entscheidung!

Romy

*Name geändert

4 thoughts on “Hilfe, ich bin ein(e) Studienabbrecher(in)

  1. Julius sagt:

    Also ich hab auch mein Studium abgebrochen und dann die Chance auf eine verkürzte Ausbildung bekommen. Mein Chef hat sogar meine Weiterbildung zum Industriemeister mitfinanziert, die ja auch ne Stange Geld kostet (siehe hier: http://www.fain.de/klug-investiert/). Aber klar, als Studienabbrecher muss man halt schon etwas mehr Eigenengagement zeigen und sich und seinen „Bruch im Lebenslauf“ gut verkaufen können.

    Grüße Julius

    1. Romy sagt:

      Hallo Julius,

      zunächst einmal herzlichen Glückwunsch zur Ausbildung!
      Es ist wirklich wünschenswert, wenn mehr Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber so offen und unterstützend reagieren würden, wie es bei dir der Fall war. Denn um sich nach einem Abbruch – oder Richtungswechsel – beweisen zu können, benötigt man letztendlich auch die Gelegenheit dazu.

      Natürlich stehend die Studierenden zu einem nicht unerheblichen Teil selbst in der Verantwortung, Engagement zu zeigen. Für eine gelungene Neuorientierung müssen sich beide Seiten entgegenkommen, um zukünftig voneinander profitieren zu können.
      Hier sehe ich wesentlich mehr Potenzial, das (noch) nicht hinreichend genutzt wird.
      Aber das Umdenken hat bereits begonnen.

      Ich wünsche dir weiterhin alles Gute!

      Gruß Romy

  2. Hannes sagt:

    Hi Romy,

    ein schöner Text zum Thema Studienabbruch! Ich glaube, so langsam ändert sich auch in Deutschland die Sichtweise darauf. Versagen und Faulheit wurden ja häufig den Studenten unterstellt, die abbrechen. Mittlerweile ist ein solcher Schritt schon viel akzeptierter, gerade bei anderen Studenten, die wissen, wie stressig und belastend eine solche Entscheidung ist. Dann wünsch ich den Beiden mal viel Glück für den weiteren Weg! 🙂

    Viele Grüße
    Hannes

    1. Romy sagt:

      Hallo Hannes,

      vor wenigen Jahrzehnten hat man uns in der Schule von der Globalisierung gepredigt und auf ihre Chancen und Risiken hingewiesen. Mein Eindruck ist es, dass es sehr stark von der jeweiligen Branche abhängt, wie offen Unternehmen und Betriebe auf nicht-geradlinige Lebensläufe reagieren.

      In der Theorie wird Flexibilität, Anpassungsfähigkeit und Engagement sehr geschätzt, wenn es dann allerdings um die Umsetzung geht, d. h. sich ganz konkret umzuorientieren, dann begegnet man häufig Skepsis und erntet zuweilen auch den Vorwurf, sich nicht festlegen zu wollen (oder zu können), mitunter auch planlos zu sein.

      Tatsächlich dreht sich das Rad der Zeit nicht schneller, aber Veränderungen gehen auf verschiedenen Ebenen rasend schnell vonstatten. Die Wenigsten üben ihren Beruf bis zur Rente aus, sondern orientieren sich gegebenenfalls mehrfach um. Das ist nicht alleine der Vielzahl an Möglichkeiten geschuldet, vor denen wir beruflich stehen, sondern auch und gerade dem vielfältigen Druck von verschiedenen Seiten.

      Sich einzugestehen und anzuerkennen, dass der Weg, den man eingeschlagen hat, für einen selbst nicht (mehr) stimmig ist, erfordert Mut. Diesen Schritt nach außen zu vertreten und tatsächlich zu gehen, erfordert noch mehr Mut.
      Den Mut und die Unterstützung, die man hierfür benötigt, wünsche ich allen, die sich zu diesem Schritt entschließen.

      Auch dir alles Gute!

      Gruß Romy

Schreibe einen Kommentar zu Romy Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*